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WIEN / Theater im Zentrum: DIE VERWIRRUNGEN DES ZÖGLINGS TÖRLESS

Das Experiment Leben

14.01.2026 | KRITIKEN, Theater
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Foros: Fotos _Astrid_Knie / Rita_Newman

WIEN / Theater der Jugend im Theater  im Zentrum:
DIE VERWIRRUNGEN DES ZÖGLINGS TÖRLESS
nach Robert Musil von Thomas Birkmeir
Premiere:  13. Jänner 2026

Das Experiment Leben

Wer vor dem Theaterbesuch noch in den „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ geschmökert hat, berühmtes Meisterwerk der österreichischen Literatur (Novelle, Erzählung, Kurzroman? Es gibt keine dezidierte Gattungsbezeichnung), der wird diese inhaltlich durchaus grausam-spannende, aber gänzlich ruhig erzählte Geschichte auf der Bühne des Theaters der Jugend im Theater im Zentrum kaum wieder erkennen.

Es ist bemerkenswert, was Direktor Thomas Birkmeir, bekannt für viele, gelungene Bearbeitungen, hier aus der Vorlage gemacht hat. Emotional hoch gepeitscht, findet man sich hier fast in einem Horrorfilm des vielfältigen Terrors, inmitten von Sadismus und Machtspielen, was sensible Gemüter durchaus verschrecken kann.

Was um die vorigen Jahrhundertwende (die Monarchie um 1900) in einer Nobelschule für reiche Söhne angesiedelt war, hat Birkmeir ohne Nostalgie-Touch in eine Art Gegenwart gerückt und die breit angelegte Handlung auf vier Personen und den Psychothriller, der sich zwischen ihnen abspielt, reduziert.

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Im Zentrum der Titelheld – Törleß, sensibler als die anderen, der sich dennoch mit den Rabauken der Schule einlässt, aus einer gewissen Faszination heraus. Er will , Distanz halten, lässt sich aber immer wieder in deren Aktionen hineinziehen. Und die sind brutal.

Denn Reiting und Beineberg sind mutwillige Sadisten, die in dem schwachen Basini, der sich aus Geldnot (er hat eine arme Mutter) zu einem Diebstahl verleiten ließ, ein Opfer finden, das sie erpressen können, mehr noch, ihr Mütchen kühlen, ihn demütigen, quälen, körperlich mißhandeln. Und – das ist das Meisterliche an Musils Erzählung – Törleß macht mit, nicht aus persönlicher Ranküne, sondern teils aus Neugier und psychologischem Interesse daran, wozu Menschen (aktiv und passiv) imstande sind, teils aus uneingestandener Faszination.

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Das Buch ist keine Ich-Erzählung, aber immer wieder ist man in den Gedanken von Törleß, und dort bedient sich Birkmeir textlich, um dieses komplizierte psychologische Geflecht einigermaßen zu erklären. Vom „Experiment Leben“ ist da die Rede, und so schrecklich es ist, hat man es auch mit einer (allerdings auf die Spitze getriebenen) Sinnsuche junger Menschen zu tun, die einfach neugierig austesten, was geht – und was nicht. Der obligate Schülerroman (Machtverhältnisse zwischen Schülern und Lehrern wie bei Torbergs „Schüler Gerber“) ist es allerdings nicht. Wir bezeichnen diese Art von Literatur als „Coming of Age“, und das ist ein Meisterbeispiel dafür.

Birkmeirs Inszenierung in einem undefinierten Einheitsraum (Ulv Jakobsen), in zeitloser nobler Schulkleidung (Irmgard Kersting), schont niemanden, weder die Darsteller noch das Publikum. Dieses muss, wenn auch in Zwielicht, übelerregende Prügel- und Folterszenen zumindest mit anhören, muss seelische und körperliche Demütigungen von Basini erleben, die man von keinem Menschen sehen will, und wenn bei der Premiere mehrere Leute die Vorstellung verlassen haben, so fanden diese das Gebotene wohl zu hart. Und ob alle Fünfzehnjährigen (ab diesem Alter ist der Abend vorgesehen) so hart gesotten sind, dies ohne „Angst und Schrecken“ (das wollte das griechische Theater einst erzeugen…) anzusehen, sei dahin gestellt.

Dass der hundertminütige, pausenlose Abend die ungeheure Dichte und Spannung erreicht, dankt er den vier schlechtweg ideal besetzten jungen Schauspielern.

Ludwig Wendelin Weißenberger lässt die titelgebende, so vielschichte Verwirrung des Törleß jede Sekunde spüren, in ihm hat der Autor kein simples  „gut“ oder „böse“ angelegt, sondern die Schattierungen , die zwischen Intellekt und seelischen Abgründen wohnen.

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Ist Haris Ademovic als Reiting der zynisch lächelnde, lustvolle Sadist, so zeigt Jakob Elsenwenger als Beineberg den viel gefährlicheren Typ des Fanatikers (in diesem Fall der indischem Mystik verfallen), der alles täte, um seine Theorien experimentell auszuprobieren (die Art von Mensch, der sich später im KZ darüber freuen wird, dass er straflos an lebenden Menschen experimentieren darf). Und was Robin Jentys als Basini erleidet, das geht nadeltief unter die Haut.

Gute Nerven braucht man schon für diesen Abend.

Renate Wagner

 

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