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WIEN / Theater in der Josefstadt: KOMÖDIE DER VERFÜHRUNG

Nebel, Operette, Video

03.09.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
KOMÖDIE DER VERFÜHRUNG von Arthur Schnitzler
Bearbeitet von
Ildikó Gáspár
Premiere:  3. September 2026,
besucht wurde die Generalprobe

Nebel, Operette, Video

Der Saisonbeginn am Theater in der Josefstadt läutet auch eine neue Ära ein: Marie Rötzer hat die Direktion des Hauses übernommen.

Erste Premiere: Arthur Schnitzler. Wunderbar, der Mann hat schließlich großartige Stücke geschrieben.
Am Programm: „Komödie der Verführung“. Interessant, weil sehr selten gespielt, nur Fachleuten bekannt. An die  letzten Wiener Premieren, 1966 am Volkstheater und 1980 am Burgtheater, erinnern sich nur noch die Dinosaurier im Publikum.

Die Spielplanankündigung der neuen Direktorin klang schaumgebremst josefstädtisch. Aber jedes Stück ist nur so gut wie seine Inszenierung, und wenn Marie Rötzer mit der Produktion der ungarischen Regisseurin Ildikó Gáspár ihre Visitenkarte mit Zukunftsaussichten abgibt, kann man sich vorstellen, was kommt. Inszenierungen à la  Ich hätte da eine Idee / Dazu fällt mir ein / Da könnte man doch – kurz, das heutzutage übliche Kuddelmuddel, bei dem die Dichter / Autoren mit Sicherheit unter die Räder kommen.

Nun ist die „Komödie der Verführung“ keines der klassisch „guten“, dramaturgisch stringenten, klar formulierten Schnitzler-Stücke, sondern sogar äußerst diffus, psychologisch kaum fassbar und sprachlich oft pathetisch. Aber die Unbestimmtheit macht auch einen Teil des Reizes aus, vor allem, weil die Geschichte dezidiert im Sommer 1914 spielt und mit der Nachricht vom Ausbruch des Krieges (später als der Erste Weltkrieg bekannt) endet.

Dazu hat Schnitzler in der Hektik einer Spätzeit die höheren Gesellschaftsschichten zusammen geholt – eine Fürstin, einen Prinzen, eine Gräfin, zwei Freiherrn, dazu die Mächtigen der Gesellschaft, einen Bankpräsidenten, einen Staatsanwalt… hier dürfen sich nur die Künstler hineinmengen, ein Dichter, eine Sängerin, eine Geigerin an der Schwelle des Ruhms.

Komödie ist es wahrlich keine, man wüsste nichts Heiteres an dem Stück zu finden, das mit einem großen Fest beginnt und in einem dänischen Badeort endet. Die „Verführung“ geht von dem jungen, reichen Max von Reisenberg aus, der zwar alle Damen, die er anschwärmt – die Gräfin Aurelie, die Sängerin Judith, die Geigerin Seraphine – ins Bett bekommt, aber keine will ihn behalten. Schnitzler zeichnet hier die „neuen“ Frauen, die ihr Schicksal selbst zu bestimmen belieben. Sieht man im Stück Beispiele für Ehefrauen,  so sind sie zornig und unterdrückt oder, die eben in die Ehe Geflohene, schon a priori gelangweilt…

Daneben wird der Hedonismus der Reichen gezeigt, die sich von der Weltgeschichte nicht stören lassen wollen, und am Beispiel des Bankdirektors jene Kapitalistenkaste, die den Krieg herbeiwünscht, um sich daran zu bereichern… was allerdings auch schiergehen kann.

Das mag für unsere Zeit – auch wenn die Geschichte hin und her wackelt und nicht alle Figuren in ihren Handlungen greifbar und begreifbar werden – durchaus reizvoll sein, und das war es offenbar für Regisseurin Ildikó Gáspár, die auch „bearbeitet“ hat und zwar so wild, dass das Original kaum zu erkennen ist. Sie wollte auch damit (sieht man von wenigen Szenen ab) nichts Wirkliches, nichts Schnitzlerisches. Sondern zweifellos nur – sich selbst.

Ich hätte da eine Idee – wie wäre es, wenn man diese schwankende Vorkriegsgesellschaft ganz in diffuses Licht tauchte, damit die Handlung die meiste Zeit lang im Nebel versinkt? Deutlichkeit verlangen ja nur ein paar zerebrale Gestrige, die wollen „Analyse“ statt „Stimmungsbild“, aber das heutige Publikum ist alles an Effekten gewöhnt, was man zu bieten hat – inklusive eine Rahmenhandlung, in der die Tonanlage geprüft wird, Ballkostüme, die von LGTBQ inspiriert sind und eine Trans-Party suggerieren, und was man noch alles als „zeitgenössischen Kommentar“ einbringen kann. Die Regisseurin scheut sich als Co-Autorin des Abends nicht, jede Menge Erfundenes (bis Blödes – eine Tombola fürs Publikum!?!) einzubringen. Es sagt ihr ja offenbar niemand, dass das Stück immerhin von Schnitzler ist und dass dies zu respektieren wäre…

Dazu fällt mir ein – wie wär’s, wenn man ein wenig (oder gar nicht so wenig) Operette einbrächte? Kalmans „Csardasfürstin“. 1915 uraufgeführt, ist ein musikalisches Meisterwerk voll sentimentaler Melodien – das kann man singen, dazu kann man tanzen. Also, man streicht zwar viele Personen und Handlungsstränge (was okey ist, das Stück ist tatsächlich überbordend), bläst es aber mit allerlei an sich Unnützem auf. Man hat schließlich eine Regiehandschrift zu präsentieren.

