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WIEN/ Staatsoper: TOSCA . Zweite Vorstellung

Die spielentscheidende Arie gilt hier nicht

19.01.2019 | KRITIKEN, Oper


Vittorio Grigolo. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper 

TOSCA von Giacomo Puccini

605.Aufführung in dieser Inszenierung
18.Jänner 2019

Die spielentscheidende Arie gilt hier nicht

Beim Fußball gibt es den Laschierer, der fast die ganze Spielzeit über nur so tut als ob, in Wahrheit aber nichts weiterbringt. Am Schluss aber schießt er dann doch – oft in letzter Minute – das allentscheidende Tor. Als solch ein Spieler entpuppt sich Vittorio Grigolo als Cavaradossi. Im 1. Akt agiert er – bis auf ein paar forcierte Schmettertöne – ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Im 2. Akt wird er gefoltert. Tosca vernimmt seine Schmerzensschreie aus dem Nebenraum, während sie von Scarpia arg bedrängt wird. Als man Cavaradossi in einer Folterpause vorführt, und er seine trotzig herauszurufenden „Vittoria“-Rufe hören lässt, klingen diese immer noch so, als ob sie ihm gerade auf der Streckbank unter verschärften Maßnahmen abgenötigt worden wären. – Aber dann der 3. Akt: Der Tenor wie ausgewechselt. Und sein „E lucevan le stelle“, auf das alle im Publikum offenbar sehnsüchtig gewartet haben, gelingt ihm ziemlich imposant. Grigolo verhält sich dabei tatsächlich ähnlich wie Ronaldo beim Schießen eines Elfmeters. Großes Kino, eine gut choreographierte Show. Etwas affektiert und manieriert vorgetragen zwar, eher so, wie man es bei einem Freiluftkonzert der Drei Tenöre in den Caracalla Thermen erwarten würde, aber mit einem wohlkalkulierten Effekt, der geradewegs zum Ziel führt: Allgemeiner Jubel bricht aus, und die unbändige Jubelstimmung hält ab diesem Zeitpunkt an, bis der Sänger dann beim Schlussbeifall gefeiert wird, als hätte er tatsächlich eben erst den spielentscheidenden Schuss aufs Tor abgegeben, mit dem man die Champions League gewonnen hat…

Wir aber sind hier nicht beim Fußball, sondern in der Oper, und da kommt es nicht allein auf das entscheidende Tor an. Es heißt in der Oper zudem auch nicht, mit schönem Spiel gewinnt man keinen Pokal, sondern es ist gerade umgekehrt: der Gesamtverlauf zählt – und nur für das Schön-Singen und Gut-Spielen bekommt man den Pokal. Legt man diesen Maßstab an, und nur der zählt in der Oper, dann nimmt sich die Leistung Grigolos an diesem Abend – alles in allem gesehen – nur bescheiden aus. Wohl hat man schon des Öfteren erlebt, dass ein Sänger mit seinen nur karg vorhandenen stimmlichen Mitteln haushalten muss. So offensichtlich aber kaum je zuvor. Und wer hellhörig ist, merkt die Absicht – und ist verstimmt.


Kristine Opolais. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Leider treten diesmal auch die beiden anderen Hauptakteure nicht vorteilhaft in Erscheinung. Kristine Opolais in der Titelpartie enttäuscht. In der Mittellage reicht es nur zu einem eintönigen Sprechgesang, und die Höhe leidet unter einem penetranten Vibrato. Das „Vissi d´arte“ klingt fahl, ihr flammende Bekenntnis zur Kunstausübung ist so wenig glaubhaft. Marco Vratogna, ein fader, plärrender Scarpia ohne jegliche Ausstrahlung, könnte seinen Bariton in seinem Kabinett des Schreckens ganz gut als Folterwerkzeug einsetzen.


Marco Vratogna (Scarpia). Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Angesichts dieser mageren Ausbeute im leading team machen Clemens Unterreiner als aufgescheucht durch die Kirche wieselnder Angelotti und Wolfgang Bankl als robuster Mesner das Kraut auch nicht mehr fett. Evelino Pido am Dirigentenpult lässt es zudem an so gut wie jeglicher Differenziertheit mangeln. Es wird einfach darauf losgespielt, meistens zu laut. Und das dürfte an diesem Abend ansteckend sein, denn seltsamerweise klingt diesmal auch der Chor, dessen Gesang von ferne in das Arbeitszimmer Scarpias hereintönt, aufdringlicher als sonst. Wenn etwas schiefgeht, dann schon ordentlich.

Manfred A. Schmid

 

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