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WIEN / Theater der Jugend: SCHULD UND SÜHNE

12.01.2019 | KRITIKEN, Theater

 
Foto: Rita Newman

WIEN / Theater der Jugend im Theater im Zentrum:
SCHULD UND SÜHNE nach Fjodor M. Dostojewskij,
von Thomas Birkmeir
Uraufführung
Premiere: 11. Jänner 2019

Theater-der-Jugend-Direktor Thomas Birkmeir kann seine Fassung von Fjodor M. Dostojewskijs Roman „Schuld und Sühne“ gut und gern als Uraufführung bezeichnen. Das heißt aber nicht, dass man diesem Buch nicht immer wieder auf der Bühne begegnet wäre – ob als „Raskolnikoff“ (von Walter Lieblein), ob als „Schuld und Sühne“ (von Castorf in der Berliner Volksbühne, 2005 bei den Wiener Festwochen), ob als „Verbrechen und Strafe“ (die alternative Übersetzung des Titels aus dem Russischen), u.a. in der Regie von Andrea Breth 2009 bei den Salzburger Festspielen.

Raskolnikows Kampf gegen die Armut und seine geistigen Nietzsche-Höhenflüge vom Übermenschen, der keine moralischen Gesetze anerkennt und der dann doch seinem eigenen Gewissen unterliegt, ist in seiner seltsamen Faszination wohl unsterblich. Dostojweskij übertrifft als „Philosoph“ noch seine anderen, hoch bedeutenden russischen Zeitgenossen, weil er in die tiefsten Abgründe des menschlichen Denkens und der menschlichen Seele hineinstürzt…

Manchmal gelingt es nicht, manchmal gelingt es doch: Als das Theater der Jugend zuletzt „Oliver Twist“ in die U-Bahn-Schächte unserer Zeit versetzte, blieb von Dickens’ Roman angesichts solcher „Zeitverschiebung“ nichts übrig. Wenn Thomas Birkmeir dies nun bei „Schuld und Sühne“ tut, zeitlose Gegenwart (ohne russische Historie) beschwört, stimmt es – in einer logistisch fabelhaften, abstrakten Bühnenlösung (Andreas Lungenschmid) und heutigen Kostümen (Irmgard Kersting) – ohne Abstriche. Man würde die Problematik, die mit den nötigen Kürzungen sehr klar an dem Roman entlangfährt, „heutig“ nennen, wenn wir heute nicht einem vollkommen veränderten Smartphone / Social Media / Political Correctness – 21. Jahrhundert lebten, das nur noch für oberflächlichen Wirbel und nicht mehr für tiefgründige Fragen steht. Sagen wir, all das mag bis zum Ende des 20. Jahrhundert gestimmt haben – und vielleicht interessiert es das jugendliche Publikum ab 13, das hier angesprochen wird, ja doch.

Dass der sehr junge Rodion Romanowitsch Raskolnikow (er ist gerade Anfang 20) nicht weiß, was er mit sich anfangen soll, dass ihm das öde, vorgezeichnete Menschenleben nicht erstrebenswert scheint, wenn er in großartigem Überlegenheitsgefühl doch so weit darüber hinaus denken kann… das mag klugen jungen Leuten, für die Geld, Karriere und Status nicht die einzigen Ziele sind, auch heute noch einfallen. Daneben ist das Problem ganz stark, das Dostojewskij selbst die meiste Zeit seines Lebens begleitet hat – das der materiellen Armut, die die Menschen aushöhlt. An der Figur des Marmeladow kommt ein weiteres typisches Dostojewskij-Motiv hinzu, das der Sucht, nur dass es in diesem Fall nicht die Spielsucht ist, sondern der Alkoholismus.

Man kennt die Geschichte – Raskolnikow tötet die gierige Pfandleiherin und redet sich ein, er habe ein Recht darauf, dieses unnütze Geschöpf zu eliminieren, wenngleich er noch ihre Schwester, die dazu kommt, in diesen Mord einbeziehen „muss“. In der Folge quälen ihn sein Gewissen, das Schicksal seiner Familie, vor allem der Schwester, der Niedergang und Tod Marmeladows. Wunderbar, wie Dostojewskij die Seelenqualen aufblättert, die Raskolnikow dazu bringen, sich der Polizei so verdächtig zu machen, dass der Kriminalinspektor Porfirij ihn letztendlich durchschaut. Die Strafe, Zwangsarbeit in Sibirien, hat Dostojewskij in seinem Leben am eigenen Leib erlitten. Das Ende, Raskolnikows Wandlung durch die Liebe zu Sonja, bleibt auch im Roman mehr oder minder diffus. Es hat der enormen Wirkung dieses Werks, das mit der Gewalt jener Axt, die Raskolnikow gegen seine Opfer führt, auf den Leser niedergeht, noch nie geschadet.

Raskolnikow heute, in einer minimalistischen Szenenfassung, wo eigentlich nur wenig zwischendurch „erzählt“ werden muss, geht im Theater im Zentrum beeindruckend in Szene, in einer Inszenierung, die ihre choreographisch-stilisierenden Elemente überzeugend einsetzt. Die Wirkung ist nicht zuletzt dank des Hauptdarstellers so groß: Jakob Elsenwenger wird im Wortsinn von seinem Schicksal geschüttelt, ein hoch intelligenter, um sich schlagender Verzweifelter, der mit dem Leben nicht zurecht kommt und den Trost der Religion ablehnt. Die Mordszene bietet Thomas Birkmeir (quasi wie im Kino) in Slow Motion und macht sie solcherart erträglich, ohne dass sie an Bedeutung verlöre. Den Rest leisten die Schauspieler, die wieder einmal alle außerordentlich sind – das Ensemble des Theaters der Jugend macht immer wieder staunen.

Wie klar profilieren die jungen Männer (die alle auch viele Nebenrollen übernehmen) ihre zentralen Figuren: Okan Cömert den hoffnungslosen Säufer Marmeladow, Michael Köhler den Rasumichin, der seinen Freund Raskolnikow nie im Stich lässt, so sehr ihn dieser auch zurückstößt, Kaj Louis Lucke den Luschin, der überheblich meint, alles kaufen zu können, und Matti Melchinger den Swidrigailow, der erkennen muss, dass Reichtum nicht alles erzwingt. Und mehr und mehr wird aus dem kühl-klugen, hintergründigen Jürgen Heigl als dem Polizisten Porfirij der wahre Gegenspieler des Helden.

Bei den Damen ist Shirina Granmayeh jene Sonja, die Raskolnikow lieben lernt, Kim Bormann (die dankenswerterweise trotz verletztem Bein die Premiere rettete) die Schwester, Sara Livia Krierer die Mutter, und sie muss sich auch als Pfandleiherin ermorden lassen und als Marmeladows Frau alle Verzweiflung der Welt hinausschreien. Besonders liebenswert ist Claudia Waldherr als jene Nastassja, die sich, hoffnungslos verliebt, um Raskolnikow sorgt.

Es ist eine Aufführung, die in über zweieinhalb Stunden nur ganz wenige Durchhänger zeigt und äußere und innere Spannung nebeneinander laufen lässt. Ein Krimi. Und Literatur noch dazu. Etwas zum Nachdenken. Und – ja, doch: heutig. Nachvollziehbar.

Renate Wagner

 

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