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WIEN / Theater an der Wien: AGRIPPINA

19.03.2016 | KRITIKEN, Oper

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Fotos: Theater an der Wien / Werner Kmetitsch 

WIEN / Theater an der Wien:
AGRIPPINA von Georg Friedrich Händel
Premiere: 18. März 2016

In der beharrlichen Händel-Pflege des Theaters an der Wien hat die „Agrippina“ noch gefehlt. Sie ist bekanntlich ein „ein wenig anderer“ Händel, ein früher, ein italienischer vor allem, noch nicht der Londoner Pomp, sondern geradezu locker. Erstaunlicherweise wurde eine Geschichte, die im wahren Leben tatsächlich eine blutige Haupt- und Staatsaktion war, wie sie im Buche steht (Agrippina ermordete ihren Gatten, Kaiser Claudius, um ihren Sohn Nero zum Caesar zu machen), durch den Librettisten Vincenzo Grimani hier glatt zur Komödie. Und als solche hat Robert Carsen sie auch begriffen.

Nicht, ohne uns ein paar historische Bezüge italienischer Geschichte unterzujubeln – locker allerdings. Er ließ sich von Ausstatter Gideon Davey die Fassade des Palazzo della civilta italiana in Rom nachbauen, das eines der pompösesten Denkmäler des Faschismus ist, das heute noch auf den Betrachter herabstarrt. (Und innen erst! Aber die Riesenhallen mit den Gipsabgüssen aller nur denkbaren römischen Statuen und Büsten sind nicht ganz ohne, um die Wahrheit zu sagen.)

Vor diesen absolut unverkennbaren Rundbögen, die der Szenerie auch etwas von de Chirico verleihen, der sie auch immer wieder in seine Bilder eingebracht hat, findet das alte Rom im Italien irgendwo zwischen Faschismus und heute, jedenfalls immer sinnvoll zwischen Arbeitszimmer, Pool oder vor der Fernsehkamera statt: Die Umsetzung ist perfekt gelungen, der Ausstatter hat auch in den Kostümen jene italienische Eleganz beschworen, die für diese Nation charakteristisch ist. (Und als Frau ist man regelrecht dankbar, wenn die Damen auf der Bühne einmal nicht verhässlicht – ach, Frau Glittenberg -, sondern so attraktiv wie möglich ausgestattet werden!)

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„Agrippina“ im Medienzeitalter, immer im satirischen Ansatz komisch – da passiert ja alles Mögliche, das in der Wirklichkeit gar nicht möglich gewesen wäre, etwa, dass Kaiser Claudius der schönen Poppea nachsteigt (vielleicht hat der Librettist sie mit seiner früheren Gattin Messalina verwechselt, die beiden Damen hatten ja einen ähnlich schlechten Ruf). Egal, die Szene, in der Poppea gleichzeitig Ottone (sie war im wahren Leben tatsächlich kurzfristig mit Otho verheiratet) und Nero (ihren späteren Gatten) überall in ihrem Luxusschlafzimmer versteckt, weil Claudius kommt – das hat Carsen vergnüglich mit Reminiszenzen an den ersten Akt „Figaro“ inszeniert …

Es darf sehr gelacht werden, wenn die Statisterie – ausgesucht wohlgeformt die Damen im Bikini, die Herren in der Badehose – um den Pool allerlei Flirt- und Fitness-Jokus treiben, und eine Szene, in der Agrippina hier Poppea mit Luxus-Label-Kleidung beschenkt, erinnert an die Verwandlung von „Pretty Woman“… Wenn Händel musikalische tänzerisch leicht wird, darf die Titelheldin auch einmal ganz heutig hüftenwackelnd tanzen, wie überhaupt nicht nur die körpersprachliche Brillanz der Umsetzung besticht, sondern auch die hohe Musikalität, die diesen Regisseur immer wieder auszeichnet.

