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WIEN / Theater an der Wien: IL BARBIERE DI SIVIGLIA

16.02.2015 | KRITIKEN, Oper

Barbiere 19(c) sie und Bartolo~1 
Fotos: Theater an der Wien / Herwig Prammer

WIEN / Theater an der Wien:
IL BARBIERE DI SIVIGLIA von Giovanni Paisiello
Premiere: 16. Februar 2015 

Wiens Opernfreunde hatten am Montagabend die Wahl zwischen zwei Versionen des „Barbiere di Siviglia“: In der Staatsoper – noch dazu als Festvorstellung für 40 Jahre Alfred Šramek – den altbewährten von Gioachino  Rossini; im Theater an der Wien die Version von Giovanni Paisiello, die Opernfreunde natürlich weit mehr interessiert, weil sie sie viel weniger kennen (ehrlich: drei Aufführungen an der Wiener Kammeroper, 1967, 1973 und 1985, waren nicht von der Art, dass sie sich im Gedächtnis festgesetzt hätten). Also, keine Frage: Auf ins  Theater an der Wien!

Das Bessere ist der Feind des Guten, und dass Rossinis Oper die mit Abstand bessere ist – nun, der Vergleich macht sicher. Es erscheint sogar fraglich, ob Paisiellos Version, 1782 in St. Petersburg (für Zarin Katharina II.) uraufgeführt, heute im Repertoire eine große Rolle spielen würde, gäbe es den Rivalen nicht  – schließlich hat sich keine seiner anderen, wahrlich zahlreichen Opern in der Nachwelt gehalten, ungeachtet dessen, wie sehr Napoleon ihn einst schätzte und dass sich immerhin die Bartoli („Nina“) heute für ihn einsetzt.

Denn die Musik ist zwar gekonnt, manchmal auch mit Schwung das Publikum erreichend, aber sie bleibt nicht im Ohr – und dort, wo direkte Vergleiche zu Rossini (in Basilios Verleumdungsarie etwa) geradezu parallel möglich sind, siegt der Vorgänger nicht ein einziges Mal. Paisiellos Musik, die ganz langsam anläuft (der Beginn zwischen Figaro und Almaviva geriet in jeder Hinsicht grenzenlos öde), hat auch Längen, die nicht einmal göttlich sind. Tatsächlich gab es Passagen vor der Pause, die einem schlechtweg todlangweilig vorkamen, und jene Besucher, die nach der Pause nicht wiederkehrten (es waren gar nicht so wenige), versäumten dann den entschieden besseren Teil – auf den man eigentlich nicht gehofft hätte. Dann konnte René Jacobs am Pult des Freiburger Barockorchesters mit einigem Temperament agieren und ein paar musikalische  Funken schlagen (ohne dass man sich auch nur eine Phrase merkte – während man Rossini auf Anhieb „mitsingen“ kann), und dann kam auch die schwerfällige Inszenierung ein wenig in Bewegung.

Als Moshe Leiser & Patrice Caurier 2013 ihren Züricher „Comte Ory“ nach Wien brachten, stammte die Musik erstens von Rossini und das Werk war so herrlich-stürmisch-albern, dass es nur allgemeines Entzücken auslösen konnte. Eine Begeisterung, die das Regieteam für ihre grenzenlos öde „Zauberflöte“ in der Staatsoper dann nicht erntete. Und auch der Paisiello-„Barbier“ ist kein Preis, zumal die „Übersetzung“ der klassischen Beaumarchais-Geschichte nun ins Spanien der 40er Jahre wieder nichts bringt als die optische Verhäßlichung und die Verdüsterung dessen, was schon an sich nicht so schrecklich lustig ist. Man weiß nicht, wer – sich eng an das Beaumarchais-Stück haltend – das Libretto für Paisiello geschrieben hat, aber eine flotte, pointensichere Buffa ist es wirklich nicht.

