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WIEN / Theater an der Wien: RADAMISTO

21.01.2013 | Allgemein, Oper

WIEN / Theater an der Wien: 
RADAMISTO von Georg Friedrich Händel
Premiere: 20. Jänner 2013 

Seit Beginn der Ära Roland Geyer hat das Theater an der Wien 14 Händel-Werke präsentiert, davon die Hälfte konzertant. Da bleiben immer noch sieben szenische Aufführungen, mit dem nun neu inszenierten „Radamisto“ (von 1720) sind es acht. Ein Werk, von dem es im Programmheft richtig heißt, dass es „innerhalb der Händel-Opernrenaissance auf der Strecke geblieben“ ist. Man möchte jetzt nicht die billige Pointe bedienen: „Nach der Aufführung im Theater an der Wien weiß man, warum“, zumal der Schlussapplaus (wie meistens…) stürmisch ausfiel. Dirigent René Jacobs schwärmt ganz besonders von der Qualität der Musik, konzediert allerdings die besonderen dramaturgischen Schwächen des Librettos. Aber sind andere Barockopern inhaltlich unbedingt „gescheiter“? Tatsache ist, dass man nicht durchweg kurzweilige dreieinviertel Stunden erlebte. Und das lag vielleicht weniger an der Musik als an der szenischen Umsetzung.

Dabei hat das Trio Vincent Boussard (Regie) / Vincent Lemaire (Bühne) / Christian Lacroix (Kostüme) das Interesse aller angezündet, die ihre Hamburger „Butterfly“ gesehen haben (arte hatte die Freundlichkeit, diese ästhetisch so ungewöhnliche Aufführung zu übertragen): Bild und Szene griffen da weit stärker ineinander, als es meist üblich ist. Gewissermaßen ist das auch beim „Radamisto“ der Fall – allerdings nicht in überwältigender Form. Die Entscheidung der Beteiligten lautete: „Minimalismus“. Und das war denn manchmal auch das Minimum…

Zugegeben, das Libretto ist schlimm, nicht nur, weil entgegen jeder Gewohnheit der Titelheld eben kein Held, sondern ein ziemlich knieweicher Schwächling ist (das sollte ihn vielleicht modern machen, aber viel Psychologie in unserem Sinne bekommt man nicht). Die Handlung sollte an sich im 1. Jahrhundert n. Chr. in Thrakien und Armenien spielen, Königreiche, die durch Verwandtschaft verbunden sind. Aber Armenier-König Tiridate verliebt sich plötzlich in Zenobia (nein, nicht die streitbare Dame von Palmyra, das ist etwa 200 Jahre später), die Gattin seines Schwagers, des Thraker-Kronprinzen Radamisto. Die eigene, ihn liebende Gattin Polissena wirft er hinaus, bis er es sich am Ende zum „lieto fine“ ganz plötzlich und kaum motiviert anders überlegt…

Dazwischen ist Krieg, viele Seelenschmerzen, wobei mit dem Titelhelden kein Staat zu machen ist, aber im Grunde gibt es nur, wie bei Händel immer, eine Abfolge großer, komplizierter, mit vielen Koloraturen verzierter Da-Capo-Arien. Nun sind wir von vielen intelligenten Regisseuren gewöhnt, dass sie für Werke alter Musik eigene Welten kreieren, spannende Geschichten erzählen (man erinnere sich, was Claus Guth zum „Messiah“ eingefallen ist, Robert Carsen zur „Semele“). Bei Vincent Boussard beginnt es bewegt, aber dann geschieht so gut wie nichts mehr.

Die anfängliche Bewegung kommt von einem Dutzend Damen, im Programmheft einfach als „Statisterie“ geführt. Auf ihren Köpfen sitzen Hauben, als seien sie alten holländischen Gemälden entsprungen, aber im übrigen hat Christian Lacroix sie (und die Hauptdarstellerinnen) in eine Art Abendkleider gewandet – die edlen Stoffe so fallend und so gefältet, wie es seine Spezialität ist und wofür Damen, die es sich leisten können, in den Modeboutiquen buchstäblich Tausende und Abertausende von Euros hinblättern. Bei den Herren wird man einen einheitlichen Stil vergeblich suchen – angedeutete römische Brustpanzer oder betresste Uniformen gilt gleich, wird sind nicht bei Thrakern und Armeniern, wir sind auch nicht heute, wir sind im Nirgendwo einer undefinierten Ästhetik, die für nichts steht als sich selbst.

