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WIEN / Theater an der Wien: MACBETH

12.11.2016 | KRITIKEN, Oper

TaW_MACBETH_Szene
Alle Fotos: Theater an der Wien / Herwig Prammer

WIEN / Theater an der Wien: 
MACBETH von Giuseppe Verdi
Fassung von 1865
Premiere 1: 11. November 2016 

Doppelpremieren werden für Stars angesetzt, die gewisse Rollen unbedingt verkörpern wollen, aber keine lange Serie singen möchten – wie es bei der „Straniera“ der Gruberova der Fall war. Um Placido Domingo den „Macbeth“ in Wien zu ermöglichen (hat Dominique Meyer gestreikt?), gibt es dieses Werk nun im Theater an der Wien. Premiere Nr. 1 ohne den Superstar bot für Intendant Roland Geyer, der nach „Hoffmann“ und „Hans Heiling“ Geschmack am Regieführen gefunden hat, den Vorteil, dass man sich stark auf seine Inszenierung konzentrierte.

Geyers „Macbeth“ ist in der Ausstattung von Johannes Leiacker vor allem ein Abend der hoch gestylten Ästhetik. Die Bühne wird von roten Vorhängen, schwarzen Seitenwänden und Decke begrenzt, in der Mitte ein runder, innen verspiegelter Pavillon, der gedreht und versenkt werden kann. Nach der Pause ist im Hintergrund des Bühnenraums ein gewaltiger Baum hoch gewachsen, aber die spektakulärste Idee begibt sich dann zu Beginn des dritten Aktes, wenn Macbeth von den Hexen bedrängt wird und sich unter Alpträumen windet: Da belebt sich nämlich der Zwischenvorhang mit einer gewaltigen Video-Show (David Haneke), bei der – es ist ja Bosch-Jahr – sich die Monster des Hieronymus Bosch selbständig machen und beginnen, in ihrem ganzen Schauer zu schweben, zu fliegen, auch zu killen… Und wenn die Hexen bei Verdi ganz unvermutet anmutig tänzeln (man versteht ja Passagen wirklich „fröhlicher“ Musik in diesem düsteren Werk ohnedies nicht so richtig), dann sind es die Nackten im Pool aus dem „Garten der Lüste“, die anmutig ihre Hände bewegen… Ganz amüsant, ablenkend und als Idee im wahrsten Sinn des Wortes „in der Luft hängend“, eher originell als zielführend.

TaW_MACBETH  Bosch Szene

 Der optische Rahmen dominiert von Anfang an, wenn der Hexenchor aus Zwittern besteht – eine Hälfte des Gesichts mit Männerbart, der Körper im Smoking, die andere weiblich, in schwingenden Silbergewand, das gibt ein spektakuläres Hexenballett. Bei dem sind nicht nur Macbeth und Banco dabei, sondern auch die Lady und eine ganze Partygesellschaft. Solche Änderungen macht Geyer gerne, auch die Briefszene der Lady ist kein Solo, hier ist der Gatte ebenfalls dabei (weshalb er nicht dann eher überraschend auftreten kann) – und auch wenn die Lady sich auf der Bühne umbringt, steht das nicht so im Libretto, aber gibt dem (steht auch nicht so im Libretto) am Ende nicht ganz toten Macbeth die Möglichkeit, sich zu seiner toten Frau zu schleppen. Denn die Beziehung der beiden ist für Roland Geyer das Zentrum des Abends.

Keine Frage, dass das ein hoch stimmiger Ansatz ist – nur hat er eine Menge anderer Dinge dann einfach nicht inszeniert (weder der Auftritt des Königs noch die große Tafel werden sonderlich differenziert). Wenn Macbeth beim Gelage nicht nur der tote Banco, sondern auch eine nackte Frau mit geschorenem Kopf erscheint und man nicht weiß, was man mit ihr anfangen soll … abwarten, die ist aus der Hieronymus-Bosch-Welt, die erst später kommt.

Von den Kostümen her spielt das Stück vage heute, wobei die Uniformen glücklicherweise völlig neutral sind, man muss sich nicht überlegen, ob Nazis, ob Ostblock-Potentaten, ob alte Habsburger oder was immer. Eine Soldaten-Gesellschaft mit chicen Damen. Und im Zentrum tatsächlich ein Paar, das wie unlösbar zusammen gehört, wobei die Lady ganz gewaltig ihre Reize einsetzt (erotisch verrenkt am Thron, so dass der arme Gatte nur zwischen ihre Beine sinken kann) – möglicherweise muss der Sex dazu kommen, um den schwerfälligen Macbeth zu bewegen, obwohl die Lady genügend Kraft ausstrahlt.

TaW_MACBETH_Frontali und Lady  xx 
Adina Aaron, Robert Frontali

Adina Aaron ist eine dunkelhäutige Schönheit von bedeutendem Bühnenreiz, und wenn sie „normal“ singen darf, klingt sie fabelhaft. Allerdings muss die Lady ja ununterbrochen in Gewaltattacken ausbrechen, und da macht die Stimme (deren Technik sie auch nicht bruchlos zwischen den Registern bewegen lässt) oft nicht mit. Die Ausrede, die Lady dürfe nicht schön klingen, verfängt da nicht. Zwischen absichtlich und unabsichtlich „nicht schön“ liegen Welten.

Roberto Frontali, zu Holenders Zeiten des öfteren an der Staatsoper, jetzt selten (Ende der Saison ist er als Rigoletto angesetzt), ist ein kraftvoller Bariton, der gleichfalls zum totalen Kraftaufwand hochgeputscht wird, was er allerdings mit mehr Stimmpotential erfüllt als die Kollegin. Als Figur anfangs der vorgesehene Zauderer, holt er gegen  Ende zum eigenständigen Bösewicht auf. (Die Qualen der zweiten großen Hexenszene muss er nicht spielen, da sieht man ihn so gut wie nicht hinter dem Vorhang, auf dem „der Bosch“ läuft…)

Einen Höhepunkt des Abends bietet Stefan Kocan (er war auch im Keenlyside-Staatsopern-Macbeth der Premieren-Banco), der über eine echte Kostbarkeit verfügt, nämlich einen rabenschwarzen Baß. Schade, dass seine Rolle so kurz ist. Ein Problem, das auch die Tenöre haben – Arturo Chacón-Cruz als Macduff musste bekanntlich lange auf seine Arie warten, bekam dafür aber dann Zwischenapplaus, der an diesem Abend selten war. Julian Henao Gonzalez als Malcolm, Natalia Kawalek als Dame der Lady und Andreas Jankowitsch als Arzt ergänzten. Und der Arnold Schoenberg Chor (ohne den die Opernaufführungen des Theaters an der Wien nicht existieren könnten) zeigte sich wie immer auf der Höhe der Anforderungen und war ein brillanter „Protagonist“ für sich.

Bertrand de Billy sorgte am Pult der Wiener Symphoniker für einen radikalen, oft rabiaten,  hart akzentuierten „Macbeth“, dessen Fortissimo-Passagen zur vollsten Lautstärke hochgepeitscht wurden. Dafür (?) gab es schon nach der Pause ein paar Buh-Rufe, die sich am Ende nicht wiederholten. Da bekamen dann Geyer und die Seinen ein kurzes Buh-Paket. Aber im Ganzen dürfte es dem Publikum gut gefallen haben. Und jetzt warten alle auf Domingo. Die Opernwelt ist einfach so.

Renate Wagner

 

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