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WIEN / Theater an der Wien: JENUFA

jenufa~plakat
Fotos: Theater an der Wien /(c) Werner Kmetitsch

WIEN / Theater an der Wien:
JENUFA von Leoš Janáček
Premiere: 19. Februar 2022.
besucht wurde die fünfte und letzte Vorstellung am 28. Februar 2022

Man hat genug von Lotte de Beer gesehen (am imbezilsten ihre Pariser „Aida“), um angesichts einer „Jenufa“-Aufführung unter ihrer Leitung skeptisch und besorgt zu sein. Würde sie wieder eine an den Haaren herbei gezogene Rahmenhandlung bieten? Wieder eine alberne Modernisierung? Wieder eine Welt der Popanze (die gab es ganz zart andeutungsweise, aber passend).

Nein. Lotte de Beer, die künftige Volksopern-Direktorin, hat Kreide geschluckt. Inszenierte die wunderbare, aber so heikle „Jenufa“ des Leoš Janáček „wie es sich gehört“, wenn man vor einem Kunstwerk Respekt hat. Veränderte nicht das dörfliche Milieu, machte aber auch kein zeigefinger-schwingendes Lehrstück daraus. Beließ die Geschichte zweier Frauen und ihrer Tragödien unverändert. Hinterfragte nicht höhnisch die Religion, bediente sogar im dritten Akt ein wenig die Folkore (und wenn sich die geschmückten Tänzer bei der Hochzeit kurzfristig wieder in Perchtenfiguren verwandeln und sich zu einer bedrohlichen Masse klumpen, ist das im Sinne der Geschichte durchaus einsichtig).

Kurz, man staunte. Im Programmheft stand „Inszenierung: Lotte de Beer“, und man sah dennoch „Jenufa“. Ein Werk, das nicht ohne Probleme ist, könnte es doch in seiner Intensität durchaus kitschig werden. Tochter- und Mutterliebe, Kinder-Tragödie, böser und edler junger Mann, das steht oft an der Kippe. Und ist so gut wie nie abgestürzt. Bemerkenswert. Das lässt weniger ängstlich in die Zukunft der Volksoper blicken. (Aber es ist noch nicht aller Tage Abend…)

Da steht zwar nicht naturalistisch, nicht einmal wirklich realistisch, aber doch glaubhaft ein bescheidenes mährisches Dorf mit einem unspektakulären Mühlenbau auf der Drehbühne (Christof Hetzer), und niemand trägt anderes als schlichte Alltagskleidung (Jorine van Beek). Wie gesagt, man ist am richtigen Ort, und „Regie“ macht sich nur in gelegentlichen Lichteffekten, bedrohlichen Schattenrissen, dem einen oder anderem „Tableau“ bemerkbar. Der Rest ist sorgfältigste Personenführung eines Ensembles, das nicht nur singen, sondern auch spielen kann.

Vom Namen her ist sie nicht der große Star, aber sie trägt die Titelrolle ganz wunderbar: die Russin Svetlana Aksenova, die man am Haus schon eindrucksvoll als Leoncavallos „Zaza“ gehört hat und die eine bemerkenswert starke, lebendige Jenufa ist (denkt man an die wunderbare Sena Jurinac zurück, ganz Opfer, oder zuletzt in der Ära Meyer Dorothea Röschmann, die auch vor allem auf Seele setzte und das Feld der Küsterin überließ). Diese Jenufa kämpft aktiv um ihre Liebe zu Stewa, sie wird (man muss es einsehen) sentimental angesichts des Todes ihres Kindes – und sie ist nicht triefend im Verzeihen von dessen Ermordung. Die „Liebesbeziehung“ zur Stiefmutter geht vor allem von dieser aus. Jenufa ist einfach ein anständiger Mensch – und wird von Svetlana Aksenova mit starker Stimme unendlich ausdrucksvoll gesungen.

jenufa zwei frauen xx

Man will gar nicht aufzählen, wie viele grandiose Küsterinnen man schon gesehen hat, weil das ja allgemein schlecht aufgenommen wird. Sagen wir also, dass Nina Stemme eine ganz großartige und auch ganz eigenartige Vertreterin der Rolle ist. Die Regisseurin gibt ihr für den langen Anfang, wo sie eigentlich gar nicht auf der Bühne sein müsste, die Möglichkeit, aus einer Ecke heraus (hier steht das Bett im Freien, darüber muss man nicht rechten) die Aktionen von Jenufa zu beobachten. Und schon da ist großartig, wie viel Angst, Sorge, Anteilnahme die Stemme in ihr stummes Spiel legt, diese Stieftochter ist ihr Leben, nicht vordergründig besitzergreifend, aber mit einer Intensität, die ununterbrochen unter die Haut geht (und wenn sie dann zum Kindsmord schreitet und Jenufa vom Tod des Babys berichtet, kommt man aus der Gänsehaut nicht heraus). Nina Stemme ist introvertiert, fern jeglicher theatralischen Geste, die Kraft kommt aus den Gefühlen, die sie in sich hinein frisst – und natürlich aus der außerordentlichen Heldenstimme. Wie waren sie toll, die Mödl, die Goltz, die Rysanek, die Baltsa, auch die Denoke, aber traditionsgemäß haben sie die Rolle am Ende der Karriere gesungen, wenn es von der Figur her nichts ausmachte, wenn die Stimme brach. Die Stemme ist auf dem Höhepunkt ihrer stimmlichen Strahlkraft, und das gibt, gepaart mit der Verhaltenheit ihrer Figur, eine unvergessliche Leistung.

Auch der alten Buryjovka der Hanna Schwarz hört und sieht man an, welch überragendes Format das einmal war (und gewissermaßen noch ist) – diese alte Frau hält ja eigentlich die Familie zusammen. Man dankt es übrigens dem Theater an der Wien, dass es eine Stammtafel der Figuren gibt, damit man weiß, wie sie zusammen gehören (so klar durchschaut hat man das ja eigentlich nie).

Diese Aufführung hat, was man zweifellos der Regie dankt,  die stärkste Besetzung der jungen Männer, an die man sich erinnert: Der Slowake Pavol Breslik als der leichtsinnige, leichtfertige, dann brutale Števa, und der Tscheche Pavel Cernoch fast noch eindrucksvoller als der stets in den familiären Hintergrund gedrängte, zornige, aber in seiner Liebe zu Jenufa so starke Laca. Beide schütten ihre Tenöre geradezu schwelgerisch-verschwenderisch aus und wirken besonders im Kontrast ihrer Persönlichkeiten.

Aus dem ausgezeichneten Nebenrollen-Ensemble ragte die Russin Valentina Petraeva als überaktive neue Braut von Stewa hervor, unübersehbar, unüberhörbar. Unverzichtbar wie immer der Arnold Schoenberg Chor (Leitung Erwin Ortner).

Es war die fünfte und letzte Aufführung dieser Serie im Theater an der Wien, der solcherart bestens eingespielte  Abend war aus einem Guß, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Marc Albrecht verschmolz geradezu mit der Szene, das gegenseitige Geben und Nehmen, das Miteinander-Atmen machte den nahezu perfekten Opernabend aus.

An diesem Abend fiel nicht nur der Vorhang über der letzten Vorstellung dieser „Jenufa“-Serie. Es war auch der letzte Vorhang der Ära Roland Geyer. Der Intendant hatte sich vor der Vorstellung von dem Publikum verabschiedet und war wahrlich stürmisch umjubelt worden. Gleiches geschah der „Jenufa“-Aufführung. Besser hätte die Ära Geyer nicht zu Ende gehen können.

Renate Wagner

 

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