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WIEN / Staatsoper: TURANDOT

29.04.2016 | KRITIKEN, Oper

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Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
TURANDOT von Giacomo Puccini
Premiere:  28.
April 2016  

Der Vorhang geht auf, man sieht ein schräges Zimmer, einen Mann erst am Klavier, dann am Schreibtisch, und man erkennt die Szene sofort: Genau so hat Regisseur Marco Arturo Marelli letzten Sommer auf der Bregenzer Seebühne seine „Turandot“-Inszenierung beginnen lassen. Und so geht es weiter – dass dieser Mann Puccini ist, in seine Oper quasi „hineingeht“, die Rolle des Calaf übernimmt, sich auch immer wieder als er selbst im „Theater“ zu finden scheint… nun haben wir es an der Wiener Staatsoper auch.

Das kann man natürlich nicht Herrn Marelli vorwerfen, wie viel soll einem Regisseur in kurzer Zeit denn zu „Turandot“ einfallen, wenn er schon mal ein Konzept hat, das ihm offenbar selbst gefällt? Wirklich vorzuwerfen ist es der Wiener Staatoper, dass sie einen Regisseur engagiert, der dasselbe Werk „gerade erst“ auf einer anderen großen österreichischen Bühne gemacht hat, zumal in Bregenz weit über hunderttausend Zuschauer kommen, darunter mit Sicherheit viele Wiener Opernfreunde. Und dass man ein Abziehbild von etwas erhält, das in Wien dann ohnedies nur eine „Mini-Fassung“ sein kann – es scheint, als sollte die Wiener Staatsoper (auf die Wiens Publikum immer noch eine Menge hält und auch Forderungen an Exklusivität und Niveau stellt) das nicht nötig haben.

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Natürlich ist es nicht „ganz“ wie in Bregenz, die enorme Chinesische Mauer, die dort als Effekt ohnedies die Aufführung machte, kann Wien nicht bieten, auch manches seltsame Schmankerl (man erinnert sich an den Chor in Mao-Anzügen) gibt es dankenswerterweise nicht. Aber konzeptionell bleibt es derselbe Zugang, dass Marelli das Gegenteil einer Aufführung liefert, die man „wie aus einem Guß“ beschreiben könnte. Er würfelt konzeptionell alles Mögliche zusammen, zu Puccini als „Helden“ noch einen Chor in heutigen Abendkleidern, drei Minister, die mal als Commedia dell’ arte Figuren einherhüpfen, dann wie Beamte im Anzug, die sich wiederum weiße Schürzen und Gummihandschuhe anziehen, um den Kopf des getöteten persischen Prinzen in ihrer anatomischen Sammlung abgeschlagener Häupter einzuverleiben, dazu Chinoiserie mit einer Menge Artisten (solches Kindertheater passte auf die Seebühne weit besser als hier). Poetische Lampion-Spielereien und Drastisches (wenn die Minister Calaf drei halbnackte Nutten hinwerfen, damit er seinen Namen verrät), ein Kaiser von China, der ein uralter Mann im Rollstuhl ist, und eine Turandot, die man nie als solche erkennen kann – ein Rotschopf (die Farbe, die die Amerikaner als „Strawberry Blonde“ bezeichnen), die dann in Blau, mit goldenem Mantel und Krone glatt wie eine christliche Madonna aussieht (wie meist hat Dagmar Niefind zu Marellis eigener Ausstattung die Kostüme geliefert). Ein eklektisches, fast schon eklektizistisches „von allem ein Bisschen“ und nichts wirklich, was dann auch eine Art von „Stil“ ergibt. Wobei Marelli optisch und inszenatorisch stets ein Mann der Ästhetik bleibt (und uns dann etwa als Regisseur die „Folterung“ der Liu erspart).

Des Regisseurs Interview-Aussage, „Turandot“ sei eigentlich ein Kammerspiel, bezog sich wohl darauf, dass er seine gigantomanische Bregenzer Fassung (die Seebühne braucht das eben) auf ein normales Opernhaus und einen Repertoire-Betrieb für Jahre und Jahrzehnte zusammenschrumpfen musste. Wobei ihm vor allem in der Gestaltung der Turandot-Figur und in ihrem Zusammenspiel mit Calaf einiges gelungen ist, das anders herüberkommt als sonst – wenn es auch wiederum am Original vorbeischrammt.

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Denn wenn die chinesische Prinzessin kein „eisiger“, in Gewänder und Zeremoniell eingeklemmter Popanz ist, sondern eine neugierige, zickige, schlecht gelaunte Rothaarige, wird die blutige Geschichte schon ein bisschen klein. Bis zum Happyend am kleinen Tischchen in der Bühnenmitte, Calaf überreicht ihr eine weiße Rose, alles happy. Man fragt sich, ob der Regisseur das parodistisch gemeint hat?

Und doch gibt es Szenen zwischen den beiden, die einfach schön sind – nach jedem Rätsel, das Calaf löst, nehmen die Richter Turandot ein Zeichen ihrer Macht weg, erst die Krone, dann den goldenen Mantel, dann das blaue Kleid. Am Ende steht sie in einem roten Fähnchen (und roten Schühchen) da – und da kommt Calaf und legt ihr seinen Mantel um: eine berührende, liebevolle, beschützende Geste, die auch zeigt, wie Puccini diese seine Figur liebt. (Muss er auch, bei all dem dramaturgischen Unsinn, dass er die Frau nimmt, um deretwillen eben seine kleine Liu getötet wurde – wobei Turandot in dieser Fassung doch ziemlich menschlich-erschrocken dabei aussieht.)

