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WIEN / Theater der Jugend: DAS MAGISCHE KIND

03.12.2019 | KRITIKEN, Theater

Fotos: Theater der Jugend / Rita Newman

WIEN / Theater der Jugend / Renaissancetheater:
DAS MAGISCHE KIND
frei nach Motiven von E.T.A. Hoffmann
von Gerald Maria Bauer
Premiere: 3. Dezember 2019 (nachmittags)

Eine glücklicher Hand hat Gerald Maria Bauer, Chefdramaturg des Theaters der Jugend, erwiesen, als er eine der (echten) Hoffmanns Erzählungen aus dessen reichen Schatz phantastischer Literatur herausholte. Im Original (1817) „Das fremde Kind“ genannt, funktioniert „Das magische Kind“ – von Bauer inhaltlich nicht vollständig auf die Bühne gebracht, aber doch so, dass die Geschichte sich angenehm und positiv rundet – einsichtig genug, dass es auch für ein sehr jugendliches Publikum ab dem Volksschulalter leicht zu begreifen ist.

Das Geschehen funktioniert auf zwei Ebenen. Die eine ist eine wunderhübsche Familiensatire aus dem Biedermeier, wo brave Bürger – Thaddäus von Brakel mit Gattin und den halbwüchsigen Kindern Felix und „Christlieb“ – ganz harmonisch miteinander leben. Aber das normale Gefüge gerät allerdings aus den Fugen, als superfeine, affektierte, alberne Verwandte auftauchen und andere Verhaltensparameter vorgeben… Da wird wunderschön gezappelt und gealbert im Biedermeier-Zimmer (Friedrich Eggert), und die Kostüme (Irmgard Kersting) schlagen Purzelbäume von „normal“ zu „verrückt“.

Kaum begibt sich die Handlung in den poetischen Wald vor dem Haus, in dem die beiden jungen Brakels so gerne herumtollen, kommt das Hauptelement der Geschichte zum Tragen. Wie bei E.T.A. Hoffmann meist geht es um „Alle Macht der Phantasie“. Das Kind aus dem Phantasiereich, bedroht von einem Gegner, der sich als Schmeißfliege entpuppt (und unter den „Echtmenschen“ als Lehrer Tinte auftritt), muss in die Welt der Menschen flüchten. Dort wirbelt dann das Phantasiegeschöpf bei den Kindern herum, menschliche Gefühle wabern herzlich und lustig zwischen den Welten. Handlung und Inszenierung sind mit jeder Menge sympathischer Pointen voll gepackt, und der urkomische Untergang des Bösewichts erfolgt zum lauten Hallo des ganzen Theatersaals.

Gerald Maria Bauer war der ideale Regisseur seines Stücks, und er hatte – wie so oft im Theater der Jugend – ein wirklich hervorragendes Ensemble zur Verfügung, das sich durch sprachliche Präzision und hohes artistisches Können auszeichnete. Nur die beiden Kinder (Marius Zernatto und Victoria Hauer) und ihr Vater (David Fuchs) müssen nur eine einzige Rolle spielen, die anderen agieren – teils fast unkenntlich – als verschiedene Figuren: So ist Sabrina Rupp, das koboldartige magische Kind, auch eine ganz affektierte Adelstochter, ihr Vater, Graf Cyprianus (Florian Stohr) fährt als insektiger Magister Tinte zu höchstem Furor auf, die resolute Mutter der Kinder (Christine Garbe) erweist sich auch als Puppe und Phantasie-Königin am rechten Ort, und Haris Ademovic ist ein affektierter Adelssohn und ein Märchensoldat.

Da stimmte alles – Stück, Regie, Ensemble. Wer etwas für Phantasie übrig hat, kann auch einmal den Weg ins Theater der Jugend nehmen.

Renate Wagner

 

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