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WIEN/ Staatsoper/ Staatsballett: „LIEBESLIEDER“ – das Rad um einige Jahrzehnte zurück gedreht  

Wiener Staatsballett: Das Rad um einige Jahrzehnte zurück gedreht  (14.1.2022)  

Der „Liebeslieder“-Titel des neuen Programms des Wiener Staatsballetts mag verführerisch klingen. Das Ensemble hat für diese Abende in der Staatsoper das Rad einige Jahrzehnte zurück gedreht. Mit Blickrichtung New York. Der perfekt einstudierte und getanzte Dreiteiler führt in die schöpferisch so innovativen Jahre der damals vielschichtig aufgeblühten US-Tanzszene. Versetzen wir uns somit ein bisschen mehr als ein halbes Jahrhundert oder zumindest drei Jahrzehnte in der Ballettgeschichte zurück. Keine der damals berühmt gewordenen Choreographien ist zwar zu sehen, kein sinnlich aufwühlendes Erlebnis wird geboten, doch es ist der choreographischen Sublimitäten wegen wohl ein schöner Abend für Kenner des Genres und gestandene Romantiker.  

1960 – „LIEBESLIEDER WALZER“: Ganz, aber schon ganz und gar hatte George Balanchine hier mit den exzellenten Solisten seines New York City Ballet auf seine romantische Ader gesetzt. Vier SängerInnen, die Pianisten und vier Tanzpaare auf der Bühne, die wechselnden Stimmungen der beiden mehrstimmigen Liederzyklen „Liebeslieder-Walzer“ und „Neue Liebeslieder“ von Johannes Brahms auf die feinsinnigste Weise choreographisch in subtil bewegte Bilder versetzt. In einem noblen biedermeierlichen Salon wird in zumeist in kurzen, dabei prägnant charakterisierenden Episoden ein Liebesreigen herauf beschworen – jugendliche Freude und träumerische Zartheit, Sehnsüchte und Melancholie im Dreivierteltakt, ausgelassene Tändelei wie Verklärung unter Sternenhimmel bieten ein Liederspiel in den feinsten tänzerischen Nuancierungen.

1976 – „OTHER DANCES“: Absolute Noblesse kann man auch Broadway-Choreograf und Regisseur Jerome Robbins, der ebenso geniale Partner von Balanchine in späteren Jahren, nicht absprechen. Für die Superstars Natalia Makarova und Mikhail Baryschnikow kreierte er zu Klaviermusik von Frédéric Chopin einen Pas de deux mit mehreren Variationen in edelster Harmonie. Einfach klassisch, doch mit modernem Touch. Und natürlich – technisch wie stilistisch herausfordernd für die beiden Solisten.

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Concerto (Choreografie: Lucinda Childs): Ensemble © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

1993 – „CONCERTO„: Die New Yorker Tänzerin und Choreographin Lucinda Childs, Jahrgang 1940, segelte an prominenter Position gemeinsam mit den Komponisten Philip Glass, John Adams, dem Konzeptkünstler Sol Le Witt oder Regisseur Robert Wilson mitten in der Garde der US-Postmoderne in diesen nun auch bereits verschwimmenden Jahren. Zu einem Cembalo-Streicher-Konzert des Polen Henryk Górecki schuf sie für ihre Company ein kompaktes wie energiegeladenes Bewegungsraster in Visual Art-Manier  für schwarz gewandete Tanzpuppen auf leerer Bühne. Kann über die menschlichen Regungen in Balanchines „Liebeslieder Walzer“ wie von einem Spiegel der Seele gesprochen werden, so werden hier im gleichförmigen Strom, völlig konträr, die TänzerInnen zu sich wiederholenden geometrischen Mustern im akzentuiert ausgetüftelten Bewegungsfluss mit wechselnden kleinen Varianten geformt. Das hat der Dynamik wegen seine Reize, kann heute aber doch auch als bereits abgestanden betrachtet werden.

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Liebeslieder Walzer: Claudine Schoch, Roman Lazik © The George Balanchine Trust, Foto: Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Vier Sänger, mehrere Pianisten, die insgesamt siebzehn TänzerInnen auf der Bühne …. besser kein Ausspielen der Namen all der feinen Solisten. Da und dort mag es noch an ausgeprägter Persönlichkeit etwas mangeln; doch ein großes Kompliment, die hohe Qualität im Wiener Staatsballett ist gegeben.

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Elena Bottaro, Denys Cherevychko. Foto: Ashley Taylor

Meinhard Rüdenauer  

 

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