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WIEN / Theatermuseum: ÖDÖN VON HORVÁTH UND DAS THEATER

17.03.2018 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Theatermuseum:
„Ich denke ja garnichts, ich sage es ja nur.“
ÖDÖN VON HORVÁTH UND DAS THEATER
Vom 15. März 2018 bis zum 11. Februar 2019

Die Welt, in der er lebte

Erstens: Das Theatermuseum ist wieder in seiner Identität greifbar und nicht nur (was durchaus eine Ehre ist) als Gastgeber für die Werke der (aus Renovierungsgründen) ausquartierten Akademie der Künste (im ersten Stock). Denn nun gibt es in den hauseigenen Ausstellungsräumen im Erdgeschoß, die noch um das Umfeld erweitert wurden, eine Ausstellung, die mit Theater zu tun hat. Aber nicht nur damit. Zweitens: Theater ist (oder sollte sein) ein sinnliches Ereignis. Im Fall von Ödön von Horvath „spielten“ die meisten und die besten seiner Stücke in der Welt, in der er lebte. Das hat Bühnenbildner Peter Karlhuber „inszeniert“. Es ist eine der spannendsten Ausstellungen, die man derzeit sehen kann.

Von Renate Wagner

Ödön von Horvath    Geboren 1901 in Ungarn, als es noch zur Habsburger-Monarchie gehörte, gestorben vor 80 Jahren, im Juni 1938 in Paris, und das auf besonders tragische Weise: Horvath hatte abgelehnt, mit einem Auto ins Hotel gebracht zu werden, ging lieber zu Fuß, ein Gewitter tobte, und er wurde auf den Champs-Élysées von einem herabfallenden Ast erschlagen. Ein Ast hängt auch an der Decke des Eingangsraumes des Theatermuseums, wenn er auch zu klein erscheint, einen Menschen zu töten. Aber er ist nur ein Symbol von vielen, die man sich für die Welt des Ödön von Horvath ausgedacht hat. Es war jene, an die jetzt, achtzig Jahre nach dem Anschluß, wieder gedacht wird: Der junge Horvath lebte in den zwanziger Jahren zwischen Wien und München, Berlin und Salzburg, überall, wo er den heraufziehenden Nationalsozialismus beobachten konnte, dem er sich mit seinen so treffsicheren Alltagsschildungen entgegenstellte. Mit etwa einem halben Dutzend seiner Stücke ist er nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute unverzichtbarer Bestand des Repertoires deutscher Bühnen geblieben.

Links: Kasimir und Karoline     Die drei Ausstellungsräume (eigentlich zwei größere und ein kleiner Gang dazwischen, der sich aber gut nützen lässt) bringen immer wieder Allgemeines zum Thema Horvath, aber das übliche Ausstellungsmaterial – Fotos, Bühnenskizzen, Zeitungsartikel – ist um Sinnliches aufgewertet. Zu „Kasimir und Karoline“, dem ergreifendsten seiner „Arme Leute“-Stücke, gibt es nicht nur andeutungsweise das Karussell vom Münchner Oktoberfest, sondern im Hof des Theatermuseums noch eine große Rummelplatz-„Schaukel“, die aussieht, als könne man sie benützen. Hier wird vor allem die hohle Unterhaltungswelt thematisiert, die in den gar nicht so „Goldenen Zwanziger Jahren“ und darüber hinaus von der politischen Realität ablenken sollte. Überall laufen übrigens Horvath-Verfilmungen auf TV-Monitoren.

Mitte: Geschichten aus dem Wiener Wald     Das ist sie, die Fleischerei-Theke von Oskar, dem die arme Marianne nicht entkommen kann, samt Schweinskopf, Würsten und Helmut Qualtinger (die vollkommenste Verkörperung der Rolle) im Bild. Vis a vis die – gar nicht schönen – Puppenköpfe aus der Puppenklinik des „Zauberkönigs“, vor dem seine Tochter davonläuft… nur wenige Quadratmeter, und alles da in dieser beengten Welt von Kleinbürgern, die Spielball der Politik wurden.

Rechts: Die italienische Nacht   Hier findet sich nun geballt das politische propagandistische Material der Zeit, das klar macht, wie aufgehetzt die Gemüter und wie starr die Fronten waren. Man befindet sich in einem demolierten Wirtshaussaal, umgeworfene Sitzbänke, zerschmetterte Bierkrüge, Reden hätte man wohl auf umgestürzten Bierkisten gehalten… Hier wird die „Murnauer Saalschlacht“ thematisiert, die Horvath (der ab 1923 auch von Zeit zu Zeit in dem oberbayerischen Städtchen Murnau am Staffelsee lebte) möglicherweise miterlebt hat – damals, als die Faschisten eine Versammlung der Sozialisten im Saal des Gasthofs Kirchmeir sprengten, wobei eine Menge Verletzter am Boden liegen blieben. Um genau so ein Ereignis kreist Horvaths „Italienische Nacht“, aber er muss es voraus geahnt haben, denn das Stück war fertig, als diese „Schlacht“ ablief – typisch für viele andere.

Information im Detail     Die „Inszenierung“ der Ausstellung ist so stark, dass sie Gefahr läuft, den Großteil der Aufmerksamkeit zu absorbieren. Doch die Vitrinen enthalten viel Wichtiges zu Horvaths Zeit und seinem Leben, wenn auch Dokumentarisches dieser Art öfter zu sehen ist. Dass man in die zwanziger, dreißiger Jahre regelrecht „mitgenommen“ wird, das hat man so kaum erlebt. Und im übrigen: Für den genauen Umgang mit den Materialien ist der umfangreiche Katalog, den die Kuratoren Nicole Streitler-Kastberger und Martin Vejvar zusammen gestellt haben, zu empfehlen (Verlag Jung und Jung).

Österreichisches Theatermuseum:
Ich denke ja garnichts, ich sage es ja nur.
Ödön von Horváth und das Theater
Bis zum 11. Februar 2019, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr

 

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