Und schon gar nicht, wenn alles in einem braun-trüben, schrecklich stockigen Wohnzimmer spielt (das bis zur Pause meist im Halbdunkel liegt – Bühne: Christian Fenouillat – und zum Theaterschlaf auffordert). Nach der Pause übernehmen die Darsteller, so sie es können und dürfen, dann einigermaßen das Ruder – und  am Ende reichte es zwar nicht für einen der Triumphe, die man am Theater an der Wien schon erlebt hat, aber zu starkem Beifall.

Held des Abends war nicht Figaro (der schon gar nicht), nicht Graf Almaviva (sicher auch nicht), sondern der Dottore Bartolo des Pietro Spagnoli. Mit geradezu scharfem Bariton charakterfest gesungen, bot dieser gar nicht „komische Alte“, sondern eher verbohrte, aber schrecklich verliebte Spießer die nachdrücklichste Leistung des Abends. Die Szene, wo er dann Rosina ein Ständchen bringt und vor plötzlich auftauchenden erotischen Gelüsten auszuckt, war zweifellos der komische Höhepunkt der Aufführung. Dass er sich während des Gewitters am Kronleuchter erhängen wollte, glaubte man weniger, aber im Ganzen war er mit Abstand die spannendste Figur.

Dass man eine so bildhübsche Frau wie Mari Eriksmoen mit Söckchen, Faltenrock und Weste geradezu in die Reizlosigkeit entstellen kann (Kostüme: Agostino Cavalca), ist ein Unglück. Dass sie viel und Anspruchsvolles zu singen hat, das aber kaum Effekt macht, ist genau so schlimm – sie meisterte die Partie mit ihrem schlanken, strahlenden und doch kraftvollen Sopran, bewältigte die Koloraturen und konnte doch nicht einmal wirklich „glänzen“, wie es bei Rossini so unschwer möglich ist (wenn man es kann). Als Darstellerin gelang es ihr, alle die – schematischen – Regungen der Figur (den Alten mag sie nicht, den Jungen sehr, und jetzt mit Verve durch die Handlung) so differenziert wie möglich zu gestalten. Schade, dass so wenig fassbarer Bühneneffekt für all die Mühe herausschaute.

Barbiere 1(c) er und sie~1

Der Titelheld ist in dieser Oper noch schlechter bedacht als bei Rossini, wo er ja auch meist hinter den anderen Sängern rangiert – aber hier holte Andrè Schuen, auch hörbar schwach bei Stimme, so gut wie gar nichts aus der Rolle. Topi Lehtipuu überzeugte eher als Komiker (nicht so sehr als besoffener Soldat, ganz lustig als falscher Musiklehrer) denn als Liebhaber. Im zweiten Akt wurden die Regisseure plötzlich übermütig: Wenn Rosina für ihren Lindoro, den falschen Musiklehrer, singt und Dottore Bartolo dabei entschlummert, beginnt der Liebhaber an ihr herumzufummeln („sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“), wodurch ihre Koloraturen plötzlich ganz anderen Charakter gewinnen. Hat Mari Eriksmoen den Regisseuren erzählt, dass sie in Oslo die Olympia (dank Calixto Bieito) als einzigen Geschlechtsakt gesungen hat, jeder Koloratur-Spitzenton ein…?

Die Verleumdungsarie, die Fulvio Bettini hier als Don Basilio singen darf, zeigt vielleicht am deutlichsten den Unterschied zu Rossini – die Kluft zwischen gekonnt hier, genial dort. Im übrigen war der Herr sehr komisch, wie auch die beiden anderen restlichen Protagonisten: Den Alkade des Erik Årman hatte man davor schon als verschnupfte Haushälterin kennen gelernt, den Notar des Christoph Seidl (vom Jungen Ensemble des Hauses) als tumben Diener.

Die Nachwelt hat natürlich richtig entschieden, als sie Rossini wählte. Aber Paisiello zu hören – und dabei auch wirklich zu „hören“, dass Mozart von dessen Behandlung der Ensembles zweifelsfrei profitiert hat -, lohnt sich jedenfalls der Information wegen. Zumindest einmal.

Renate Wagner

 

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