Was immer das Ganze sein soll, das sich nicht die Mühe eines Konzepts macht (warum auch, wo es doch offenbar ein Alptraum des armen Puccini ist, der von seinen Figuren regelrecht überfallen wird, wenn sie da zwischendurch wieder in sein Arbeitszimmer stürmen – im Traum ist ja alles erlaubt) – das Publikum war allerhöchstens zur Hälfe überzeugt. Bei Marelli klangen die Buh-Rufe am Ende am stürmischsten und gingen keineswegs im Bravo unter. Da waren Leute schon sehr verärgert, und man kann es ihnen nachfühlen.

Was die Besetzung der drei Hauptrollen betrifft, so war es ein Abend der „harten“ Stimmen, der keinerlei Belcanto-Freuden bescherte – abgesehen davon, dass Puccini ja schon für das „Liebespaar“ (um es einmal so zu sagen) die enorme Kraft vorgeschrieben hat: Hochdramatik, wie sonst bei den Italienern weniger verbreitet als in deutschen Operngefilden.

Hat das Publikum Lise Lindstrom auch deshalb teilweise mit Buh-Rufen bedacht, weil man sich natürlich Nina Stemme in der Rolle gewünscht hätte (sie hat schließlich in Mailand gezeigt, dass sie das kann)? Nun, Lise Lindstrom, die Amerikanerin mit dem nordischen Namen, singt die Turandot landauf, landab, es ist ihre „Signatur-Rolle“, und was für London, Mailand, New York, München, Verona und andere erstklassige Ort gut genug ist, darüber sollen sich die Wiener nicht beschweren. Zumal, wenn da eine schlanke, attraktive Frau auf der Bühne steht, die eine „andere“ Turandot spielen und die Rolle mit Ausdauer und Schmettertönen singen kann. Dann noch immer „schön“ zu klingen, schaffen die wenigsten.

Yusif Eyvazov spielt zuerst einmal – Puccini. Haartracht, Bart, der charakteristische Mantel mit Pelzkragen, wie man ihn von Fotos kennt. Dann geht er in dem Anzug des Mannes, der vor hundert Jahren lebte, auf die Bühne und soll die schon vom Libretto her so unausgeglichene Figur des Calaf verkörpern. Wo es um Liebe geht – er spielt regelrecht die „Liebe auf den ersten Blick“, die ihn fassungslos überfällt, wenn er Turandot zum ersten Mal sieht – , ist er überzeugend, seine Ausstrahlung sympathisch. Als Sänger schafft er den Abend, ohne sich selbst oder den Komponisten zu blamieren, ist also das, was man „verlässlich“ nennen kann. Das, was man als besonders schöne oder edle Stimme bezeichnen würde, hat er nicht. Immerhin, wenn es in den Schrei-Wettbewerb mit der Kollegin geht, hält er mit, und Mezzavoce beherrscht er besser als beide Damen des Abends. Ein Einspringer also, über den man nichts Schlechtes sagen kann und soll.

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Anita Hartig als Liu schleicht im Klein-Mädchen-Fetzen mit Zöpfen herum, spielt anteilnehmend und rührt doch nicht ans Herz. Das liegt daran, dass ihre Stimme gar keine lyrischen Qualitäten hat, sie ist hart und hart geführt. Doch nicht jeder teilte diese Meinung, denn sie bekam am Ende eine Menge Applaus.

Die Szenen mit Ping / Pang / Pong, den drei so seltsamen Ministern (hier, wie erwähnt, halb Theaterfiguren mit Masken und bunten Kostümen, halb brave Beamte in Hemdsärmeln), sind sehr lang: Nichts gegen die Besetzung mit Gabriel Bermúdez, Carlos Osuna und Norbert Ernst, aber so richtig kurzweilig werden sie nicht. Einen starken Auftritt hat Heinz Zednik, wenn er den (hier doch sehr kranken) Kaiser mit schwacher, schwankender Greisenstimme singt (und auf Calaf sieht wie auf einen Errettter). Als Timur, der hier offensichtlich nicht blind ist, klingt Dan Paul Dumitrescu wie immer schön, desgleichen Paolo Rumetz als Mandarin (mit chinesischer Maske aufs Gesicht geschminkt – erst beim Applaus als er selbst erkennbar). Und dann sprang noch immer wieder ein weißer Clown (Josef Borbely) herum… poetisch soll es sein, wenn Marelli waltet.

Wirklich poetisch wurde es aber aus dem Orchesterraum. Gustavo Dudamel, der schon sehr viel Auftrittsapplaus bekam und stürmische Zustimmung zum Beginn des zweiten Teils, und der dennoch am Ende auch ausgebuht wurde (wer weiß schon, warum), ließ eine besondere „Turandot“ hören. Das war nicht die Routine der italienischen Kapellmeister, die das natürlich „können“, da hörte man wirklich andauernd, wie liebevoll der Dirigent mit der Musik umging, zumal bei den lyrischen, melancholischen Szenen, immer wieder auch Instrumente solistisch herausformend, weich und schön im Klang, während er dann bei den vorgesehenen Fortissimi (und die sind hier zahlreich) den ganzen Puccini’schen Theaterdonner beschwor. Das war letztendlich das Besondere an einem Opernabend, der sonst nicht gar so viel Besonderes zu bieten hatte.

Renate Wagner

Turandot  Premierenapplaus~1 Foto: Wagner

 

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