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WIEN/ Staatsoper: WOZZECK. Fehlentscheidungen

WIEN / Staatsoper: „WOZZECK“  –   31.03.2022

In der U3 mit Wozzeck: Eine „Alltagsgeschichte“ in der Wiener Staatsoper |  kurier.at
Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 “Und täglich grüßt das Murmeltier…” Gestern habe ich mich in meinem Bericht über “Rigoletto” darüber beklagt, dass es eine Fehlentscheidung von Dominique Meyer war, die Produktion von Sandro Sequi durch die schlechte Inszenierung von Pierre Audi zu ersetzen. Und heute muss ich leider eingangs festhalten, dass es eine Fehlentscheidung von Bogdan Roščić war, die großartige „Wozzeck“-Produktion von Adolf Dresen durch diese schlechte Neuinszenierung von Simon Stone auszutauschen.

Simon Stone, der uns schon eine missglückte „Traviata“-Inszenierung beschert hat, hat die Handlung von Alban Bergs Meisterwerk in das Wien von heute verlegt. (Sollte sich jemand für die Gedanken des Regisseurs interessieren, kann er diese im Programmheft nachlesen.) Armut gibt es natürlich auch heute, aber man kann die Armut von heute mit dem Elend der armen Leute vor 200 Jahren wohl kaum vergleichen. Auch Frauenmorde hat es immer schon gegeben, aber weil das Thema „Femizid“ gerade bei uns aktuell diskutiert wird, hat der Regisseur das zum Thema seiner Inszenierung gemacht. (Müssen wir jetzt Angst haben, dass die bevorstehende „Tristan“-Inszenierung den Ukraine-Krieg behandeln wird?)

Simon Stone siedelt also die Handlung statt in einer deutschen Garnisonsstadt um 1820 im Wien der Gegenwart an. Eine Szene spielt in der U-Bahn-Station Simmering. Herr Stone war wohl noch nie in dieser U-Bahn-Station, sonst wüsste er, dass dort weder Obdachlose noch Betrunkene übernachten. Da hat er wohl Wien mit Paris oder New York verwechselt. Ich habe auch noch nie bei einem Würstelstand oder in der Simmeringer Haide Menschen in Hasen- oder Mäusekostümen erlebt. Aber vielleicht hat der Regisseur ja Wien im Drogenrausch durchwandert. Das Ganze spielt auch nicht im Soldatenmilieu, daher sind der Hauptmann und der Tambourmajor nun Polizisten. Allerdings habe ich noch nie einen Polizisten am Sonntag mit einem großen Federbusch spazieren gehen gesehen. Und ich habe auch noch nie gehört, dass die Wiener Polizei einen Garnisonsprediger beschäftigt. Und Marie singt auch nicht von Polizisten sondern: „Soldaten, Soldaten sind schöne Burschen!“!

Und wen kratzt es heute noch in Wien, wenn eine Frau ein Kind „ohne den Segen der Kirche“ hat? Wozzeck scheint arbeitslos zu sein und steht beim Arbeitsamt an, aber warum bringt er dann Marie nicht sein Arbeitslosengeld sondern seine „Löhnung“? Dabei kann Marie wohl nicht gar so arm sein, wenn man ihre große, gut ausgestattete Wohnung sieht. Wozzeck hat angeblich kein Geld und dann verkehrt er im gleichen Fitness-Club wie der Hauptmann und der Doktor? Ich könnte noch seitenweise die Diskrepanzen zwischen dem Text und dem, was auf der Bühne gezeigt wird, aufzählen.

Der Regisseur dürfte auch nicht viel Interesse an der Arbeit mit den Sängern gehabt haben, denn die Charaktere waren so schwach gezeichnet wie selten zuvor. Dafür dürfte sich der Regisseur viel mehr der Arbeit mit den Statisten gewidmet haben. Da dürfen durchtrainierte Burschen ihre nackten Ärsche präsentieren, da wird in allen möglichen und unmöglichen Stellungen kopuliert, ja sogar Rudelbumsen wird da nicht ausgelassen, da muss sich Wozzeck einer Darmspiegelung unterziehen (während er singt!!!), etc. etc.