Und doch – so ganz erlässt er uns das, was er von der Geschichte weiß, ja doch nicht. Wenn zu Beginn Agrippina die Nachricht erhält, dass ihr Gatte wahrscheinlich ertrunken ist, nimmt sie ihrem Sohn Nero, der im Pyjama durchs Fernsehen zappt, die Fernbedienung weg, steckt ihn in eine Uniformjacke und plant die Machtübernahme: Inklusive die Fernsehbilder, die gleich gestellt werden. Das stimmt alles.

Ebenso, wenn Claudius zuerst – dem Ambiente entsprechend – tatsächlich in Uniform und Pose des „Duce“ auftritt und diesem erstaunlich ähnlich ist. Aber wenn er später im blauen Anzug des Silvio Berlusconi erscheint, dann sieht er auch aus wie dieser. Die Popanze halt, die sich so selbstbewusst „absolut“ geben… Und ganz am Ende, wenn Claudius Nero zu seinem Nachfolger erklärt und Händel ja eigentlich eine Happyend Jubel-Musik ertönen lässt, dann fegt ein hektisch zuckender Nero plötzlich alle um sich herum weg (Mama hat er ja schließlich ermorden lassen) und erhebt sich in schauerlichem Triumph… Eine Schrecksekunde am Ende, die nicht gerade das Libretto, aber die Geschichte, die dahinter steckt, verdient.

Der Abend im Theater an der Wien hat, es sei gleich gesagt, keinerlei ausgesucht schöne Stimmen zu bieten. Aber es sind allesamt Sänger, die sich auf der Höhe ihrer gesanglichen Aufgabe finden – und, das war für Robert Carsen wohl am wichtigsten, die sich als hervorragende bis brillante Schauspieler erweisen, die das rasante Komödienkonzept des Abends (das oft bis zur Posse, bis zum Schwank reicht) auch kongenial umzusetzen vermögen.

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Da ist die Irin Patricia Bardon (das Programmheft sagt uns, dass sie in Los Angeles Placido Domingos „Carmen“ war) die Agrippina in luxuriösen Designer-Kostümen, von Kopf bis Fuß auf Intrige eingestellt, den Sex-Angeboten ihrer Mitarbeiter nie abgeneigt, auch gleich am Schreibtisch, warum nicht. Ein Früchtchen. Aber da hält Danielle de Niese als Poppea voll mit, Sexbombe und Humorbombe zugleich, eine explodierende Komödiantin (so dass man nicht übel nimmt, wenn die Koloraturen nicht ganz sauber und nicht alle Spitzentöne angenehm kommen).

Nicht weniger als drei Countertenöre sind dabei. Jake Arditti als juveniler Nero, unsicher durch die Welt rudernd (optisch wie Jesse Eisenberg wirkend, als er im Film Mark Zuckerberg spielte), konnte mit seiner extrem hellen Stimme und engagiertem Einsatz überzeugen, der arme Ottone des Filippo Mineccia erhielt zur Pause viel Applaus, als er mit Nachdruck sein tragisches Schicksal beklagte, und nur der Höfling Narciso des Tom Verney blieb ein wenig unter den Anforderungen.

Dazu drei dunkle Stimmen – der vor allem durch seine Erscheinung und gewollt törichte Ausstrahlung punktende Finne Mika Kares als Claudius (oder Claudio, wie er in der Oper heißt), der auch nicht schlecht intrigierende Pallante des Damien Pass und der dauernd als „Bote“ herumfegende Lesbo des Christoph Seidl.

Das Balthasar Neumann Ensemble, das zwar im historischen Klang arbeitet, aber nur stellenweise so „trocken“ klingt, wie es diese Aufführungspraxis auch mit sich bringt, geleitete den Zuhörer unter seinem Chef Thomas Hengelbrock geradezu beschwingt durch einen hoch karätigen, hoch vergnüglichen Abend, für den alle Beteiligten reichlich den verdienten Jubel des Publikums erhielten.

Renate Wagner

Die Aufführung am 29. März 2016 ist via Sonostream live mitzuerleben  

 

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