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WIEN / Theater an der Wien: SIROE

22.04.2015 | KRITIKEN, Oper

 

Max-Emanuel-Cencic-Hasse-Siroe x 
So dramatisch sieht Max Emanuel Cencic
als Perserprinz Siroe nur auf der CD aus,
im Theater an der Wien gab man sich „solide“

WIEN / Theater an der Wien:
SIROE von Johann Adolph Hasse
Konzertante Aufführung
21. April 2015

Seit man intensiv begonnen hat, sich weit über Händel hinaus in die Welt des barocken Opernschaffens “hineinzuwühlen“, sind die Funde ungezählt und teilweise unglaublich. Kaum zu verstehen, dass auch so Hochqualitatives wie etwa „Siroe“ von Johann Adolph Hasse so lange der Vergessenheit anheim gefallen ist, wie der ganze Hasse überhaupt, der zu seinen Lebzeiten eine europaweite, hoch geschätzte Berühmtheit war.

Die Italiener nannten ihn schon ihren „caro Sassone“, ihren lieben Sachsen, als das noch gar nicht wahr war – der bei Hamburg Geborene (*1699) kam erst nach seiner Karriere in Italien (um dort Fuß zu fassen, hatte er seinen Protestantismus geopfert und war katholisch geworden) in den Dienst des sächsischen Polenkönigs und läutete in Dresden eine Glanzzeit der italienischen Oper ein.

„Siroe“, das Libretto von Pietro Metastasio über den Perserkönig und den Zank seiner beiden Söhne, hat er sogar zweimal vertont. Die von Parnassus ARTS Productions verantwortete Aufführung, die nun auf Tournee ist, greift auf die Spätfassung von 1763 zurück. Hasse, der auch in Wien tätig war, dann aber von der neuen Musikentwicklung überrollt wurde (u.a. von Gluck und Mozart), starb halb vergessen 1783 in Venedig.

Seine Musik ist für jene Ohren geschaffen, denen Händel zu pompös und zu intensiv ist. Hasse hat eine eindeutig „leichtere“ Musiksprache, was seiner Gefühlsintensität keinen Abbruch tut, im Gegenteil: zwischen Lyrik und Hochdramatik, Jubel und Trauer bietet er ein hoch nuanciertes Spektrum der Ausdrucksskala. Wobei es Arien gibt, deren Schwierigkeit das Publikum beim Zuhören um Luft ringen lässt. Wenn die Aufführung am Ende der Sopranistin noch eine Virtuosenarie aus einer anderen Hasse-Oper einlegt, dann traut man seinen Ohren nicht – keiner der italienischen Koloraturenmeister der Romantik hat der „geläufigen Gurgel“ einer Sängerin mehr abgefordert als Hasse, der ein mit allen Schwierigkeiten gespicktes Koloraturenfeuerwerk abbrennen lässt. Aber, wie gesagt – das ist es nicht allein. Gerade, dass er im übrigen dem Musikverständnis von Gluck wohl näher ist als dem von Händel, macht Hasses Musik schlechtweg so wunderschön. Schneller sind dreieinviertel Stunden  Spieldauer selten vergangen.

Die Handlung der Oper ist Schema F, Perserkönig Cosroe tut, was er nicht tun sollte, spielt seine Söhne gegeneinander aus, Siroe, der legitime Sohn, schätzt nicht, dass der jüngere Bruder Medarse an seiner Stelle auf den Thron kommen soll. Intrigant wirken die Frauen mit, Laodice, Geliebte des Vaters, die einen Blick auf Sohn Siroe geworfen hat und von ihm verschmäht wird (was schlimme Folgen hat), Emira, deren Vater einst von Cosroe getötet wurde und die ihren Liebhaber Siroe nun für ihre Rache einspannen will. Bis alles gut ausgeht, hat nicht zuletzt General Arasse viel zu tun… und alle bekommen herrlich viel zu singen.

Wie man von der Vorstellung in Budapest vor drei Tagen hörte, hat man dort „Siroe“ halb szenisch aufgeführt, mit buntem Aufwand an Kostümen und Projektionen. Leider (zumindest im Sinn von Georg Lang, dem Chef von Parnassus ARTS Productions) hatte das Theater an der Wien fürs Halbszenische keinen Sinn, also ist es eine Aufführung ohne äußeren Aufwand geworden. Dennoch unterschied sie sich von sonstigen konzertanten Aufführungen, da es keinerlei Noten gab, die Darsteller ihre Rollen in gekonnter Interaktion „spielten“ und meist auch kostümlich Andeutungen ans Rollenprofil machten (der Titelheld mit einem goldenen Jackett). Nur dass die Sängerin des Arasse im schwarzen Abendkleid erschien, befremdete – ein passenderer Hosenanzug hätte ihr sicher genau so gut gestanden.

Max Emanuel Cencic sang die einst von dem legendären Farinelli verkörperte Titelrolle mit der Schönheit seiner mezzo-melierten Stimme (gerade mit der Schönheit kann es bei Countertenören hapern) und ihrer technischen Flexibilität, nur an Durchschlagskraft schien es an diesem Abend zu fehlen (was wohl mit dem Jetlag nach seinem Australien-Aufenthalt zusammenhängen mochte).

Man hatte sich nicht in allen Rollen an die Stimmlagen der Premierenbesetzung gehalten. Der „böse“ Bruder Medarse war auch ein Countertenor gewesen (der legendäre Caffarelli, damals so berühmt wie Kollege Farinelli), hier übernahm die griechische Mezzosopranistin Mary-Ellen Nesi den Part, mit Verve, aber nicht immer auf der Höhe der Anforderungen.

Liebling des Publikums war die russische Sängerin Julia Lezhneva, die für ihre Koloraturenfertigkeit Ovationen erntete (ungeachtet dessen, dass die Stimme meist schneidend scharf ist). Zwei einstige Contraaltos waren nun mit Sopranistinnen besetzt: Roxana Constantinescu (zu Holenders Zeiten aus der Staatsoper erinnerlich) gab eine als Mann verkleidete Frau (Emira) in Hosen, während Lauren Snouffer (mit schöner, leichter Stimme) einen gestandenen Mann wie erwähnt im Abendkleid spielte und sang.

Der einzige Tenor des Abends, der Spanier Juan Sancho, machte als Erscheinung und als Stimme glänzende Figur.

Die Armonia Atenea unter dem griechischen Dirigenten George Petrou machte Originalklang zu einer schönen, runden Sache, und das Barock-Publikum fand alle Ingredienzien vor, um einen glücklichen Abend zu erleben.

Renate Wagner   

 

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