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WIEN/ Theater an der Wien: IL GIUSTINO (Vivaldi) – konzertant

21.02.2012 | KRITIKEN, Oper

Hörenswerte Opernrarität im Theater an der Wien: „Il Giustino“ von Antonio Vivaldi (konzertante Aufführung: 21. 2. 2012)

Wieder führte das Theater an der Wien eine Opernrarität konzertant auf: „Il Giustino“ von Antonio Vivaldi. Bei diesem Werk, das 1724 zum Karneval in Rom uraufgeführt wurde, handelt es sich um eine historische Begebenheit, die der literarisch versierte venezianische Anwalt Nicolò Berengani zu einem Opernlibretto voller Liebe, Gefahren, Götter und Ungeheuer formte.

Die Handlung schildert die Historie vom sagenhaften Aufstieg eines Bauern zum Kaiser. Der aus bäuerlichen Verhältnissen stammende Justin war Soldat in Byzanz, stieg zum Befehlshaber der Palastwache auf und nutzte nach dem Tod des Kaisers eine höfische Intrige, um sich zum oströmischen Kaiser Justin I. krönen zu lassen. Im Opernlibretto muss er vorher etliche Male seinen Mut beweisen, einen Bären erlegen und die römische Kaiserin Arianna vor einem See-Ungeheuer sowie seine Geliebte Leocasta vor Nachstellungen retten. 

Über den Erfolg Vivaldis in der Spielzeit 1724 berichtete der deutsche Flötist Johann Joachim Quantz während seines Rom-Aufenthalts, wie in der Programmvorschau des Theaters an der Wien zu lesen ist: „Das neueste, was mir zu Ohren kam, war der mir noch ganz unbekannte sogenannte Lombardische Geschmack, welchen kurz vorher Vivaldi durch eine seiner Opern in Rom eingeführet und die Einwohner dergestalt dadurch eingenommen hatte, dass sie fast nichts hören möchten, was diesem Geschmacke nicht ähnlich war.“

Es ist möglich, dass Vivaldi, der von seinen Zeitgenossen wegen seiner auffallend roten Haare Il prete rosso (Der rote Priester)genannt wurde, nicht nur zur Verbreitung dieses Klangbildes beigetragen hat, sondern auch für den bis heute gebräuchlichen Begriff mitverantwortlich war, ist seine Familie doch seit dem 12. Jahrhundert in Norditalien nachweisbar. Auch Quantz bezeichnete ihn in seinen Aufzeichnungen als lombardischen Violonist.

Die Titelrolle wurde von der italienischen Mezzosopranistin Marina De Liso gesungen, die alle Facetten der Partie mit ihrer wandlungsfähigen Stimme wiedergab. Großartig die Neapolitanerin Maria Grazia Schiavo als römische Kaiserin Arianna. Für ihre einfühlsam vorgetragenen Liebesarien und für ihre dramatischen Ausbrüche erhielt sie des Öfteren Brava-Rufe. Gleichfalls überzeugend die spanische Sopranistin Sabina Puértolas in der Rolle der Leocasta. Mit ihrer zart gesungenen Arie „Senti l’aura, che leggiera“, mit der Vivaldi der Natur huldigt, erreichte sie einen so musikalisch wunderbaren Gleichklang mit Flöte und Oboe, dass es einem den Atem raubte!

Eindrucksvoll auch die Rumänin Ileana Mateescu, die mit ihrem dunkel gefärbten Mezzo eine gute Besetzung für die Hosenrolle des Anastasio bedeutete, und die römische Sopranistin Lucia Cirillo in der Doppelrolle des Verräters Amanzio und La Fortuna. Gleichfalls zwei Rollen hatte der belgische Tenor Vincent Lesage zu singen, einerseits den grausamen Polidarte, der Arianna an einen Felsen kettete und einem See-Ungeheuer aussetzte, andererseits die Stimme von Vitaliano Seniore. Die beiden Brüder Vitaliano und Andronico wurden vom britischen Tenor Ed Lyon und von der armenischen Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan recht ansprechend gesungen.

Neben diesen erstklassigen Sängerinnen und Sängern war vor allem das Ensemble I Virtuosi delle Muse unter der Leitung von Stefano Molardi er hatte es 2003 mit Jonathan Guyonnet in Cremona gegründet – für die hohe Qualität der konzertanten Aufführung verantwortlich. Das bereits oft ausgezeichnete 20-köpfige Orchester musiziert auf Originalinstrumenten und bewies mit ihrem sensiblen Spiel ihr hohes Können. Es gelang den Musikern und dem am Cembalo spielenden Dirigenten, auch die zartesten Töne der Partitur Vivaldis exzellent wiederzugeben. Das atemlos lauschende Publikum dankte es ihnen am Schluss mit frenetischem Beifall. Die Sängerinnen und Sänger, die ab dem 2. Akt nach fast jeder Arie mit Beifall überschüttet wurden, bedachte das Publikum verdientermaßen mit vielen Bravo-Rufen.  

 Udo Pacolt, Wien – München

PS: Leider gab es bei dieser italienisch gesungenen Aufführung keine deutschen Übertitel. Das Mitlesen des im Programmheft in kleiner Schrift abgedruckten Librettos war bei der schwachen Beleuchtung fast unmöglich, obwohl so mancher im Publikum es versuchte. 

 

 

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