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Wiener Staatsballett: „NIJINSKY“ – legendär, doch ein Verwirrspiel

20.10.2026

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Frola, Esina, Casalinho, Avraam. Foto: Ashley Taylor

Es ist diesmal eine überaus komplexe Angelegenheit. John Neumeier, US-Choreograph mit Karriere in Hamburg, ein reifer Jahrgang, ist seit seiner Wiener Neuschöpfung von Richard Strauss´ “Josephs Legende“ 1977 mit seinen folgenden Einstudierungen immer ein erfolgreicher und gern gesehene Gast in der Staatsoper gewesen. Das mit der von ihm aufgebauten Hamburger Kompanie abendfüllende „Nijinsky“-Spektakel aus dem Jahr 2000 ist nun vom Wiener Staatsballett übernommen worden. Bleibt jedoch mit seinen die Phantasie und Wissen fordernden Assoziationen als Handlung recht unverständlich. Neumeiers Intention ist es gewesen „die Biographie seiner Seele zu erzählen.“ 

Der ukrainische Tänzer Vaslav Nijinsky (1889 bis 1950) ist in der Geschichte des klassischen Balletts zu einer Legende geworden. Von Serge Diaghilew, dem schwer homosexuellen Gründer und Impresario des in Paris ansässigen Ballets Russe wurde er verführt, später jedoch von diesem wegen seiner Hochzeit mit Romola de Pulszky aus dem Ensemble verstoßen. Als Dreissigjähriger erlitt Nijinsky einen Nervenzusammenbruch, schwere Schizophrenie. Von seiner Gattin betreut musste er in Klinken in der Schweiz verbringen, leicht geheilt ist er in London gestorben. Neumeier, ein Feingeist, hat sich feingeistig dieses Verfalles in Wahnsinn einer außergewöhnlichen Persönlichkeit angenommen. In seiner Version mischen sich die Tanzsprachen des frühen wie die des späten 20. Jahrhunderts. Da treffen von Nijinsky bei den Uraufführungen getanzte Rollen wie Petruschka, der Geist der Rose oder der Goldene Sklave aus „Scheherazade“ in Visionen direkt aufeinander. Da nähert sich Diaghilew unmissverständlich seinen Tänzern, an erotischen Begegnungen fehlt es nicht. Da springen Soldaten des Ersten Weltkrieges irre herum oder wanken als Kriegsversehrte in Schlangenlinie noch und noch einmal über die Bühne, und, und …. ein wirres Vexierrätsel ist zu lösen. “Ich kenn´ mich nicht aus“ hat es in der Pause wiederholt beim Premierenpublikum geheissen. Doch mit großem Beifall wurde das Ensemble am Ende bedankt.

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Ensemble. Foto: Ashley Taylor

Neumeier vermag in der langen und vielschichtigen Szenenfolge immer wieder starke Effekte erzielen. Ohne die wiederholt überraschenden Abfolgen stets auch mit origineller Inspiration gestalten zu können. So manche Episode zieht sich, zieht sich …. und ja, wer ist wer in diesem verschachtelten Psycho-Panorama? Fein getanzt wird von allen: Alessandro Frola in der fordernden Títelrolle, von Ketevan Papava als Romola, von Eno Peci (Diaghilew), Davide Dato (Harlequin und Geist der Rose), Victor Caixeta (Goldener Sklave). Auch einen einzigen Wiener finden wir unter den vielen Solisten: Dem jungen Laurids Seidel dürfte der Weg zu einer Karriere offen stehen.

Ebenfalls eine Mixtur mit Kontrasten bieten die untermalenden Kompositionen. Rimski-Korsakows Traummusik „Scheherazade“ ist zur Verzauberung stückchenweise zu hören, als Trauermusik folgt Schostakowitschs bedrückende 11.Symphonie. Und dezenter dazu Chopin und Schumann. Der aus Hamburg mitgekommene Nathan Brock hat das Orchester geleitet. Und wenn sich ein Ballettfreund ein bisschen mit dem Lebensweg des Vaslaw Nijinsky beschäftigen möchte: Vor einem Besuch dieser Vorstellung wäre die passende Lektüre ratsam.

 Meinhard Rüdenauer

 

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