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WIEN / Theater an der Wien: THE FAIRY QUEEN

20.01.2017 | KRITIKEN, Oper

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Alle Fotos © Monika Rittershaus

WIEN / Theater an der Wien: 
THE FAIRY QUEEN von Henry Purcell
Premiere: 19. Jänner 2017 

Inzwischen hat es sich auch bei uns herumgesprochen, welch eigenartige, eigentümliche und unikate Kunstform die sogenannten „Semi Operas“ des Henry Purcell (1659-1695) waren, barocke Musikspektakel, die als akustische Umrahmung Theateraufführungen zu pompösen höfischen Festlichkeiten machten – viel orchestrale Musik für die Balletteinlagen, große Chorszenen, Aufzüge, dazu noch Arien, all das in keinem weiteren Zusammenhang, Musik und Ausstattung als ihr edler, kostbarer Selbstzweck.

Bei der „Fairy Queen“ von 1692 war das nicht anders, sie umrahmte eine Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“, die Dame des Titels ist natürlich Titania – und wir stehen heute vor einer Musik, die zur berühmtesten des barocken Repertoires zählt, und der Ratlosigkeit, was man damit anfängt, wenn man nicht einfach (was ja auch möglich wäre) versuchte, das Fest von einst zu unserer heutigen Freude nachzustellen.

Drei Damen haben für das Theater an der Wien ein Inszenierungskonzept geliefert, das auf eine ganz, ganz andere Idee kam: Mariame Clément, die auch Regie führte, Julia Hansen, die die eher nüchterne und reizlose Ausstattung entwarf,  und Lucy Wadham, die ein paar Worte Text dazu dichtete (und wohl auch die Gedanken der Personen, wenn sie dann gelegentlich stumm auf die rückwärtige Bühnenwand projiziert werden). Denn sprechen dürfen die Darsteller des inhaltlich nun gänzlich neuen Werks nicht, sie müssen sich vielmehr – wenn sie nicht gelegentlich singen dürften – als mehr oder minder begabte Pantomimen beweisen.

Die Idee der Damen bestand darin, die Musik von „Fairy Queen“ dazu zu benützen, die Entstehung einer „Fairy Queen“-Aufführung „hinter den Kulissen“ zu zeigen. Das beginnt zur Ouvertüre mit den Verbeugungen zum Schlussapplaus (da die neue Handlung im Programmheft ausführlich geschildert ist, werden wohl die wenigsten Besucher überrascht), setzt sich mit der Premierenfeier fort (hier mit etwas erdichtetem Text und köstlicher Schilderung all der Peinlichkeiten, die sich bei diesen Anstrudel-Festivitäten ergeben) und geht dann zurück zu den ersten Proben, die bis zur Aufführung und dann noch einmal zur Premierenfeier weitergeführt werden.

Nun ist der „Blick hinter die Kulissen“ ja beim Publikum höchst beliebt, vor allem deshalb, weil die meist mühselig-trockene Knochen-Probenarbeit hier stets höchst reizvoll erscheint, voll von persönlichen Spannungen und kreuz und quer erotischen Spielchen. So auch hier in dem Versuch, den selbst gewählten Hauptfiguren (bei Purcell sind nur Sänger in ihren Stimmlagen vorgegeben) Schicksale zu verpassen, die ihre pantomimischen Darstellungen interessant machen sollen.

Seltsamerweise funktioniert es nicht. Es ist einem völlig egal, wer da wen anschmachtet, man findet auf der Bühne nichts, was zur quasi parallel im luftleeren Raum laufenden Musik passt – wenn diese zu einem grandiosen musikalischen Aufzug anschwillt, stehen ein paar Statisten herum. Der Versuch, die Handlung und die Arien so zu koordinieren, dass sie halbwegs zur jeweiligen Stimmung passen, funktioniert auch deshalb kaum, weil die Arientexte ja inhaltlich im luftleeren Raum von Allegorien schweben und sich nicht auf Menschenschicksale anwenden lassen.

Da stehen sie also herum, in der Theater auf dem Theater (ist in diesem Fall vor allem Probebühne)-Ausstattung, und im Grunde wartet jeder nur darauf, dass er endlich einmal singen darf. Das wird zwischendurch immer wieder quälend langweilig, und dass man an der Wand gelegentlich lesen darf, was einer der Protagonisten denkt („Ich wünschte, mein Vater könnte mich sehen, er wäre so stolz auf mich“), ist in seiner Banalität nun nicht unbedingt wissenswert. „The Fairy Queen“ findet nicht statt, ein Konzept, das allen eingeleuchtet haben mag, verwirklicht sich nicht.

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Anna Prohaska / Kurt Streit

Gewiss, es gibt hübsche Momente – vor allem erinnert man sich nicht, Kurt Streit je so komisch gesehen zu haben (war er überhaupt je komisch?), wenn er mit Haarschmolle, Brille, angerührten Nerven und offenbar sexuellen Gelüsten herumstreicht und die knieweiche Unglückserscheinung eines Regisseurs ist. Florian  Boesch hat man gewissermaßen als „dämonische“ Figur innerhalb der Theatercrew erwählt, aber man weiß ja eigentlich nicht, was er da tut und was er will. Rupert Charlesworth und Florian Köfler sind für Komik und Tragik zuständig, während homoerotische Verlockungen aus dem Arnold Schoenberg Chor gestellt werden.

Um Anna Prohaska als die „erste Sängerin“ (sie wird zur Titania, als deren ursprüngliche Interpretin – blonde Statistin im Pelzmantel, das Klischee der zickigen Diva schlechthin – abgerauscht ist) zentriert sich alles, sie bekommt auch das meiste zu singen, während die kleine Carolina Lippo als Requisiteurin kaum auffiele, würde sie nicht als „Running Gag“ dauernd mit Engelsflügeln in der Hand herumlaufen. Marie-Claude Chappuis als betrogene Dramaturgin darf sich erst am Ende gesanglich entfalten, wenn die Bühnenbildnerin plötzlich und unerwartet und gänzlich unbegründet die nüchternen  Theaterwände in die Höhe schweben lässt und eine poetische Waldlandschaft herbeizaubert. Ja, jetzt, am Ende, und wenn man nicht mehr weiß, was es soll… Barocke Traumwelt? Zu spät!

Christophe Rousset und Les Talens Lyriques genießen in der Welt der Alten Musik solche Reputation, dass man sich hüten wird, etwas dagegen zu sagen. Aber nicht jedermann liebt diese Art „harscher“ Interpretation, und dem mag die Musik dann manchmal wie „falsch“ im Ohr geklungen haben (besonders bei den Trompeten, die keinesfalls „strahlenden Barock“ boten).

 Ich persönlich hatte an diesem Abend keine Sekunde lang das Gefühl, „The Fairy Queen“ zu sehen. Der Beifall des Publikums klang allerdings, als sei man von dem Konzept voll überzeugt und angetan.

Renate Wagner

 

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