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WIEN / Theater des Wandels: DIE GEFÄHRTIN

09.08.2018 | KRITIKEN, Theater

WIEN / Theater des Wandels im Renaissance Wien Hotel:
DIE GEFÄHRTIN von Arthur Schnitzler
Premiere: 1. August 2018,
besucht wurde die dritte und letzte Aufführung am 9. August 2018

Ein Teil der wohl gekühlten Bar des Renaissance-Hotels (direkt an der U 4-Station Meidling) wurde einige Abende lang „edleren“ Zweckcn zugeführt. Elisabeth Biedermann, Begründerin der Institution „Theater im Wandel“, hat sich dem Projekt „Wien um 1900“ verschrieben. Sie sucht allerdings nicht jenes Publikum, das immer wieder dasselbe sehen will, sondern wählt mit Absicht Raritäten. Und fährt gut damit – zahlreiche Besucher, gespannt bei der Sache.

Zum zweiten Mal ist Arthur Schnitzler an der Reihe, diesmal mit dem wenig bekannten Einakter „Die Gefährtin“, und, weil dieser nur eine starke halbe Stunde dauert, aufgeputzt mit Informationen zu Berta Zuckerkandl, in deren Rolle die Intendantin selbst schlüpft.

Schnitzler war ein ausgewiesener Meister des Einakters, aber das Genre ist auf den Bühnen nicht sehr beliebt. Darum haben nur seine heiteren Meisterwerke „Komtesse Mizzi“ und „Literatur“ im Repertoire überlebt, während die vielen ernsten, dramatischen Einakter vergessen sind. „Die Gefährtin“, einst mit ihren effektvolleren „Kollegen“ – „Der grüne Kakadu“ und „Paracelsus“ – 1899 im Burgtheater uraufgeführt, ist nahezu unbekannt. Die drei Stücke, die der Dichter nicht zu einem Zyklus zusammen gefasst hat, könnten dennoch unter dem „Paracelsus“-Motto „Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug“ stehen – die Frage, was wir denn über unsere Nächsten wissen. Das ist Schnitzler in Essenz – der Meister in der Schilderung der menschlichen Gefühle, die er wie die Schalen einer Zwiebel abschält, und dabei der Wissende, der die Illusionen zerstört, die sich die Menschen unweigerlich machen.

In diesem Fall ist es Professor Pilgrim, dessen Frau eben verstorben ist. Er wusste von ihrem Verhältnis mit seinem Assistenten, glaubte an ein tiefes Gefühl der beiden, fühlte sich großartig nobel in der Attitüde des Mannes, der diese Beziehungen duldete… und muss, nicht zuletzt mit Hilfe einer Freundin, die den Schein zuerst wahren will, um ihn dann wissend zu zerstören, zu Erkenntnissen kommen, die sein Weltbild ins Wanken bringen.

 
Foto: Theater des Wandels

Eine Bar neben einer Hotelhalle, wo es unter Umständen auch rücksichtslos lärmen kann, hat als Spielraum ihre Probleme, aber wenn drei Schauspieler so glänzende Sprecher sind und so exakt agieren, wie es hier der Fall ist, dann besiegen sie auch Störmomente. Katharina von Harsdorf beeindruckt besonders, weil sie ja kein eigenes Schicksal hat, „nur“ der Katalysator zwischen den beiden Männern ist, und so klug, einfühlsam und dabei doch unemotional illusionslos agiert, dass sie immer wieder zum Zentrum des Geschehens wird.

Christian Kainradl gibt sich in der Pose des Professors, der sich für den überlegenen, verständnisvollen, souveränen Akteur im Spiel von Liebe und Lust hält und der angesichts unfassbarer Erkenntnisse gerade noch die Contenance bewahrt. Thomas Marchart hat die Oberflächlichkeit eines glatten, wohl erzogenen jungen Mannes, der mit Gefühlen agiert, ohne sich naß zu machen.

Auch kleine Schnitzler können uns entzücken…

Renate Wagner

 

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