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WIEN / Staatsoper: WOZZECK

25.03.2013 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
WOZZECK von Alban Berg
Wiederaufnahme: 24. März 2013 
32. Aufführung in dieser Inszenierung

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert (Premiere einst: 12. Juni 1987) steht diese Aufführung von Alban Bergs „Wozzeck“ auf dem Repertoire der Wiener Staatsoper, oft hat man das Werk nicht gespielt, aber immer wieder (zuletzt 2005) in „Wiederaufnahmen“ neu poliert, was durchaus eine vernünftige Entscheidung ist. Denn die Produktion von Regisseur Adolf Dresen (der auch schon seit einem Dutzend Jahren tot ist) und Ausstatter Herbert Kapplmüller bietet einen zwar nicht „regie“-überfrachteten, aber eindrucksvollen Rahmen für die so entsetzlich tragische Geschichte. Da man in einer klaren, schlichten Szenenfolge nicht „gestört“ wird, kann man sich auf Musik und Darsteller konzentrieren. Und auf diesem Gebiet war diese „Wiederaufnahme“ eindrucksvoller als alles, was bisher in dieser Spielzeit in der Staatsoper als „Premiere“ daherkam.

Das ist in diesem Fall zuerst Franz Welser-Möst zu danken, der bei „innovativer“ Musik (wenn man es so ausdrücken darf – natürlich war Mozart zu seiner Zeit auch innovativ!) immer noch ein bisschen überzeugender wirkt, bei Janacek eben, Hindemith oder nun bei Alban Berg. Der „Wozzeck“ ist für Dirigenten und große Orchester ja nicht zuletzt der Zwischenspiele wegen reizvoll, in denen Berg nicht nur Formenreichtum hören lässt, sondern auch eine expressive Ausdruckskraft, die oft von geradezu „schreiender“ Wirkung ist. Welser-Möst hat für diesen seinen ersten „Wozzeck“ mit den Wiener Philharmonikern Abgründe von musikalischen Emotionen entfesselt, die den Zuhörer voll in das nervenzerfetzende Seelendrama der Hauptfigur stürzten. Abgesehen davon, dass man den Interpreten auch in ihre virtuose Technik folgen konnte, mit der sie die von Berg verwendeten Formen (ob Ländler, Marsch, Lied, Polka usw.) umsetzten. An solchen Abenden weiß man es wieder einmal ganz besonders zu schätzen, dass eines der weltbesten Orchester im Graben der Wiener Staatsoper sitzt…

Simon Keenlyside ist zweifellos einer der interessantesten Sängerdarsteller auf den gegenwärtigen Opernbühnen der Welt. Er feilt sich seine Rolleninterpretationen stets ganz persönlich zurecht. Sein Wozzeck ist nicht der arme tumbe Kerl – bei ihm merkt man von Anfang an, dass hier im Kopf etwas nicht stimmt. Die kleinen Ticks, mit denen er versucht, sich selbst offenbar zum Funktionieren zu bringen. Die unruhigen Bewegungen, die anzeigen, dass das wohl ein Borderline-Patient ist (Kunststück, bei den Experimenten, die man mit ihm macht). Die innere Hektik, die ihn offenbar treibt und treibt und treibt – bis zum letalen Ende. Dabei kein Pathos, kein künstliches Theater, keine mitleiderregende Hascherl-Manier: Ein Fremder in dieser Welt, vor dem man verwirrt zurückweicht… Angesichts von Bergs atonaler Stimmführung sind Sängerleistungen nicht so glatt zu beurteilen wie bei Mozart oder Verdi: Möglich, dass Keenlyside (mit hervorragendem Deutsch übrigens, ganz ohne das „englische“ Akzent-Geknödel) hier an seinen Grenzen singt. Beim Rigoletto fällt ein diesbezügliches Urteil sicherlich leichter. Die Leistung als Ganzes jedenfalls war atemberaubend, vor allem in ihrem gänzlich unkonventionellen Zuschnitt.

Auch Anne Schwanewilms glich keiner Marie, die man je gesehen hat, aber bei ihr fällt die Interpretation leichter: Diese hübsche schlanke Blondine strahlt einfach „höhere Tochter“ aus, sie hat sich vermutlich  in dieses Milieu verirrt, die Lebensgier und Sinnlichkeit, die arme Haut in der Verwirrung ihrer Wünsche und Begierden einerseits, in ihren(Wozzeck gegenüber dankbaren) Gefühlen glaubt man ihr nie und nimmer. Sie kann die Höhen der Partie singen, die Kraft, die sie braucht, vermisst man. Auf Wiedersehen als Arabella.

Mit Ausnahme von Peter Jelosits, der den Narren schon bei der Premiere (!) gesungen hat, waren alle Hauptrollen des Abends neu besetzt. Gary Lehman, der als eitel-dummer Tambourmajor als gewaltiges Stück Mann auf der Bühne steht, könnte in einer Wagner-Rolle wohl mehr hören lassen. Herwig Pecoraro als Hauptmann und Wolfgang Bankl als Doktor sind jene Zerrbilder der Gesellschaft, die Menschen wie Wozzeck lustvoll-sadistisch zu Tode hetzen. Norbert Ernst als Andres bringt zumindest ein mitmenschliches Element ein. Kurz, aber in der Szene prägnant: Monika Bohinec als Margret. Auch neu im Gewühl der Schankszene, wo sich auch der Chor bewährt: Marcus Pelz und Clemens Unterreiner als  Handwerksburschen.

„Wozzeck“ ist ein schwieriges, sperriges Werk. Aber so interpretiert, geht es gewaltig unter die Haut. Es gab Publikumsjubel, wie ihn sonst nur einfachere Werke erringen.

Renate Wagner

 

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