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WIEN / Theater im Zentrum: FRANKENSTEIN

02.05.2019 | KRITIKEN, Theater

Theater der Jugend / Theater im Zentrum • Frankenstein // nach Mary Shelley von Clemens Pötsch

WIEN / Theater der Jugend im Theater im Zentrum:
FRANKENSTEIN nach Mary Shelley von Clemens Pötsch
Premiere: 30. April 2019,
besucht wurde die Vorstellung am 2. Mai 2019

Es ist nicht das erste Mal, dass das Theater der Jugend einen klassischen Stoff hernimmt und ihn für sein Publikum so „heutig“ aufbereitet, dass das Original eigentlich auf der Strecke bleibt. So landete ja einst Oliver Twist in den Tiefen der Londoner U-Bahn… und dem Victor Frankenstein der Mary Shelley geht es derzeit nicht besser.

Die Neunzehnjährige (!!!), die sich vor mehr als 200 Jahren (!!!) im Sommer 1816 am Genfer See, die Geschichte des Mannes ausdachte, der einen künstlichen Menschen schuf, welcher schauriges Eigenleben entwickelte, hätte sich wohl nicht vorstellen können, ihre Werk als eine Art Scienc-Fiction-Film von heute zu sehen.

Aber gut, die Idee des Menschen als Schöpfer des Menschen reicht vom Golem über Homunculus wohl bis in die heutigen verschwiegenen Labors. Also ist man vielleicht nicht ganz fern von unserer Technologie und Vorstellungswelt – da wir es noch immer nicht geschafft haben (oder vielleicht doch, und die Wissenschaft sagt es bloß noch nicht), ist das Thema flirrend interessant.

Aber warum dem Bearbeiter Clemens Pötsch das Original offenbar so uninteressant war, dass er noch eine völlig erfundene Welt der Cyber-Diktatur darüber stülpte, mit Victor Frankensteins Vater (im Buch nicht allzu wichtig) als geifernden Diener des totalitären Staates, während eine erfundene Schwester bei den Widerstandskämpfern zu finden ist, wo dann auch das von Frankenstein geschaffene Monster landet… da spielt das Original gar nicht mehr mit.

 
Fotos: Theater der Jugend

Immerhin hat Regisseur Felix Metzner in der Ausstattung von Andreas Lungenschmid / Andrea Bernd seine Inszenierung konsequent darauf zugeschnitten, was die Kids (der Abend ist für Elfjährige plus) ja ohnedies immer im Kino sehen, erkennen und was sie kaum erschrecken kann. Zumal das „Monster“ in Gestalt von Stefan Rosenthal (glatzköpfig und bleichgesichtig) zwar ungemein hintergründig und auf tragische Art auch dämonisch ist, aber nicht so erschreckend, wie er „zusammen gestückelt“ üblicherweise im Horrorfilm erscheint. Er darf auch einiges von den Identitätsproblemen des Außenseiters bringen, die schon Mary Shelley sorglich in ihm angelegt hat. Und Jürgen Heigl ist so persönlichkeitsstark als gequälter Victor Frankenstein, dass die beiden diese doch eher unkorrekte (weil so weit vom Original entfernte) Variante der Geschichte tragen…

Die erfundene Rebellin-Schwester (Christina Constanze Polzer) und Frankensteins Elisabeth (die gibt es wirklich im Roman) in Gestalt von Eva Dorlass teilen sich die Frauenrollen, Uwe Achilles ist (mit weißem Langhaar) der böse gewordene Vater, Rafael Schuchter und Daniel Jeroma sind mit diversen Nebenrollen befasst.

Das Ganze ist „wie im Kino“ und ein Lehrstück gegen Diktaturen, wenn es sich auch gedanklich nicht ganz ausgeht. Was die Autorin gemeint hat, war es nicht. Was Kinder heute vertraut ist, haben sie gefunden.

Renate Wagner

 

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