Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Theater in der Josefstadt: JEDER STIRBT FÜR SICH ALLEIN

10.12.2022 | KRITIKEN, Theater

eder stirbt fuer sich allein cparty ~1
Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt:
JEDER STIRBT FÜR SICH ALLEIN
Musikalisches Schauspiel von Franz Wittenbrink nach Hans Fallada
Uraufführung
Premiere 10.Dezember 2022,
besucht wurde eine Voraufführung

Neben seinem paradigmatischen Frühwerk „Kleiner Mann, was nun?“ ist es sein letzter Roman, „Jeder stirbt für sich allein“, der den Nachruhm von Hans Fallada (1893-1947) zementiert und ihm seinen Platz in der deutschen Literatur gesichert hat. Beide Bücher wurden immer wieder für das Theater dramatisiert und verfilmt, aber so hanebüchen wie derzeit im Theater in der Josefstadt ist wohl noch niemand mit der Widerstands-Tragödie aus dem Nationalsozialismus umgegangen.

Man fragt sich, was theatererfahrene Leute wie Direktor Herbert Föttinger und ebenso Regisseur Josef E. Köpplinger bewogen  haben kann, sich mit der Schnapsidee auseinander zu setzen, aus „Jeder stirbt allein“ ein „musikalisches Schauspiel“ von Franz Wittenbrink machen zu lassen.

Wie hart die Geschichte des Ehepaares Quangel und seiner (großteils schäbigen) Zeitgenossen im Dritten Reich von Fallada geschildert wurde, hat nicht zuletzt die Dramatisierung von Luc Perceval gezeigt, die man als Produktion des Hamburger Thalia Theaters 2018 im Burgtheater gesehen hat. Wenn man die Geschichte schon spielt, dann so gnadenlos wie hier, sonst macht sie gar keinen Sinn. Aber nicht in (noch dazu nichtssagende) Musik getränkt, so dass man nicht weiß, was den Beteiligten da eingefallen sein mag…

jeder stirbt fuer sich allein ehepaar x~1

Die Quangels haben im Krieg ihren Sohn verloren und beschlossen, Widerstand gegen das verbrecherische Regime zu leisten. Sie schrieben Karten (im Postkartenformat), worauf sie das Regime anklagten, und verteilten sie über Berlin. Die Überfülle von Nebenhandlungen, die Fallada in das Buch einbrachte, hat diese Wittenbrink-Dramatiserung, die auch noch mit dem Zusatz „Libretto von Susanne Lütje und Anne X. Weber“ verwirrt, auf ein Minimum reduziert (und vielfach unklar gelassen). Die Leiden der Quangels im Gestapo-Gefängnis am Ende werden ausgespart – das wäre wohl zu viel für das Publikum. Anstelle dessen gibt es  ausufernde Szenen in einer Bar namens „Paprika“, aus dem einfachen Grund, damit man hier gewissermaßen legitim in Musik ausbrechen konnte. Wenn Otto Quangel seine subversiv-anklagenden Karten schreibt, kann man ihn sich kaum singend vorstellen (aber er tut es), desgleichen hat ein Gestapo-Offizier wohl kaum seine Überlegungen gesungen, den Staatsfeind zu jagen (und doch tut er es)…

Kurz, der ganze Abend wird von Musik durchzogen, eine Band mit Klavier befinden sich in luftiger Höhe im Hintergrund, und man weiß natürlich genau, was Wittenbrink wollte – in den „Entertainment“-Szenen die Atmosphäre von „Cabaret“ beschwören und im übrigen „brechtisch“-kritisch in der Tonsprache zu verfahren. Abgesehen von den schrecklichen Sentimentalitäten, die ihm außerdem immer wieder unterkommen…als hätte man ein „gestriges“ Josefstadt-Publikum mit seinen Gefälligkeitsansprüchen im Auge, das Föttinger ja schon längst vertrieben hat…

Die ausgesprochen schwache Dramatisierung wird von Regisseur Josef E. Köpplinger nach Möglichkeit aufgepeppt. Das Bühnenbild (Walter Vogelweider) ist geschickt, ein paar fixe Elemente auf der Drehbühne, es reicht, Tische und Sessel herumzutragen und damit jeden Schauplatz zu imaginieren (um es noch einfacher zu machen, wird auch jeweils angesagt, wo man sich befindet). Die Kostüme (Dagmar Morell) passen in die Zeit, und die schmale Optik wird durch so viel Bewegtheit wie möglich ihrer Langeweile enthoben. Und im Nachtlokal, ziemlich unerträglich ausgewälzt, soll es dann Nazi-chic zugehen (aber das konnte Visconti besser).

Das Ehepaar Quangel ist mit Michael Dangl und Susa Meyer nicht nur josefstädtisch hoch, sondern auch von den Typen her richtig besetzt, bleibt aber seltsam blaß. Ein bisschen mehr ideologisches Unterfutter hätte man ihnen schon geben können, statt sie nur dumpf-tragisch vor sich hin blicken zu lassen.

jeder stirbt fuer sich allein lo,,issar c~1

Aber es ist auch bei Perceval und ebenso in Verfilmungen passiert, dass der Gestapo-Mann Escherich (hier nur „Kommissar“ genannt) zur interessantesten Figur wurde: Raphael von Bargen gibt ihm eine Art von Anstand – und doch ist er der Einzige an diesem Abend, von dem zumindest in einer Szene (wenn er die Foltermethoden beschreibt) etwas von der ungeheuren Grausamkeit und Brutalität der Zeit angesprochen wurde. Und wie er Enno Kluge (ein nicht zu erkennender Claudius von Stolzmann als Strizzi mit Berliner Schnauze) in den Tod treibt, kam etwas von der Beklemmung auf, die dem Abend sonst komplett abgeht.

Möglicherweise ist Robert Joseph Bartl nur durch seine körperliche Massigkeit und die schwarze Nazi-Uniform aufgefallen, und Marcello De Nardo in Minirolle wegen seiner weißblonden Haare. Tatsache ist, dass das ganze große Ensemble nicht wirklich zur Geltung kam, weil die Geschichte auch dramaturgisch nicht wirklich geschärft war. Sie versank in Kitschmusik, die auch noch einschläfernde Wirkung hatte. Zweidreiviertel Stunden vergebliche Liebesmüh.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken