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WIEN / Theater an der Wien: EL JUEZ

05.07.2016 | KRITIKEN, Oper

El Juez 2 Szene~1
Foto: Theater an der Wien / Herwig Prammer

WIEN / Theater an der Wien: 
EL JUEZ von Christian Kolonovits
Premiere in Wien: 2. Juli 2016,
besucht wurde die zweite und letzte Vorstellung am 5. Juli 2016 

Genres, in denen sich nichts Neues begibt, sind tot. Es müssen also immer neue Opern geschrieben werden, auch wenn man davon ausgehen kann, dass die wenigsten davon die nächsten hundert Jahre überleben werden. Und es ist nichts dagegen zu sagen, wenn man diese Opern großen Persönlichkeiten auf den Leib schreibt. Gian Carlo Menotti komponierte „Goya“ für Placido Domingo, Daniel Catán für ebendiesen Künstler „Il Postino“. Ian Bell schuf „A Harlot’s Progress“ für Diana Damrau. Warum sollte sich José Carreras nicht eine Rolle, eine Oper auf den Leib schreiben lassen, und sei es nur dafür, würdevoll von der Bühne Abschied zu nehmen? Es kann schlechtere Gründe für ein neues Werk geben.

Wovon dürfen Opern handeln? Wir haben unlängst bei den Festwochen die teilweise im KZ spielende Oper „Die Passagierin“ gesehen, der Bogen ist also bereits sehr weit gespannt. Unbewältigte politische Vergangenheit kann ein Thema sein, wobei jede Diktatur an Kindern schuldig geworden ist. Im Spanien Francos hat man sie offenbar zu Tausenden ihren Familien, die politisch nicht richtig gepolt waren, weggenommen und im Kloster aufziehen lassen. Gehirnwäsche, neue Identitäten, unendliches Leid bei den Eltern, Verbrechen an den entwurzelten Kindern. Sicher nicht das, was man sich unbedingt als Opernthema wünschen würde.

Allerdings tut das, was Librettistin Angelika Messner  und Komponist Christian Kolonovits geschaffen haben, nicht wirklich, sondern nur „opernhaft“ weh. Wenn ein Werk das richtige (sprich: in unserer Sicht politisch korrekte) Thema hat, wenn es zudem über den mehr als richtigen Hauptdarsteller verfügt, wer wird da Einwände vorbringen (wer wird es wagen?). Etwa zu sagen, dass man eine hoch spekulierte Geschichte voll von Kitsch und Pathos vorgesetzt bekommt, eine Räuberpistole, wo sich Brüder erkennen, als der eine schon halb erschossen verblutet, wo Nonnen sich in Gewissensbissen winden und die bösen Faschisten ihre martialisch-bedrohlichen Zukunftssongs anstimmen, während das Ensemble frontal in den Zuschauerraum die Hoffnung auf bessere Zeiten singt… Bernstein, schau oba. Na ja, man könnte sagen, dass viele Verdi-Libretti auch nicht wirklich gut sind.

Abgesehen davon, dass der zweidreiviertelstündige Abend mehr als unökonomisch verfährt, unendlich repetitiv bis zur Langweiligkeit, Text und Musik dasselbe mit geringen Variationen immer wiederholend. Der Inhalt lässt kein Klischee, keine Sentimentalität aus, die Musik unterlegt alles mit dickem „Sound“, der eher in Richtung Filmmusik zielt, als eine genuine Oper abzugeben. Das bedeutet allerdings, dass so gut wie alle Protagonisten (auch Carreras, der das vermutlich am wenigsten will) meist brüllen müssen. Da wäre kürzend, überarbeitend, eine Menge zu tun gewesen.

Auch Regisseur Emilio Sagi trägt, der Vorlage entsprechend,  in einem mehr pompösen als einsichtigen Bühnenbild (Daniel Bianco) dick auf. Keines der üblichen Betroffenheits-Rituale wird uns erspart, von den Kinderbildern, die vom Chor (als Demonstranten) geschwenkt werden, bis zu den Puppen, die dazu dienen, bei endlos tränenreichen Erinnerungen die übliche Ergriffenheit hervorzurufen. Ob die Nonnen jetzt „die Bösen“ waren oder doch teilweise in guter Absicht handelten, geht schon aus dem Libretto nicht hervor. Dass der  „Präsident“ mit seiner bedrohlichen Leibgarde alle Anforderung der politischen Bösewichte erfüllt – wie auch nicht.

El Juez 3 er~1
Foto: Theater an der Wien / Herwig Prammer

José Carreras ist El Juez, der Richter. Draußen vor den Toren des Klosters toben die Demonstranten, wollen – aufgerührt von dem Liedermacher Alberto Garcia, der seinen als Kind verschleppten Bruder sucht – über das Schicksal einer verlorenen Generation aufgeklärt werden. Der Richter Federico Ribas, selbst im Kloster aufgewachsen, hätte nichts gegen die Öffnung der Klosterarchive, aber „Il Presidente“ Morales (laut Programmheft Vizepräsident der Sauberen Hände, was immer das sein mag), setzt ihn unter Druck. Doch natürlich wird der Saulus zum Paulus, obwohl er eine Menge psychologisch seltsamer Drehungen und Wendungen vollführt. Dass Carreras nichts singen muss, was er mit seiner heutigen Stimme nicht mehr bieten kann, versteht sich, trotzdem fällt ihm der Gesangsteil der Rolle (vor allem wegen des brüllenden Orchesters) hörbar nicht leicht. Dass er je ein großer Gestalter war, können auch seine leidenschaftlichsten Fans nicht behaupten: Hier bietet er kaum mehr als seine Präsenz auf der Bühne, Emotionen (die Tochter wird entführt, der Bruder erschossen!) erfolgen nur in ein paar stereotypen Handbewegungen. Aber Carreras ist Carreras, die Rolle hat Würde, diese bringt er auch mit, und das macht diese Oper zum geeigneten Abschieds-Vehikel.

Der wahre Tenor des Abends war José Luis Sola als Alberto Garcia, wenn auch mit arg scharfen Tönen, die Diva ist Fernsehjournalistin Paula (Sabina Puértolas), die sich ebenso wie die Äbtissin (Ana Ibarra) die Seele aus dem Leib singen darf, was bei beiden nicht immer schön klingt. Ganz dämonisch dunkel hört sich der Bösewicht, Carlo Colombara, an.

Reich beschäftigt war wiederum der Arnold Schoenberg Chor, und David Giménez ließ das ORF Radio-Symphonieorchester in voller Power die gekonnten, angenehmen, aber schnell vergessenen Klänge von Christian Kolonovits exekutieren. Dieser verbeugte sich mit Librettistin Angelika Messner auch bei der zweiten Vorstellung, und weil diese, dem Vernehmen nach, nun wirklich der aller-endgültige Abschied von José Carreras von den Opernbrettern war, konnte sich das Publikum in seinen Standing Ovations gar nicht beruhigen, um noch einmal zu zeigen, dass die Liebe des Wiener Publikums (übrigens an diesem ausverkauften Abend reich von Japanern durchsetzt) nie endet.

Renate Wagner

 

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