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WIEN / Theater an der Wien: LA VESTALE

16.11.2019 | KRITIKEN, Oper


Fotos: Theater an der Wien / Werner Kmetitsch

WIEN / Theater an der Wien:
LA VESTALE von Gaspare Spontini
Premiere: 16. November 2019

Jeder echte Opernfreund liebt Raritäten, und diesbezüglich hat das Theater an der Wien in dieser Spielzeit einiges zu bieten. Zumal Gaspare Spontini ist in den letzten Jahrzehnten ein absolut weißer Fleck in der Wiener Musiklandschaft. Dabei weiß man von dem Erfolg der „Vestalin“ aus dem Jahr 1807 (für Paris geschrieben, ein Werk für die Welt Napoleons), man weiß von Richard Wagners Bewunderung für den um knapp 40 Jahre älteren Kollegen. Folglich: Grundsätzlicher Dank an das Haus für die Spielplangestaltung.

Nun stand also (in YouTube gibt es eine Pariser Aufführung von 2013 unter Jeremie Rhorer, allerdings die italienische Fassung) die Live-Überprüfung an. Wobei wieder einmal die Geschichte einer verbotenen Liebe im römischen Gewand erzählt wird – eine Vestalin darf sich keinem Mann hingeben, auch wenn sie ihren Feldherren noch so liebt. Auf der zweiten Ebene die herrschenden Priester, dazu der Chor der Vestalinnen und Volk. Das soll nun – natürlich – eine heutige Form finden.

Dies unternahm die Inszenierung von Johannes Erath, dem man in Wien bisher nur in der Neuen Oper Wien begegnet ist, mit Inszenierungen, die weder begeisterten noch besonders erregten. Was die „Vestalin“ betrifft, so griff er allerdings ganz tief in die Kiste der Regietheater-Ideen, derer man inzwischen so müde ist, dass man gar nicht mehr überlegen will, was da auf der Bühne gemeint sei – warum etwa ein Bock aus dem Turnsaal dasteht oder warum die Grande Vestale am Ende den Souverain Pontife umbringt (was doch mit Sicherheit nicht vorgesehen ist) und tausend haarsträubende Details mehr.

Lustlos liest man sich durch die Interviews mit dem Regisseur (die dann auch seltsame historische Behauptungen ergeben, etwa, dass sich Napoleon „nach antikem Vorbild“ selbst krönte – als ob es im alten Rom so etwas wie Kaiserkrönungen gegeben hätte!), man folgt krausen, auch angeberischen Gedankengängen, von denen man auf der Bühne nichts wiederfindet, und hat ohnedies längst resigniert.

Das angebotene Chaos, von Katrin Connan / Jorge Jara unerklärlich seltsam ausgestattet ( dazu noch gänzlich sinnfreien Videos von Bibi Abel), erzählt bestimmt nicht die „Vestalin“, aber auch der unermüdlichste Opernfreund streckt einmal die Waffen: Es ist eigentlich egal, was sich da oben abspielt:  So lange Intendanten die Spielwiese anbieten, werden Regisseure sich dort vergnügen. Ob sie dem Publikum etwas zu sagen haben oder nicht.

Spontinis viel bewunderte Musik, eine so genannte Tragédie lyrique, lässt deutlich ein Werk an der Kippe hören – der Barock war vorbei, aber noch herrschten musikalische Gesetze von einst, die Leute wie Gluck und Spontini belebten, die aber erst Mozart genial durchbracht. Viel Schönes, manches auch länglich. Im Theater an der Wien von den Wiener Symphonikern unter Bertrand de Billy so schroff realisiert, dass man es bei geschlossenen Augen für den Concentus unter Harnoncourt hätte halten können. In Richtung Wiener Klassik hätte es sich vielleicht schöner angehört – aber das, was Bellini ein knappes Vierteljahrhundert später mit einer anderen Priesterin und einem anderen römischen Feldherrn gelungen ist („Norma“), diese mitreißende Wirkung erreicht die „Vestalin“ wohl auf keinen Fall.


Elza van den Heever, Michael Spyres 

Kein allzu glückliches Händchen hatte das Besetzungsbüro, obwohl man eindrucksvolle Namen geholt hatte. Aber, ehrlich: nicht eine echte Qualitätsstimme darunter, nicht eine, und keine Gesangsleistung, die beglückt aufhorchen ließ. Also reicht es zu erwähnen, dass Elza van den Heever und Michael Spyres als das tragisch liebende Paar eingesetzt waren. Claudia Mahnke, die unserer Kulturstadträtin ähnlich sieht, durfte sich vielfach verkleiden, vom Wiener Wäscherweib zur strengen Herrin in schwarzem Reitdreß mit Reitpeitsche und anderes mehr (vom Abendkleid mit Glitzerbrille bis zur Hausfrauenlangeweile). Franz-Josef Selig als Pontifex wirkte ohnedies immer wie aus „Hoffmanns Erzählungen“, ob er ein heutiger Dirty Old Man war oder man ihn zwischendurch in ein Priestergewand steckte (und die „böse Göttin“ stand als Madonna auf der Bühne…). Cinna (Sébastien Guèze) war ursprünglich auch als römischer Feldherr gemeint, ist hier aber meist in Unterwäsche anzutreffen. Wie gesagt, man will nicht über das reden, was sie alle an gesanglicher Schönheit und Reinheit schuldig blieben. Übrigens klang sogar der Arnold Schoenberg Chor diesmal nicht auf der Höhe seiner Fähigkeiten.

Als am Ende heftiger Beifall aufbrandete (!), musste man diesen Fetzenkarneval für eine legitime Inszenierung für unsere Zeit und den Abend für einen großen Erfolg halten. Immerhin erntete das Leading Team ein paar heftige Buh-Rufe. Gibt es also doch noch Zuschauer, die von dergleichen Produktionen die Nase voll haben…

Renate Wagner

 

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