Das gilt auch für das Bühnenbild von Vincent Lemaire: Wenn zu Beginn die zwölf Damen, über deren Funktion man reichlich rätseln kann (so man denn Lust darauf hätte), einen langen Tisch decken, steht das wohl für  Frieden (denn der Tisch kommt am Ende wieder, wenn die Kämpfe ausgestanden sind): Dann wird er dem kriegerischen Armenier-Herrscher quasi unter den wild stampfenden Beinen weggezogen, und man würde einfach einen Theaterabend der symbolischen Aktionen erwarten.

Aber als der Tisch weg ist, bleibt ein großer leerer Raum mit drei Toren (eines frontal, die anderen rechts und links), die sich meist wie Aufzugstüren schließen. Hie und da steht ein Stühlchen auf der Bühne. Ja, und Projektionen zeigen an den Wänden Fische, die im Laufe des Geschehens immer größer werden. Nun wirft sich Zenobia zwar in den Fluß (wird aber ohnedies gerettet) – aber was sollen die Fische?

Darüber hinaus gibt es nichts zu sehen, die Sänger liefern mit einem Minimum an Auf- und Abtritten ihre Arien ab. Oft ist die Aufführung keinen Schritt von einem konzertanten Abend entfernt, worauf man natürlich verschieden reagieren kann: Die einen werden es wunderbar finden, dass man sich ganz auf die Musik konzentrieren kann, wenn der Sänger einfach steht und singt, aber die anderen (und die haben auch nicht unrecht) könnten meinen, im Theater solle auch szenisch etwas vorgehen…

Nun, man gewinnt den Eindruck, dass sich selten ein Regisseur so wenig um Aktion geschert hat wie Vincent Boussard. Und wenn einmal ein Regenschirm mitspielt oder wenn er gelegentlich wieder einmal seine zwölf Statistinnen über die Bühne schickt, kann man meist nur rätseln, warum… Auch ihr Erscheinen löst das Manko des Abends nicht: Es wird keine Geschichte erzählt. Nun ja, am Ende gibt es eine Geburtstagstorte – wieder einmal ein Symbolakt.

Am Pult des Freiburger Barockorchesters steht René Jacobs, und das ist natürlich Kompetenz pur, mit schlankem, aber nie trockenem Klang und mit höchst aufgeheizter Gefühlsintensität, wenn es darum geht, die Sänger durch ihre Arien zu führen. Händel rund und schön sozusagen (man kennt ihn auch anders interpretiert).

  
Patricia Bardon, David Daniels  /  Florian Boesch, Sophie Karthäuser  Alle Fotos: Barbara Zeininger

Titelheld David Daniels hat mit dem schwankenden Charakter seiner Figur keine leichte Aufgabe, dazu kommt, dass sein Countertenor zwar mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde, aber dennoch kein besonderes Hörvergnügen bietet, was manchen Kollegen auf „schräge“ Art durchaus gelingen mag. Da hat es Florian Boesch schon leichter, zumal ihm der aggressive Charakter des Tiridate geradezu perfekt in der kraftvollen Stimme liegt. René Jacobs, der im Programmheft ausführlich nicht nur die von ihm gewählte Fassung des „Radamisto“ erklärt, begründet, dass bei ihm Tigrane von einem Tenor gesungen wird (mit heller Stimme: Jeremy Ovenden) und dass der alte Farasmane keine Arie bekommt (also gering bedacht in Basses Tiefe: Fulvio Bettini).

Heldinnen des Abends sind ohnedies die Damen, und das fast in gleicher Weise: Da ist Patricia Bardon mit ausdrucksvollem Mezzo die kämpferische Zenobia, neben der ihr Gatte noch mehr wie eine Flasche wirkt, und Sophie Karthäuser die so zartstimmig, aber intensiv leidende Polissena, die faktisch die ganze Oper hindurch unglücklich ist, bis endlich das erwähnte seltsame Happyend kommt.

Der Regisseur hat dies ebenso wenig zu begründen gesucht wie den Rest der Handlung – vielleicht ganz bewusst als Oper, das abstrakte Kunstwerk im abstrakten Raum?

Das Publikum klatschte so heftig, dass etwas Widerstand gegen das Leading Team im Beifall unterging.

Renate Wagner

 

 

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