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WIEN/ Theater an der Wien: LES CONTES D’HOFFMANN – Premiere

04.07.2012 | KRITIKEN, Oper

Th.d.W. „Hoffmanns Erzählungen“ am 4.7.2012 – Premiere


Marlis Petersen, Arturo Chachon-Cruz. Foto: Barbara Zeininger

Warum auch immer zwei Inszenierungen innerhalb weniger Monate an der Wien gespielt werden müssen – sei es, weil man die unterschiedlichen Sichtweisen dieser Oper gegenüberstellen wollte, oder sei es, weil die erste Produktion absichtlich extrem schlecht war, sodass man die Scharte unbedingt ausmerzen wollte -, weiß der Geyer. Der (inszenierte?) Krach zwischen dem Regisseur der ersten Version und dem Intendanten wirkt eigentlich unglaubwürdig, wenn nicht mindestens einer der beiden grenzenlos naiv ist. Mit dem mulmigen Gefühl, es könnte ein weiteres Desaster stattfinden, sitzt man im endlich gekühlten Zuschauerraum und staunt: Manche Idee des Neo-Regisseurs Roland Geyer, etwa dass der Olympia-Akt in einer Art Marionettentheater spielt, ist amüsant und passend. Die Handlung im Venedig-Bild ist etwas komplizierter und weniger verständlich geworden, schade, dass die großartige Ensembleszene weggelassen wurde.

Auch musikalisch wurde man angenehm enttäuscht, das Orchester der Wiener Symphoniker fand unter dem Dirigenten Riccardo Frizza zu einer wesentlich besseren Abendform als im März. Gedrosselte Lautstärke, bessere Koordination mit der Bühne sorgten für einen fast reibungslosen Ablauf. Ein neuer Tenor, Arturo Chacon Cruz als Hoffmann war zu hören, und wie! Ein Tenor mit einer sensationellen Höhe, Kraft für zwei Opern und Durchschlagskraft, wie man sie bei Wagner braucht. Dass er in der Mittellage nicht gerade schmeichelweich klingt und die Kraft nicht immer rechtzeitig dosieren kann, mag als kleine Einschränkung einer ansonsten guten Leistung gelten. Marlis Petersen sang alle vier Frauenrollen – hier durfte auch Stella Stimme zeigen. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten aus gutem Grund eingebürgert, drei Damen aufzubieten, wenn man den optimalen Klang und Ausdruck erzielen will. Der Versuch, eine eher dramatische Stimme für alle Rollen einzusetzen, ist aber dennoch geglückt. Olympia karikiert sich selbst und verhaut die Spitzentöne – die wahrscheinlich erreichbar gewesen wären – absichtlich, Antonia passt exakt ins Bild und Giulietta kann durch gelungenes Spiel und etwas abgedunkelter Stimme punkten. John Relyea war als Bösewicht bestens eingesetzt, seine Stimme besitzt das richtige raue Timbre und wäre ohne leichter Indisposition noch eindrucksvoller, Roxana Constantinesu sang die Muse sehr berührend und sicher, ihre Stimme hat deutlich an Glanz gewonnen. Eindrucksvoll war auch die Leistung des Arnold Schönberg-Chores, der einmal mehr bewies, zu den professionellsten Opernchören zu gehören. Viel Applaus belohnte alle Akteure, sehr verdient, wenn man bedenkt, dass wieder eine in wesentlichen Teilen veränderte Fassung dieser geschundensten aller Opern einzustudieren war.

Johannes Marksteiner

 

 

 

 

 

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