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WIEN / Theater an der Wien: DER BESUCH DER ALTEN DAME

17.03.2018 | KRITIKEN, Oper

 
Fotos: (c) Werner Kmetitsch

WIEN / Theater an der Wien:
DER BESUCH DER ALTEN DAME von Gottfried von Einem
Premiere: 16. März 2018

Jubiläen haben auch etwas Gutes. Jährte sich nicht heuer der 100. Geburtstag von Gottfried von Einem, wer würde ihn schon spielen – und gar Wiens große Opernhäuser im Doppelpack? Das Theater an der Wien legte mit „Der Besuch der alten Dame“ (1971 allerdings in der Staatsoper uraufgeführt) einen fulminanten Start hin. Und das war gar nicht so leicht.

Sicherlich, Friedrich Dürrenmatt selbst hat für Einem sein berühmtes Theaterstück zum Libretto umgearbeitet, er musste also davon überzeugt gewesen sein, dass die Musik dem Werk noch eine Dimension hinzufügt. An sich ist die „Alte Dame“ als Parabel über die Käuflichkeit des Menschen allerdings ohnedies perfekt. Wie schnell krachen die Vokabel von „Humanität“ in sich zusammen, wenn das Geld winkt, wenn der hemmungslose Kapitalismus die blanke Gier nach mehr und mehr erweckt… da nimmt man jeden Vorwand, um der Milliardärin Claire Zachanassian in ihrem einstigen Heimatort Güllen ihren Herzenswunsch zu erfüllen: Den Tod des Mannes, der sie einst, als sie noch die arme, hilflose Kläri Wäscher war, mit ihrem Kind sitzen ließ… Sie will schließlich sehr großzügig dafür bezahlen.

Die Folgerichtigkeit der Geschichte ist so stark wie ihre psychologische Brutalität. Singend kann man nie so exakt auf die Essenz des Verhaltens hin zielen wie durch das gesprochene Wort. Aber da kommt Einems Orchestersprache hinzu, die fast noch mehr überzeugt als seine (im allgemeinen sehr verträgliche) Behandlung der Singstimme. Er drückt alle Emotionen, Spannungen, Steigerungen durch einen ebenso reichhaltigen wie über weite Strecken raffinierten Orchesterpart aus. Und in diesem Fall muss man das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Michael Boder zu allererst nennen, denn es bereitete dem Drei-Stunden-Abend den Boden, auf dem das Werk sicher stand.

Aber der Erfolg des Abends geht auch auf das Konto von Keith Warner, denn ihm ist in Union mit seinem Ausstatter David Fielding eine wirklich hoch intelligente Inszenierung gelungen, wie man sie nicht alle Tage sieht. Sie half auch dem zweiten Teil des Abends, der etwas an Spannung verliert und gelegentlich durchhängt, über die Runden – bis zum großen Erfolg (und mit dem Buh-Rufer, der offenbar den Regisseur meinte, würde man gerne diskutieren, was er hier einzuwenden hatte). Wenn man zuerst nach Güllen kommt, kreieren Warner und Fielding eine graue, stumpfe Welt – wenige Versatzstücke, viele gemalte Hintergründe, die in Form von alten Postkarten herabgesenkt werden, ein Mini-Eisenbahnzug, die Menschen im Look der fünfziger Jahre. Güllen hat sich aufgegeben.

