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WIEN / Theater an der Wien: LA CLEMENZA DI TITO

12.05.2015 | KRITIKEN, Oper

 

WIEN / Theater an der Wien: 
LA CLEMENZA DI TITO von Christoph Willibald Gluck
Konzertante Aufführung
11. Mai 2015 

Sprechen wir nicht von Mozart. Als Christoph Willibald Gluck 1752 für Neapel seine Vertonung des Metastasio-Librettos „La clemenza di Tito“ ablieferte, war dieser noch gar nicht geboren. Und als Mozart dann in seinem Todesjahr, 1791, sich dieselbe Geschichte als kaiserliche Huldigungsoper für die Prager Krönung von Leopold II. abrang, war die Zeit des so unendlich viel komponierten Metastasio im Grunde auch schon vorbei (und die Welt hatte sich seit 1789 grundlegend verändert…). Als Antonio Caldara dieses Libretto 1734 für den Wiener Hof komponiert hatte, war noch Leopolds Großvater, Karl VI., Kaiser gewesen… Die Zeiten änderten sich, nur die Libretti von Metastasio (1698-1782) beherrschten ein Jahrhundert…

Und Mozart – man kommt halt nicht um ihn herum -, der in seiner Mitwelt nur einer von vielen Komponisten einer überreichen Musikszene war, ist (zu Recht, keine Frage) der Gott der Nachwelt bis heute, seinem übermächtigen Schatten mussten auch – etwa mit seinem „Tito“ – Giganten wie Gluck weichen (dessen 300. Geburtstag im Vorjahr ziemlich sang- und klanglos vorübergegangen ist!). Obwohl sein „Titus“, wie man nun im Theater an der Wien hören konnte, dem Mozart’schen in unseren Ohren nicht nachsteht.

Die Produktion, die uns erreichte und ein bemerkenswertes, lobenswertes Ergebnis deutscher Kulturförderung durch viele Institutionen ist, hat sich übrigens in ihrer Besetzung nicht in allen Fällen an das Original von Neapel im Jahr 1752 gehalten. Die beiden Damenrollen sind mit Sopranen besetzt, der Titelheld mit einem Tenor, der Annio wie anno dazumal mit einem Countertenor (unsere Variation eines Kastraten…). Sesto, ursprünglich ein Soprankastrat, ist nun einer Sopranistin anvertraut, für den Publio, der einst von einer Sopranistin gesungen wurde, holte man dafür einen zweiten Countertenor ins Boot. Geleitet wurde das Unternehmen von Werner Ehrhardt am Pult des von ihm 2004 gegründeten Orchesters „L´arte del mondo“, das herb und spröde klang – also sehr „original“.

Vielleicht hätte man, würde die Musik (wäre es wirklich so undenkbar?) von einem Orchester unserer Tage gespielt, diesen Gluck noch mehr genossen, denn er hat sich wahrlich nicht nur auf die Sänger, sondern ebenso auf den Orchesterpart konzentriert, der mehr als nur „Begleitung“ ist und vielfach Eigencharakter erreicht. Das gilt sowohl in der Charakterisierung der Gefühle wie in bewusst eingesetzten Effekten (immer wieder etwa treten beispielsweise Blasinstrumente – Oboe, Hörner – hörbar solistisch in der Begleitung von Arien hervor). Interessant auch, dass die barocke Operntradition – etwa in brillanten Koloraturpassagen oder einigen expliziten „Virtuosen-Arien“ – bedient wird, aber der damals 38jährige Gluck schon der Gluck ist, dessen Gefühlstiefe und Orchesterbehandlung ihn dann als „Reformator“ zu einem Vorläufer der Wiener Klassik machen. Kurz, dieser „Titus“ hört sich faszinierend an und man könnte ihn sich glatt „gespielt“ auf der Bühne vorstellen…

Ähnlich wie Mozart – man kommt ja doch nicht um ihn herum, was gebe ich auf mein Geschwätz von vorhin – hat Gluck in mancher Charakterisierung zu ähnlichen Lösungen gefunden: die durchwegs auf impetuose Hochspannung angelegte Vitellia, die weitgehend (erst in ihrer letzten Arie wirklich „explodierende“) lyrischer gehaltene Servilia, der heldische Duktus des Titelhelden-Tenors. Nur Sesto und vor allem Annio erscheinen fast noch „bewegter“ als bei Mozart, wobei man im Grunde wirklich nicht vergleichen sollte: Jedes Werk steht für sich selbst.

Die Aufführung hatte in Benjamin Bruns einen mehr als überzeugenden Tito, ein Tenor, der sich heldisch-metallisch legiert anhörte, mit Kraft agierte, exakt und mit der nötigen Bewegtheit sang – wie alle Protagonisten wirklich als „Gestalter“ auf der Bühne standen, obwohl sie ihre Klavierauszüge auf den Notenpulten vor sich hatten.

Dennoch war der junge ukrainische Countertenor Yuriy Mynenko das Ereignis des Abends: Mit aufregender Stimme und ebensolcher Technik (nichts schien ihm zu schwer, und er hatte viel davon zu singen), rückte der sympathische junge Mann die Arien des Annio in den Mittelpunkt des Interesses.

Wobei auch Sesto in der vordersten Reihe agierte, vielleicht gerade deshalb, weil Raffaella Milanesi als „krank“ angesagt wurde, den Abend aber nicht platzen lassen wollte, und im übrigen mit solch bewundernswertem Einsatz agierte, dass ihr die verdiente Begeisterung des Publikums sicher war. Dass ihr – an diesem Abend oft angestrengt-krächzige – Sopran unter normalen Umständen viel an Qualität zulegt, scheint sicher.

Den berühmtesten Namen des Abends brachte Laura Aikin mit, die sich mit der Servilia gehörig plagte, weil Gluck hier Schwierigkeiten noch und noch auf sie gehäuft hat, und nicht immer ging alles gut, manche Koloratur und vor allem mancher Spitzenton verrutschte. Da hatte es die Servilia der Sara Hershkowitz ein wenig einfacher, sie gefiel auch mit leichtem Sopran, der ihr nur manchmal außer Kontrolle geriet.

Ein origineller „Drüberstreuer“ mit langem Haar, einem (grotesk) dramatischen Rollenprofil und einem geradezu exzentrisch klingenden Countertenor war Flavio Ferri-Benedetti als Publio.

Das Theater an der Wien war an diesem Abend nicht ganz voll, aber der „Barock-Jubel“ des Publikums klang nach den dreieinviertel Stunden Gluck bewährt stark und begeistert.

Renate Wagner

 

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