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Da könnte man doch … ja, was noch? All das genügt nicht. Der Clou des Abends besteht bis zur Pause, die erst nach einer Stunde 50 Minuten kommt, darin, dass die Darsteller sich kaum auf der Bühne, aber reichlich im Theater aufhalten – und live gefilmt per Videoteils riesig aufgeblasen  auf einer Leinwand vor der Bühne zu sehen sind. Tatsächlich hat man sich selten so sehr „im Kino“ gefühlt, wenn es eigentlich Theater sein sollte.

Erst nach der Pause (wo bereits eine Menge Publikum verjagt wurde) herrscht plötzlich anstelle der Schrille die Normalität, die Schauspieler spielen auf fast leerer Bühne ihre Schicksale zu Ende, allerdings immer noch verfremdet genug. Ob jeder Zuschauer, wenn er das Stück nicht kennt, begreift, dass er Hoteldirektor mit seiner hier nicht sichtbaren Tochter spricht, wenn er in seinen Bademantel flüstert? Aber es kommt nicht darauf an, dieser Abend ist nicht auf Verständlichkeit, sondern auf „Seht her, ist mein Stil nicht faszinierend?“ angelegt.

Kaum ein Darsteller findet zu einer außerordentlichen Leistung (was ihren Kollegen in Volkstheater einst und dem Burgtheater dann durchaus gelungen ist), schon weil die Hektik zwischen dem Geschehen und der Wackelkamera, die es überträgt, ja nichts wirklich zeigt.

Nils Arztmann, als Jungstar der vorigen Direktion nun gleich mit der prominentesten Rolle in der neuen Ära bedacht, kann mit wirrem roten Haar als „Verführer“ nicht überzeugen. Gewiß, er ist schon bei Schnitzler gewissermaßen ein gebrochener Mann, der all die Abfuhren, die er weiblicherseits erleidet, allzu ruhig hinnimmt, aber etwas mehr Intensität hätte man sich von ihm schon erwartet.
Die kommt auf Männerseite am ehesten von Martin Niedermair als Dichter Ambros Doehl, mehr Beobachter als Mitspieler der Tragödie, und Matthias Luckey als Bankdirektor Westerhaus, der seine Frau schlecht behandelt und arg dafür bestraft wird (dem Untergang seiner Millionen entzieht er sich durch einen Schuß in die Schläfe.)

Joseph Lorenz muss als alter Liebhaber Falkenir etwas viel Pathos von sich geben, was er so elegant wie möglich tut. Johannes Zirner ist ein lockerer, aber nicht wirklich interessanter Prinz Arduin von Perosa. Robert Joseph Bartl hat als dänischer Hoteldirektor zwar kein Hotel, aber einen Sessel, auf dem er wie ein Buddha hockt (mit orientalisch schräg geschminkten Augen), und seine Tochter ist er, wie erwähnt, selbst.

Dem Staatsanwalt Braunigl (Roman Schmelzer mit abenteuerlich dummer Frisur) und der Fürstin (eine höchst aufgeräumte Ulli Maier) hat die Regie-Autorin eine Art von Conferencier-Aufgabe zugeteilt.

An sich ist die „Komödie der Verführung“ ein Stück der berühmten Frauenrollen, aber so richtig kann man sich für die Damen nicht erwärmen. Silvia Meisterle ist als Gräfin Aurelie kein wirkliches Zaubergeschöpf, das alle anbeten, sondern erscheint mit schwarzem Bubikopf wie ein cooles Geschöpf voraus genommener Zwanziger Jahre, das einfach nicht zu durchschauen (und auch nicht besonders interessant) ist. Exzentrischer als Johanna Mahaffy kann man die Sängerin Judith nicht spielen, aber die Einförmigkeit ihrer Hektik hilft der Figur nicht wirklich. Und Lili Winderlich, neu am Haus, die als Seraphine eine späte, drjt späte Nachfolgerin einstiger Schnitzler’scher Süßer Mädels ist, bleibt weit mehr am Rande als vorgesehen. Sie alle werden von der Regie gewissermaßen verschluckt. Da gelingen Michaela Klamminger mit ihrem Streben nach bürgerlicher Ehe und vor allem Susa Meyer mit ihrem explodierenden Haß auf ihren Bankier-Ehemann schon stärkere Eindrücke.

Belauschtes Gespräch nach der Vorstellung, zwei Damen unter sich, erforschend, wie es gefallen habe. „Na, halt was Anderes. Irgendwie modern…“ Welch mildes Urteil einer Josefstadt-Besucherin.

Renate Wagner

 

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