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WIEN / Theater an der Wien: LE NOZZE DI FIGARO

14.04.2015 | KRITIKEN, Oper

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Fotos: Theater an der Wien / Herwig Prammer

WIEN / Theater an der Wien: 
LE NOZZE DI FIGARO von W.A. Mozart
Premiere: 11. April 2015,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 13. April 2015

Vor der zweiten Vorstellung der bereits heftig verrissenen „Figaro“-Produktion des Theaters an der Wien standen auffallend viele Leute vor dem Haus und versuchten (ihre) Karten zu verkaufen. Ob es geglückt ist, war nicht festzustellen, das Theater war (mit Ausnahme der Stehplätze, wo links drei schüttere Tapfere standen) ziemlich voll, das Publikum zeigte sich gutwillig, ein einsamer Buh-Rufer, auch ein einsamer Bravo-Rufer, und am Ende viel Applaus für die Sänger (teilweise, nach Meinung der Rezensentin, sogar zu viel, gemessen an den Leistungen…).

Was war geschehen, dass die Erfolgsserie des Theaters an der Wien so dramatisch eingebrochen ist? Das hat einen Namen, und der lautet Felix Breisach. Und dabei wäre das, wenn es um Opernaufzeichnungen geht, ein guter Name:  Rund 120 hat er verantwortet, auch außergewöhnliche Aufführungen im Hauptbahnhof, im Hochhaus oder am Hangar wurden geschickt zu Events auf DVD zusammen geschnitten. Wer so vielen Regisseuren vielleicht nicht zu ewigem Ruhm, aber zumindest zum dokumentierten Gedächtnis verholfen hat, konnte offenbar der Versuchung nicht widerstehen, es selbst einmal zu versuchen. Den konzertanten Mozart /Da Ponte-Harnoncourt hatte er im Theater an der Wien schon „halbszenisch“ gemacht. Nun durfte er sich an den „Figaro“ wagen…

Das Programmheft des Theaters an der Wien ist so glänzend wie immer (ein Kompliment, das man einmal artikulieren soll), und es tut sein Bestes, die Intentionen des Regisseurs – warum er über den originalen „Figaro“ noch eine andere Handlung quasi als Rahmen gestülpt hat – klar zu machen (na ja…). Viele Zitate verweisen immer wieder auf das „absurde“ Element des Theaters hin. Ja, man weiß schon: „Absurd“ bedeutet, dass alles sein darf, ohne dass man es begründen muss (was natürlich ein Blödsinn ist, denn jedem Absurden muss eine besonders stringente innere Logik innewohnen). Also, jedenfalls hat sich Felix Breisach den Kopf zerbrochen. Und er kann auch handwerklich einiges. Aber was ihm eingefallen ist, um einem der großen Meisterwerke der Opernliteratur quasi einen anderen Blickpunkt zu verleihen, macht, offen gesagt, gar keinen Sinn…

Wir hatten den Orfeo im Krankenhaus, den Falstaff im Altersheim, also musste ja irgendjemandem der Figaro im Narrenhaus auch einfallen. Heut’ hast du’s erlebt! wie Wotan so schön sagt. Wobei man nur mit Christopher Durang kontern könnte: „Beyond Therapy“! (wie dessen berühmtestes Stück heißt): Keine Frage, dass in Da Pontes „Figaro“-Version auch einige Neurotiker auf der Bühne stehen, aber im Narrenhaus kommt man ihnen einfach nicht bei.

Breisach macht nun Hauptneurotiker Almaviva zum Chef der Klink, die da aufwendig, mit Extraraum für Behandlung als „Zelle“ im Zentrum und einem Oberstock versehen, auf der Bühne steht (Jens Kilian). Die Kostüme von Maria Aigner bedienen sowohl heutiges Alltagsgewand wie angedeutet Historisches, das sich die Patienten überstülpen müssen. Herr Doktor (der für den ahnungslosen Zuschauer erst später als Graf Almaviva, wie er bei Mozart steht, kenntlich wird) hält es nämlich im Behandlungsraum (mit Freud-Couch, versteht sich) mit Rollenspielen, weiß der Teufel, warum. Da bekommen die Patienten Texte und Noten in die Hand gedrückt und sollen Figaro und Susanne sein…

