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WIEN / Theater an der Wien: ORLANDO

17.04.2019 | KRITIKEN, Oper

 
Fotos: Monika Rittershaus

WIEN / Theater an der Wien:
ORLANDO von Georg Friedrich Händel
Premiere: 14. April 2019,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 16. April 2019

Orlando liebt Angelica. Diese ihrerseits liebt Medoro. Und diesem hat auch Dorinda ihre Gefühle zugewendet. Man hat also ein Quartett, wo ausgerechnet der Titelheld – das ist natürlich „Orlando“ in der Oper von Georg Friedrich Händel aus dem Jahr 1733 – in Sachen Liebe gar nichts abbekommt. Das ist gegen jede Opernregel, aber folglich ist es wirklich kein Wunder, dass er – wie’s in allen Vorlagen steht – „furioso“ wird. Befrieden kann seinen Ausbruch aus Zorn, Wut und Frustration, wo er allerlei in Stücke zerlegt. den Rivalen  und die ihn Verschmähende umbringt, nur der Zauberer Zoroastro, dessen Wunsch es auch ist, Orlando endlich wieder zu dem zu machen, was er von Berufs wegen sein soll: ein Krieger. Die Oper hindurch jammert er ja nur hinter seinen Gefühlen her…

Dabei hat Händel viele Rezitative auch vom Orchester begleiten lassen, was damals ungewöhnlich war, schrieb einige Virtuosenarien, aber auch viel gedehnt Lyrisches, und krönt das seltsame Happyend (die Toten erstehen auf, Orlando verzichtet auf die Liebe und wird wohl wieder das Schwert führen) mit einer musikalisch schlechtweg prachtvollen Ensembleszene.

Dennoch ist die ganze Oper, verglichen mit den berühmten Händel-Werken, inhaltlich eigentlich dürftig und wiederholt ihre Motive ununterbrochen, und es verwundert nicht, dass sie eher zu seinen unbekannteren Schöpfungen zählt. Allerdings war sie 2013 in einer popig-punkigen Aufführung in der Kammeroper, die auch die starke Naturbezogenheit von Handlung und Arien thematisierte, besser aufgehoben als derzeit im Theater an der Wien. Da wirkt der dreieinhalbstündige Abend oft wie „viel Lärm um nichts“.

Zu „Orlando“ muss man sich etwas einfallen lassen, und das ist Regisseur Claus Guth fraglos gelungen. Natürlich wollen wir keinen Ritter aus dem Heer von Karl dem Großen mehr auf der Bühne sehen und auch keine Schäferinnen. Wenn die Handlung allerdings hier und heute in irgendeinem schäbigen Wohnblock in Mexiko spielt, muss man sich als Zuschauer / Zuhörer darauf einlassen, dass ausgerechnet diese Leute Händel singen. Dass alles, was in dem Werk an „Zauber“ passiert, nur Wahn ist. Dass am Ende offenbar selbst heilende Kräfte wirken, sonst kann nicht plötzlich alles „gut sein“.

Aber man will es glauben, einfach weil Guth die gänzlich neue Welt, die er für das Werk kreiert, mit Hilfe von Ausstatter Christian Schmidt durchzieht. Einmal nicht eine der faden Zimmerdekorationen. Vielmehr steht – allerdings sehr an Castorf-Ambiente gemahnend – ein klobiger Betonbau auf der Drehbühne, hat vier Seiten, das Untergeschoß ist eine Garage (Medoro werkt da auch, kann den Wagenheber bedienen, wenn man sich nicht irrt, riecht es tatsächlich nach Schmieröl), außerdem steht da ein Imbiß-Bus; weiter gedreht gibt es eine Bushaltestelle; wieder gedreht einen leeren Raum im Obergeschoß; noch einmal gedreht jene Außentreppen, wie man sie vielfach aus den USA kennt, aber nicht aus Eisen, sondern auch als Beton (und eine Zumutung für die Sänger, die Schwieriges zu singen haben und noch Treppen laufen müssen. Gut, sie sind alle einigermaßen jung, aber trotzdem…). Ja, und irgendwo klebt ein Plakat, auf dem „Mexico“ steht. Das spielt aber für den Schauplatz keine weitere Rolle.

Hier laufen die Darsteller in heutiger Kleidung herum, wobei Orlando und Medoro einander so ähneln (Bart, Frisur, Kleidung), dass man anfangs, wo sie einem noch nicht so vertraut sind, Gefahr läuft, sie zu verwechseln. Was bei den doch sehr verschiedenen Damen nicht passieren kann. Warum Florian Boesch sich aus dem „Zauberer“ Zoroastro, den er an sich als humorlosen Sklaventreiber anlegt, zwischendurch in einen Sandler verwandeln muss (pinkeln gehört heutzutage einfach dazu), bleibt unklar wie vieles andere auch. Aber das haben heutige Inszenierungen so an sich: Sie sind nicht zwingend. Alles kann so sein, könnte auch anders sein und spielt keine Rolle. Ob Guth da noch seltsame Nebenfiguren einbringt, die man nicht identifizieren kann, oder ob er, wenn von Pluto die Rede ist (nächster Umweg vom Orkus nach Mexico) Statisten mit Anubis-artigen Hundeköpfen auf die Bühne schickt… mein Gott, ist halt so in der Betonwelt.

Aber zumindest macht dieses ganze wehleidige Liebesgedöns in Guths Regie einigermaßen Sinn, und die fünf Sänger spielen mehr oder minder überzeugend, was man ihnen sagt. Dabei muss man „Orlando“ Christophe Dumaux noch zu seiner Wendigkeit gratulieren, er ist fast am eindrucksvollsten, wenn er im Bühnenbild herumturnt und herumspringt, als ob es nichts kostet und ein paar Schreckensmomente erzeugt. (Ein Deja vu-Moment hat man als Theater-an-der-Wien-Besucher übrigens bei der Stelle, wo Orlando sich mit Benzin übergießt und ein Feuerzeug schwenkt – hatten wir das nicht gerade erst bei „Elias“?)

Im übrigen kann man allen Sängern leider nachsagen, dass sie keine aufregend schönen Stimmen haben und Händel nicht mit jener Virtuosität exekutieren, die nun einmal dazu gehört – nicht die Countertenöre Christophe Dumaux und Raffaele Pe, noch weniger die Damen Anna Prohaska und Giulia Semenzato, beide schon eher überfordert mit den Koloraturen, auch nicht Florian Boesch mit grobem Bassbariton.

Il Giardino Armonico klang so harmonisch, wie es bei alter Musik auf alten Instrumenten nur gelingen kann, und Dirigent Giovanni Antonini war bei den dramatischen Sequenzen weit überzeugender als bei den lyrischen, die manchmal unerträglich geschleppt wirkten.

Das Publikum schien keinerlei Einschränkungen zu hören und zu sehen, auch die zweite, voll besetzte Aufführung des Werks wurde ehrlich bejubelt.

Renate Wagner

 

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