
Theater der Jugend / Theater im Zentrum / Der Junge mit dem längsten Schatten / von Finegan Kruckemeyer – Deutsch von Thomas Kruckemeyer Foto: Astrid Knie/TDJ
WIEN / Theater der Jugend im Theater im Zentrum:
DER JUNGE MIT DEM LÄNGSTEN SCHATTEN von Finegan Kruckemeyer
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 14. Oktober 2025
Die Schmerzen der Pubertät
Manch einer erinnert sich vielleicht noch, welch unruhige Zeit die Pubertät war: Man fühlte sich absolut nicht wohl in seiner Haut, wollte anders, besser, hübscher, schlanker, beliebter sein – und das schon, bevor die Sozialen Medien Konkurrenz und Standards in ungeahnte Höhen geschraubt haben. Der australische Autor Finegan Kruckemeyer (seine irische Herkunft verrät schon sein Vorname) hat in dem 2011 uraufgeführten Stück „Der Junge mit dem längsten Schatten“ die Situation, in der man sich als Zwölfjähriger in seiner Umwelt befindet, noch geschärft, indem er Adam und Atticus eineiige Zwillinge sein lässt. Da geht es um unmittelbaren Vergleich.
Denn sie sehen gleich aus, sind aber so verschieden, wie man nur sein kann – der eine, Adam, der „normale“ Junge, sportlich, intellektuell nicht überambitioniert, in der Gruppe anerkannt, von den Girls angeschwärmt. Der andere, Atticus, der Einzelgänger, der sich für Bücher, Geschichte und Insekten interessiert und genau der Typ ist, den die jugendliche Mitwelt als Nerd abtut und ausschließt. Der eigene Bruder mag auch nicht unbedingt mit ihm gesehen werden. Eine klassische Situation aus dem wahren Leben…
Das Stück schafft es, mit den beiden jugendlichen Darstellern und ein paar Stimmen aus dem Off (darunter einem Erzähler) auszukommen. So erlebt man minimalistisch, aber umso konzentrierter, wie Atticus, das kluge Köpfchen, sich vornimmt, sein Image zu verbessern. Es geht allerdings nicht wirklich gut, wenn er versucht, seinen Bruder zu spielen (der würde sich im Unterricht nicht zu jeder Frage melden), wenn er meint, als Sänger und Schauspieler die Mitwelt zu entzücken, wenn er sich mit einem Mobber in der Klasse einlässt. Vergebliche, aber durchaus berührende Bemühungen.
Am Ende ist es Adam, der besonders unglücklich ist, wenn sein Bruder nicht mehr er selbst ist, und Atticus sieht ein, dass die beste Lösung darin besteht, dazu zu stehen, wer man ist. Ein Lehrstück für ein jugendliches Publikum, das möglicherweise von dieser Problematik direkt betroffen ist.
Regisseur Gerald Maria Bauer konnte in einem geschickten, schnell zu verwandelnden Bühnenbild (mit einigen witzigen Video-Effekten: Sam Madwar) auf zwei hoch begabte junge Darsteller setzen: Mino Dreier als Atticus und Una Nowak (androgyn genug wirkend, um als Zwillingsbruder glaubhaft zu wirken) erfüllen ihre jugendlichen Charaktere mit größter Selbstverständlichkeit.
Das jugendliche Publikum fühlte sich tief verstanden und brach in hellen Premierenjubel aus, eine Zustimmung aus Verständnis heraus, die sich zweifellos Vorstellung für Vorstellung wiederholen wird.
Renate Wagner