Zwar weicht die Regie von diesem strengen Konzept schnell ab, in einer Welt, wo alle – Patienten und Personal – stets auf der Bühne sind, was viel „Gewure“ verursacht, soll sich (wenn man es richtig versteht) immer wieder Privates einschleichen, die Abneigung gegen den Doktor/Grafen ist dann jene, die Figaro und Susanne (bzw. die Patienten, die sie spielen) gegen den Grafen bei Mozart empfinden… Die Gräfin ist tatsächlich die Gattin des Doktors (im Kaufrausch, wie die vielen Designer-Taschen bezeugen, die sie mitschleppt), unwillige Beteiligte im Spiel, zu dem sie gezwungen wird. Bei Marcellina hat man eigentlich den Eindruck, die Dame gehöre auch zum Personal und spielt auf Befehl des Doktors mit…

Und all die Verwirrung bringt aus einem einfachen Grund nichts: Es hat mit dem Stück nichts zu tun. Wenn man „Figaro“ kennt, also weiß, was die Figuren singen, dann kann das ganze Breisach-Konzept den Konnex zwischen dem Original und dem, was sich der Regisseur so kompliziert ausgedacht (und so kompliziert ausgeführt) hat, nicht herstellen. Wenn solcherart ein Theaterabend nur zur Arbeitsbeschaffung für die Mitwirkenden und zur Zwangsbeglückung des Publikums wird, hat er verdammt wenig zu bieten… zumal sich auch immer wieder die Langeweile einschleicht.

Wäre das musikalische Niveau durchwegs auf jenem von Les Musiciens du Louvre Grenoble unter Marc Minkowski, man könnte zufrieden sein, aber dem ist nicht so. Der Dirigent verbeißt sich in keine Harnoncourt-artige  Interpretationen, sondern vertraut der Musik, bietet schönen, warmen, fülligen, lebendigen, flotten Mozart, der Besseres verdient hätte als so viel „Konzept“, das ins Leere läuft und nie bei Mozart / Da Ponte landet.

Die Besetzung hat ihre Qualitäten, wenn auch nicht durchwegs. Immerhin ist Stéphane Degout (normalerweise ein farbloser Typ) als nach und nach immer hilfloser werdender Doktor/Almaviva, dem alles über den Kopf wächst und dem die Patienten schließlich seine Klinik demolieren, ganz amüsant (und verdächtig mit einem echten kleinen Barbie-Püppchen unterwegs…). Gut gesungen, muss er nur von Zeit zu Zeit forcieren, um die nötige Kraft für die Rolle aufzubringen.

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Alex Esposito hat eine kompetente Figaro-Stimme, die nur in der Tiefe ein wenig schwächelt, und wirft sich voll ins Regiekonzept. Statt des aufmüpfigen Dieners spielt er halt, wie verlangt, den rabiaten Patienten.

Anett Fritsch, noch nicht perfekt in der Rolle, lässt ahnen, dass sie einmal eine sehr gute Gräfin sein wird, wenn sie Schwächen in der Intonation in den Griff bekommt. Ihr hat Breisach ein äußerst rebellisches Wesen auferlegt, und am Ende verzeiht sie dem Gatten nur pro forma, um sich gleich Cherubin zuzuwenden: Alle anderen Damen des Stücks sind zu den dazugehörigen Männern im Finale übrigens ebenso abweisend. Das nennt man ein Happyend, das dann nur noch im Text und in der Musik steht, aber auf der Bühne nicht vorkommt.

Leider eine stimmliche Mini-Besetzung war Emöke Barath als Susanna, und Ingeborg Gillebo als Cherubino hatte es besonders schwer: Zwei so „bewegte“ Arien unbeweglich in den Zuschauerraum zu singen, das würde auch wenig glücken, wäre die Stimme schöner und der Ausdruck prägnanter.

Eher schlimm anzuhören erwies sich die Marcellina der Helene Schneiderman, trocken klang der Bartolo des Peter Kalman, saftiger der Basilio (und Don Curzio) des Sunnyboy Dladla, der Antonio des Zoltán Nagy hielt mit. Die Barbarina der Gan-ya Ben-gur Akselrod sah aus wie eine Zigeunerin in mittleren Jahren, aber wer wird in einer „absurden“ Inszenierung (nicht vergessen: Da darf ja bekanntlich alles sein!) schon das ganz junge Mädchen verlangen? Verzeihen schon die Anmerkung, aber alles in allem war das keine Besetzung, um derentwillen man in Wien zu Mozart geht…

Zwei Anmerkungen zum Schluß: Selten hat das Theater an der Wien im Vorfeld so viele Umsetzungen kundgetan wie bei dieser Inszenierung. Haben kluge Sänger, als man sie mit dem Konzept vertraut machte, vielleicht den Rückwärtsgang eingelegt?

Und: Auf einer Tafel ist mit Kreide zu lesen: „Heute Therapie Figaro“. Davor stand da: „Heute Therapie Parsifal.“ Bitte, danke, nein. Nein, nein, nein.

Renate Wagner

 

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