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Christian Gerhaher und Statist

Glücklicherweise gibt es auch noch Musik, und da ist wesentlich besseres zu berichten. Vor allem ist erfreulich, dass es gelungen ist eine Besetzung zu finden, die bis in die kleinste Partie keine Schwachstelle aufzuweisen hat, zumindest in stimmlicher Hinsicht. Christian Gerhaher ist einer der besten Sängerdarsteller der Gegenwart. Dass er auch als Wozzeck eindrücklich sein kann, hat er bereits in München und Zürich bewiesen. Doch szenisch so schwach wie nun hier in Wien habe ich ihn noch nie erlebt. Aber wenigstens ließ er stimmlich keine Wünsche offen. Mit der richtigen Mischung aus Gesang und Sprechgesang und einer präzisen Betonung jeder Silbe (das ist der Vorteil, wenn ein großer Liedersänger auch Oper singt) brachte er uns wortdeutlich Wozzecks Schicksal wenigstens in musikalischer Hinsicht nahe. Noch schlimmer ist das Versagen des Regisseurs bei Anja Kampe. Die Marie in der heutigen Zeit als völlig passiv angelegte Frau zu zeigen, welch eine Enttäuschung. (Wenn ich daran denke wie Hildegard Behrens in der Dresen-Inszenierung Franz Grundheber „Rühr mich nicht an! Lieber ein Messer in den Leib, als eine Hand auf mich.“ entgegengeschleudert hat…) Diese Szene verpufft hier völlig wirkungslos. Stimmlich war Anja Kampe der Partie ja gewachsen. Nur in den Szenen mit dem Tambourmajor darf sie ein bisschen aus sich herausgehen. Dennoch insgesamt enttäuschend, wenn ich da an Sängerpersönlichkeiten wie Behrens, Polaski, Denoke, Malfitano oder Waltraud Meier denke. Am wenigsten behindert von der Inszenierung war Jörg Schneider als Hauptmann, der die richtige Mischung zwischen Satire, Skurrilität und Realismus bot und auch stimmlich keine Wünsche offen ließ. Diese richtige Mischung fehlte leider Dmitry Belosselskiy als Doktor, das war viel zu brav und bieder für diesen sadistischen und bösartigen Arzt (wenn ich da an Aage Haugland denke!). Josh Lovell gefiel mit seinem schön timbrierten, höhensicheren  Tenor als Andres, nur gelegentlich klang die Stimme etwas zu klein. Auch den Auftritt von Thomas Ebenstein als Narr hat der Regisseur völlig verschenkt und verpatzt. Peter Kellner und Stefan Astakhov waren als Handwerksburschen stimmlich hervorragend und die Partie der Margret wurde in dieser Vorstellung erstmals von Juliette Mars gestaltet. (In der Zwischenzeit glaube ich nicht mehr, dass alle Umbesetzungen Corona-bedingt sind. Noch fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung wurde auf der Homepage der Wiener Staatsoper Christina Bock angekündigt. Da diese jedoch derzeit für den „Rosenkavalier“ probt, war die Umbesetzung wohl aus Dispositionsgründen erforderlich. Aber Umbesetzungen werden von der Staatsoper leider immer seltener bekanntgeben!) Sean Panikkar fügte sich als fescher Tambourmajor unauffällig ins Geschehen. Ein wenig mehr Tenorkraft hätte da jedoch nicht geschadet.

Das Orchester der Wiener Staatsoper präsentierte sich in Hochform unter der Leitung von Philippe Jordan. Unser Musikdirektor findet hier die richtige Balance zwischen klarer Struktur und üppigem Orchesterklang und lässt dazwischen immer wieder die kammermusikalischen Passagen mit weichem Wohlklang spielen. Also wenigstens in musikalischer Hinsicht konnte man zufrieden sein.

Mein Resümee: von den mehr als zwei Dutzend Wozzeck-Produktionen, die ich bisher weltweit gesehen habe, ist die Neuinszenierung von Simon Stone eine der schlechtesten. Selbst die Schlussszene mit dem Kind hat der Regisseur völlig vergeigt. Und wenn einen diese Szene nicht erschüttert, wenn man aus einer „Wozzeck“-Aufführung völlig ungerührt kommt, dann stimmt einfach etwas nicht. Daher mein Rat an die Leser:

Wenn Sie nackte Popscherln von knackigen jungen Statisten sehen wollen (Achtung: Operngucker nicht vergessen!), wenn sie schon immer mal wissen wollten was Rudelbumsen ist, wenn sie schon immer mal sehen wollten wie ein Darm von innen aussieht oder wenn sie sehen wollen wie man die Leiche der abgemurksten Partnerin verschwinden lässt, dann sollten sie sich schnellstens eine Karte für die letzte Aufführung am 3. April kaufen. (Es gibt noch mehr als 800 Karten!)

Wenn Sie jedoch lieber eine ausgezeichnete Aufführung von Alban Bergs „Wozzeck“ sehen wollen, dann kaufen Sie sich die DVD mit der Aufzeichnung der Aufführung der Wiener Staatsoper aus dem Jahr 1987 (mit Hildegard Behrens und Franz Grundheber, Inszenierung: Adolf Dresen, Dirigent: Claudio Abbado).

Walter Nowotny

 

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