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WIEN / Staatsoper: TOSCA

Das Cavaradossi-Debut von Piotr Beczala

08.02.2019 | KRITIKEN, Oper

 

 
Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

 

WIEN / Staatsoper:
TOSCA von Giacomo Puccini
606.Aufführung in dieser Inszenierung
7.Februar 2019

Ein total ausverkaufter Abend, die Stehplätze auch auf der Galerie bis zum letzten Platz gefüllt. Und dieses gewisse erwartungsvolle Surren in der Luft, das man nicht bei jeder Opernvorstellung erlebt. Immerhin waren die Besetzungen der drei Hauptrollen aus verschiedenen Gründen spektakulär. Piotr Beczala sang seinen weltweit ersten Cavaradossi. Met-Star Sondra Radvanovsky, sehr seltener Gast in Wien, gab erstmals an der Staatsoper die Tosca. Und Thomas Hampson, der sich in Wien lange rar gemacht hat (und dessen Scarpia zuletzt im Juni 2014 nach Schwierigkeiten klang), wagte erneut diese so gewaltig schwierige Bariton-Rolle. Grund genug für Opernfreunde, für „Tosca“-Freunde, zur Stelle zu sein. Und am Ende Grund genug für den Jubel, den es für alle Beteiligten gab.

Piotr Beczala war klug, mit seinem Cavaradossi zu warten. Gerade heute, wo sich die Begriffe über „Alter“ so sehr verschoben haben, ist Anfang 50 für einen Tenor im dramatischen Fach noch die beste Zeit. Er „hat“ die bombensicheren extremen Höhen (La vita mi costasse / Vittoria) und er kostet sie aus, er hat sich für die anderen Spitzentöne ein tenorales Leuchten erarbeiten können, das ihm früher fehlte, und seine Stimme ist auch geschmeidiger geworden. Dass ein Tenor slawischer Herkunft im allgemeinen nicht so „fließen“ kann wie ein Südländer – das ist Natur.

Gut und klug gesungen, ist dieses Cavaradossi-Debut wirklich gelungen, zumal Beczala sich auch darstellerisch eine Menge zu der Rolle ausgedacht hat. Er spielt vor allem die Empörung im 2. Akt, wenn er Scarpia gegenüber steht, sehr schön – und wenn er am Ende unter den Schüssen zusammen bricht, tut er es langsam, streckt den Arm noch nach Tosca aus, wie bedauernd, schau, ich habe dem Scarpia zu Recht nicht getraut… ein schöner, tragischer Effekt.

Dass vieles noch zu bemüht, also „gespielt“ wirkt, liegt daran, dass mit der Routine auch die Erfahrung kommt. Nächstes Jahr wird sein Cavaradossi schon anders aussehen, wie sein Maurizio in der „Adriana Lecouvreur“ an der Met auch viel gelöster war als damals in Wien… Jedenfalls hat die Opernwelt jetzt einen Cavaradossi mehr, der sich vor den Tücken und Schwierigkeiten der Rolle nicht fürchten muss.

Sondra Radvanovsky ist einer der großen Stars der New Yorker Metropolitan Opera, zuletzt als Donizettis Königinnen und als Norma unterwegs. Niemand wird sie als die denkbar „sauberste“ Sängerin bezeichnen, wenngleich sie die Tosca in jeder Hinsicht spürbar-souverän im kleinen Finger hat. Aber die Stimme zeigt nach all der vorangegangenen Hochdramatik Ermüdungserscheinungen, nicht jede Höhe gelingt schön, nicht jeder Übergang sicher, außerdem liegt da schon ein Schleier auf dem Timbre, das in der Mittellage recht dunkel ist (wenn auch nicht so dunkel wie das der Netrebko!), und da ist dann oft mehr Kraft als Schönheit angesagt.

Dennoch – eine Tosca, die uns Neues zeigt, war schon lange nicht da. Die mordet nicht zufällig – die spielt auf dem Messer auf Scarpias Schreibtisch herum, hält es ganz bewusst hinter sich, sticht wild zu, als er triumphierend vor ihr steht – und dann noch einmal, und noch einmal in den Rücken, und als er am Boden liegt noch einmal. Viermal! Ja, da kann man auch glauben, dass er wirklich tot ist. Und ganz am Ende – da lässt sie sich dann mit ausbreiteten Armen rücklings (!!!)  von der Engelburg fallen! Das übertrifft die temperamentvollen (und gar die vorsichtigen) Sprünge der Kolleginnen bei weitem… Dass die Persönlichkeit der Sondra Radvanovsky auch in Details der Rolle strahlt, sei auch noch festgehalten, damit es nicht um (wenn auch doch sehr spektakuläre!) Äußerlichkeiten geht.

Thomas Hampson hat sich von einer Stimmkrise, die man auch außerhalb Wiens hören konnte (etwa, Met und ROH 2015 und 2016 im Kino, bei den Hoffmann-Bösewichten), weitgehend erholt (auch wenn gelegentliches Forcieren nicht zu überhören ist). Er hat wieder die Kraft für den Scarpia (Sein „Un tal baccano in chiesa!“ zum Auftritt verbraucht allerdings viel, aber der erste Akt ist ja nicht so schwierig wie der zweite).

Und er spielt ihn als den kalten Sadisten in der Pose des großen Herren auf seine Art faszinierend (und wir haben zuletzt von den Hysterikern [Finley] bis zu den Brutalinskis [Schrott, Lucic] – einiges gesehen, und Terfels Tücke ist ja auch noch in Erinnerung). Das ist ja das eigentlich Interessante an verschiedenen Interpreten – zu sehen, was man mit einer Rolle alles machen kann, wenn man es gut macht.

Etwas unter dem gewohnten Niveau waren Mesner und Angelotti (Alexandru Moisiuc, Ryan Speedo Green), Scarpias Schergen taten ihre üble Pflicht (Benedikt Kobel, wie es schien, fast mit Lust, dazu Igor Onishchenko) als Schließer verströmte Ayk Martirossian kurz dunkle Töne.

Und da war Marco Armiliato wie immer dem italienischen Repertoire der denkbar verlässlichste Sachwalter, und wenn er laut wurde, wusste er, dass es Radvanovsky und Beczala nichts ausmachte, und für Hampson nahm er sich gelegentlich zurück. Solche Kapellmeisterqualitäten gehören zu einem guten Dirigenten.

Das alles fand in unserer guten, alten Wallmann-Inszenierung statt, die wir uns – in Pausengesprächen mit Gästen – nicht madig machen lassen. Piotr Beczala hat es sein Cavaradossi-Debut sicher erleichtert, dass er die Rolle einfach singen und spielen durfte, ohne sich um Ideen kümmern zu müssen, die Regisseuren oft unausgegoren durch den Kopf huschen – und mit denen ein Opernpublikum dann endlos leben muss…

Viel Jubel. Verdient.

Renate Wagner

 

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