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WIEN / Theater der Jugend: DIE ABENTEUER DES ODYSSEUS

15.01.2022 | KRITIKEN, Theater

theater der jugend | die abenteuer des odysseus | theater im zentrum
Fotos: Theater der Jugend, Rita Newman

WIEN /  Theater der Jugend im Theater im Zentrum:
DIE ABENTEUER DES ODYSSEUS nach Homer von Michael Schachermaier
Uraufführung
Premiere: 14. Jänner 2022 

Bevor man sich den griechischen Helden zuwendet, muss man die Helden des Theateralltags würdigen, die vermutlich in allen Häusern, wo gespielt wird, von Tag zu Tag Kunststücke vollbringen, damit der Vorhang auch aufgehen kann. Das Theater der Jugend schaffte die Premiere des „Odysseus“ mit zwei Umbesetzungen in letzter Minute (dass sich der Hauptdarsteller im Eifer der Proben die Nase gebrochen hat, erscheint daneben wie ein Klacks). Sich in letzter Minute in diese turbulente Inszenierung einzufügen, wie es Curdin Caviezel und Rafael Schuchter taten, erfordert grundsätzliches Sonderlob.

Wer immer sich der „Odyssee“ des Homer nähert, einem der größten Epen der Literatur- und Weltgeschichte, beweist Mut. Der Salzburger Michael Schachermaier, dem Theater der Jugend in Wien eng verbunden, hat hier schon vor einem Jahrzehnt die Odysseus-Version eines anderen Autor inszeniert. Nun hat er selbst (wie schon gelegentlich bei Literatur-Bearbeitungen) zur Feder gegriffen (oder eher in den Computer getippt), um seine Fassung der Abenteuer von Griechenlands schillerndstem  Helden zu zeigen. Er tut es in einer Corona-gerechten pausenlosen Eineinhalb-Stunden-Fassung, was natürlich zwingt, vieles weg zu lassen.

Wie packt man es an? Bei Schachermaier wird ein Rahmen gebaut. Es beginnt mit einer der schönsten Szenen, wenn der Schiffbrüchige nach zwanzigjähriger Abwesenheit wieder an den Strand seiner Heimatinsel geworfen wird und sein Hund Argos der einzige ist, der ihn erkennt. (Allerdings nicht so stürmisch wie in der Schachermaier-Fassung, aber so genau darf man es in einem Stück, das schon für Elfjährige aufwärts gedacht ist, nicht nehmen.)

Hier trifft Odysseus nun auf seinen SohnTelemachos und erzählt ihm seine Erlebnisse – natürlich nur andeutungsweise, Menelaos zwingt Odysseues in den Krieg gegen Troja, dann gleich ein bisschen Trojanisches Pferd, Polyphem, Circe, Hades mit Teiresias, Scylla und Charybdis, da fehlt dann schon eine Menge (ob Nausikaa, ob Kalypso), aber es ist ja ein Kinderstück. Am Ende spannt Odysseus als Einziger seinen Bogen und verscheucht die Freier seiner treuen Frau Penelope. Happyend.

Schachermaier als Regisseur hetzt das im schnellen Durchlauf in einer geschickten szenischen Lösung (Judith Leikauf und Karl Fehringer) über die Bühne – aber man möchte bezweifeln, dass Kinder, die den Stoff nicht kennen, auch nur einen Teil dessen begreifen, was hier gezeigt wird. Dazu kommt, dass die vier Männergestalten neben Odysseus und Telemachos, die teils als Odysseus’ Gefährten, teils als Penelopes lästige Freier agieren, sich aufführen wie eine tobende Bande von Skinheads, undifferenziert brüllend und ohne Eigenprofil. Manchmal hat man den Eindruck, die Geschichte würde hier totgeschlagen – vielleicht in der Annahme, dass es Kindern von heute gefällt, wenn’s ganz, ganz laut und wild zugeht…

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Immerhin ist Bijan Zamani ein auch optisch eindrucksvoller Titelheld, der sich gelegentlich schüchterner und leiser gibt, als man Odysseus zu kennen meint. Eine Großleistung vollbringt der Einspringer Curdin Caviezel in der in dieser Fassung so wichtigen Rolle des Telemachos. Die vier Randalierer sind mit Jürgen Heigl, Rafael Schuchter, Clemens Matzka und Enrico Riethmüller besetzt, wobei Letztgenannter seine großen Szenen als Hund Argos hat.

Von bemerkenswerter Präsenz ist Cathrine Sophie Dumont als Penelope (zu Beginn wie ein Lustspiel gehalten, wenn sie Odysseus hier sozusagen in den Ehehafen einfängt), die sich überzeugend zu keiner neuen Ehe zwingen lässt und das Schicksal schließlich dem legendären „Bogen des Odysseus“ anvertraut. Johanna Egger als Circe darf ein wenig Pop singen, die heutige Version von Verführung.

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Viel Nebel, viel Zwielicht, viel Lärm  –  so kommt die griechische Antike hier auf die Kinder zu. Hoffentlich wird  der oder die Eine oder Andere darüber hinaus zumindest die „Sagen des klassischem Altertums“ in die Hand nehmen…

Renate Wagner

 

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