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WIEN / Theater an der Wien: BEETHOVEN-PROJEKT II

29.08.2021 | Ballett/Tanz, KRITIKEN
"beethoven projekt ii", ballett von john neumeier; tänzer: ense

„Beethoven-Projekt II“, Ballett von John Neumeier; Tänzer: Ensemble Alle Fotos: © Kiran West

WIEN / Theater an der Wien: 
MEINE SEELE IST ERSCHÜTTERT /
BEETHOVEN-PROJEKT II
Ballett von John Neumeier
Uraufgeführt am 29, Mai 2021, Hamburgische Staatsoper
Österreichische Erstaufführung, Premiere in Wien: 28. August 2021 

Mit dieser „Intrada“, wie das Theater an der Wien selbst das Ereignis – noch vor dem regulären Saisonstart im September – nannte, beginnt die letzte Spielzeit von Roland Geyer als Direktor des Theaters an der Wien. Er wird immer als der Mann in der Geschichte des Hauses stehen, der es der Oper zurück gegeben und mit „Wiens drittem Operhaus“ die Spielpläne der Stadt unendlich bereichert hat.

Wenn sich jetzt schon Nostalgie einschleicht, dann auch in Dankbarkeit dafür, dass man in seiner Ära immer wieder das Hamburg Ballett John Neumeier (der Choreograph ist Teil des Namens!) zu Gast hatte. Und nun mit dessen „BEETHOVEN-PROJEKT II“ einen so faszinierenden wie fulminanten Abend erlebte.

john neumeier portrait ┬® kiran west kleiner

2018 hatte John Neumeier sein erstes Beethoven-Projekt herausgebracht, das zweite sollte zum Beethoven-Jahr 2020 herauskommen, Corona hat nur für Verspätung gesorgt, das Werk ist dennoch zustande gekommen. Und man fand sich in einem möglicherweise ausverkauften, jedenfalls dicht gefüllten Theater an der Wien ein, keine freien Plätze als Zwischenräume mehr, man sitzt eng gedrängt wie eh und je (Abstand sieht anders aus, aber wer wird sich beschweren, wenn er wieder ins Theater gehen darf?). Und in einem vollen Haus fließen fast spürbar die emotionalen Ströme zwischen der Aktion auf der Bühne und dem Zuschauerraum… wie in den besten Zeiten.

Für knapp zwei Stunden pausenloser Spieldauer hat Neumeier vier Beethoven-Werke gewählt, die auf den ersten Blick eine seltsame Zusammenstellung zu ergeben scheinen – zu Beginn die Violinsonate Nr. 7 c-moll, zu der die Tänzer eine komische Einleitungspantomime liefern, bevor Hanni Lang ans Klavier darf und Anton Barakhovsky seine Violine ans Kinn hebt. Seltsam scheint der Einschub der Christus-Arie aus „Christus am Ölberge“, weil damit die Stimmung radikal wechselt, aber immerhin singt kein Geringerer als Klaus Florian Vogt, und es ist wunderbar, dieser schönen, starken, hellen, klaren Tenorstimme zu lauschen, die mittlerweile auch einen Metallkern hat (wie man ihn für Tannhäuser und Sigmund schließlich braucht). Dann darf Hanni Lang für die Klaviersonate Nr. 21 C-Dur ihr ganzes technisches Können entfalten – und am Ende steht die Siebente Sinfonie.

Man versteht ja eigentlich nicht, dass durch die Dominanz der Eroica, der Fünften, der Pastorale und der Neunten diese „Siebente“ in den Konzertsälen so vernachlässigt wird, ist es doch ein Werk von so viel Kraft, Schönheit und Temperament, dass es einen geradezu vom Sessel reißt. Hier zeigten Dirigent Constantin Trinks und das Wiener KammerOrchester, die schon Vogt begleitet hatten, was sie können – da stürmte die Musik nur so los, da vollendete sich auch die Choreographie von John Neumeier, der hier tatsächlich die „kongeniale Tanzmusik“ fand.

An diesem Abend brillierte das Ensemble nicht nur tänzerisch, sondern leistete auch allerhand im Kostümwechsel (in den vier Sätzen der Siebenten trugen die Damen nacheinander Weiß, Blau, Rot und Gelb, mit diesen Kostümen von Albert Kriemler / Akris gab es auch ein rauschendes Fest der Augen). Die Bühne von Heinrich Tröger verwandelte sich vor allem durch Hintergrund-Effekte, allerdings gab es wenig „Handfestes“ (Plastikstühle, immerhin auf einem Podest hinten einen zweiten Konzertflügel, der aber nur scheinbar bespielt wurde) – ganz im Sinne von John Neumeier, der versichert, dass für diesen Abend „alle Gedanken an eine narrative Handlung abwegig“ seien. Tatsächlich geht es um Tanz pur, gar nicht in klassischer Tradition, sondern in voller Bewegungs- und Körperverschlingungsfülle, die nur erzählt, dass der Choreograph genau auf die Musik gehört hat, sie „fühlt“ und sie in Tanz umsetzt. Wie Neumeier selbst sagt: „Meine Choreografie ist eine Hommage an den Ursprung des Tanzes.“

"beethoven projekt ii", ballett von john neumeier; tänzer: gior

Es gibt viel Humor, es gibt Abstraktes und Absurdes, es entstehen unglaubliche Bilder, etwa eine Pyramide aus Männerkörpern oder der hinreißende Effekt, dass die Damen des Ensembles, auf den Schultern ihrer Partner sitzend und sie mit ihren langen roten Kleidern fast verdeckend, quasi in der Luft zu schreiten scheinen…

Und schließlich setzt der Choreograph auf Virtuosität und jenes Tempo, das Beethoven in der rasanten Siebenten vorgibt und das den Abend zunehmend zu einem Furioso ohnegleichen werden lässt.

Nach dem letzten Ton brach das Publikum in einen geradezu frenetischen Jubelsturm aus, der sämtliche Interpreten umfasste und sich zu Standing Ovations mit rhythmischem Klatschen steigerte, als John Neumeier selbst sich verbeugte. Die Saison hätte nicht glücklicher beginnen können.

Renate Wagner

 

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