Wiener Staatsballett: „Living Legacies“ – ganz in Blickrichtung Westen
(18.9.2026)

Frederick Ashton: Rhapsody. Antonio Casalino und Ensemble. Foto: Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
Alessandra Ferri, die Leiterin des Wiener Staatsballetts seit vorigem Jahr, konnte beweisen, dass sie ein teils neu formiertes Ensemble in kurzer Zeit tänzerisch zu formen versteht. Auch der erste Ballettabend in der neuen Saison mit dem Titel „Living Legacies“ mit drei höchst anspruchsvollen Beispielen klassischen Balletts in jeweils zeitgemässem Gewand ist zu einem Publikumserfolg geworden. Schöpfungen der beiden Choreographie-Genies des 20. Jahrhunderts haben funkelnde Klassizismus-Schönheit aber doch auch einen wohl eher aussagelosen Ballettabend geboten. Jahre zurück, nach New York, 1956: George Balanchine schuf „Divertimento Nr. 15“ zu Serenaden-Musik von Mozart. Oder vor über vier Jahrzehnten in London: Frederick Ashton mit Rachmaninows Paganini-Variationen, vertanzt als „Rhapsody“. Und als starker Mittelteil überzeugte ein ebenso brillantes „Within the Golden Hour“ (2008 für das Ballett von San Francisco choreographiert) des ungemein kreativen Christopher Wheeldon aus Somerset, Jahrgang 1973. Insgesamt zu gefallen vermochten die nach wie vor eher noch namenlos wirkenden nach Wien geholten exzellenten Solisten. Den stärksten Beifall hat das virtuose Paar Cassandra Trenary und Antonio Casalinho in „Rhapsody“ erhalten. Und dazu zu Saisonbeginn die Avancements: Die Halbsolist*innen Natalia Butchko, Alessandro Cavallo, Duccio Tariello und Rinaldo Venuti sind zu Solotänzer*innen ernannt worden.

Christopher Wheeldon „Within the Golden Hour“. Foto: Wiener Staatsballett/ Ashley Taylor
Ferri hat auch in ihrer Programmgestaltung für die neue Saison ihren Blickwinkel, genau wie am Einleitungsabend, völlig in Richtung Westen gerichtet. Der Amerikaner John Neumeier wird sein 2000 in Hamburg kreiertes Erfolgsballett „Nijinsky“ präsentieren, der Engländer Wayne McGregor „Woolf Works“ als Kommentar zu Virginia Woolfs Leben und Schaffen. Und die Ballett-Gala 2027 ist Jerome Robbins gewidmet. Als einziger großer Ballettklassiker ist Tschaikowskis „Schwanensee“ an neun Abenden angesetzt. In der Volksoper bekommt neben diversen „Masterpieces for Two“ das langjährige Ensemblemitglied Eno Peci die Chance „Burden Loops“ zu Musik von – nicht gerade originell – Philip Glass zu choreographieren. Und in Eigenregie ist dem Staatsballett in der Volksoper nun auch bereits vor längerer Zeit eine köstliche getanzte Version von „Max und Moritz“ geglückt. Zum Kinderglück wird dieses übermütige Komödchen heuer zur Weihnachtszeit wieder ausgegraben.
Wiens Bürgermeister Ludwig muss in seinem Büro registrieren: An diesem Abend ist im großen tänzerischen Aufgebot keine einzige Person auf der Bühne gestanden, welche in Wien oder ganz Österreich geboren wurde. Das ist eine klare Aussage zu der nun schon andauernden erzieherischen wie künstlerisch problematischen Entwicklung in der Stadt. Dies gilt nicht nur für die Heranbildung im Opernballett. In der Theater-, der Musikszene sind ähnliche Tendenzen ganz offen gegeben. Die heimischen Politiker mit Kulturverantwortung gehen darüber hinweg, bleiben im Schönreden gefangen. Die Qualität ist in dieser Einkaufspolitik gegeben, doch von eigener Kreativkraft oder einer zeitnahen „Puppenfee“ ist nichts mehr zu merken.
Meinhard Rüdenauer