Die Farbflecke bringt Claire Zachanassian, in Gelb, in Rot, in den türkisen Kinderkleidchen von Roby und Toby („kastriert und geblendet“), die sie mit sich führt – sie selbst als Prunkstück inmitten einer schaurigen Kuriositäten-Show. Absolut hexenhaft stakst Katarina Karneus in diese tote Güllener Welt – man hat sie für diesen ersten Auftritt optisch verhäßlicht, und anfangs gibt sie ihrer Stimme etwas unnatürlich Kreischendes. Später ist sie zwar immer noch die Frau, die aus vielen „Versatzstücken“ (Beine, Hände) besteht, das künstliche Monster (wie die Kunigunde in Kleists „Käthchen“), aber sie normalisiert sich, vor allem stimmlich: ein Mezzo, der in der Tiefe und in der Höhe alles bringen muss, was Christa Ludwig (die heute 90jährige, der Einem damals die Rolle auf ihre erstaunliche Stimme hin geschrieben hat) einst konnte. Katarina Karneus macht das fabelhaft, immer erschreckend, und das soll sie auch sein. Sie ist das Monster „Geld“, sie weiß, dass man alles kaufen kann, vor allem scheinbare Überzeugungen, und ihr kalter Zynismus bekommt nur in der Fast-Liebesszene mit Alfred Ill, dem einstigen Geliebten, einen leisen Knacks – aber nicht ausreichend, um auf seinen Tod zu verzichten…

Nach der Pause wird der Abend auf einmal grell farbig – das Geld, das Claire Zachanassian in das Städtchen Güllen gepumpt hat, um die Menschen abhängig und hilflos zu machen, zeigt sich überall. Die Reklame ist bunt und vielfältig, Ills Laden ist zum riesigen Supermarkt geworden, ein mondänes Ambiente mit Videoübertragung gibt den Spielort für den letzten Akt in Ills Leben, wo die einst so stillen, grauen Güllener nun in Glitzergewändern eine hektische Party feiern. Dazu kommt ein Zug, der wie in einem Magritte-Gemäde durch die Wand hereinkracht, und der Mann, der dem Geldsegen möglicherweise im Wege stehen könnte, wird im Hintergrund gekillt. Man liefert ihn der Dame, und das ist dann grausig, nicht als Leichnam, sondern als Stücke in schwarzen Plastikmüllsäcken (immerhin ist der Regisseur geschmackvoll genug, nicht den Kopf hervorholen zu lassen…)

Russell Braun als Alfred Ill ist mit kräftigem Bariton immer eindrucksvoll, der Mann, der leugnet und auf Verjährung plädiert, aber nicht wirklich bereut, und der dann, als er in den unvermeidbaren Tod geht, durch Stärke beeindruckt. Die Güllener „Kapazunder“ sind durch fünf Männer (außer Claire gibt es keine nennenswerte Frauenrolle) repräsentiert: Raymond Very, ein aufgeblasener Bürgermeister, Adrian Eröd, ein schleimiger Lehrer, Markus Butter, ein zappelnder Pfarrer (dessen kraftvolle Stimmmittel aufhorchen lassen), dazu noch Martin Achrainer als Arzt und Florian Köfler als brutaler Polizist.

Frau Zachanassian bringt eine riesige Entourage, wobei nur Mark Milhofer als der Richter, der einst Kläris Klage gegen Ill abwies und der nun als ihr Butler fungieren muss, eine starke Szene hat. Sonderapplaus für einen „schwarzen Panther“, in dem (immer auf allen Vieren) Michael Hinterhauser steckte. Und dass in einem Werk wie diesem, wo der Chor eine so ausführliche Rolle spielt, der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner) wieder einmal voll reüssiert – das versteht sich.

Darstellerisch sind alle, ob Solisten, ob Chor, vorzüglich geführt, aber es ist vor allem die Gesamtlogistik von Keith Warners Inszenierung, die so beeindruckt – hier ist ein Stück zu optimaler Wirkung gebracht worden (und wie man weiß, ist das heutzutage nicht unbedingt der Ehrgeiz aller Regisseure).

Es war ein faszinierender Abend. Jetzt wartet man mit Spannung auf „Dantons Tod“ in der Staatsoper. Ja, und man würde auch ganz gerne den „Prozeß“ (Salzburg bringt ihn heuer nur konzertant), „Kabale und Liebe“ und „Der Zerrissene“ wieder einmal auf der Bühne sehen…

Renate Wagner

 

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