
WIEN / Staatsoper:
SIEGFRIED von Richard Wagner
31. und vorletzte Aufführung in dieser Inszenierung
31.Mai 2026
Siegfried heiß ich,
Siegfried bin ich
Ja, stimmt schon, das Zitat bezieht sich auf den Papa. Siegmund heiß ich – und so weiter. Aber wenn dann ein Siegfried-Interpret nicht nur perfekt „die Rolle“ ist (jene Partie, von der große, unvergessene Johan Botha (!!!) sagte, er würde sie nie singen, weil nachher könne man seine Stimme wegwerfen) – kurz, wenn Andreas Schager der Siegfried ist und (wie bei ihm meistens) einen so goldenen Abend wie diesen hatte, dann gilt er im Moment als die Erfüllung der Rolle.
Ich habe ihn 2017 in Wiesbaden erlebt, wo Schager in dem „Ring“, der Uwe Eric Laufenberg von Linz an seine neue Wirkungsstätte mitgenommen hatte, innerhalb einer Woche Siegmund / Siegfried / Siegfried sang, als ob es nichts kostet. Damals war er schon im Besitz seiner vollen stimmlichen Mittel, über die man nicht genug staunen kann, und dennoch fast zu entdecken – heute steht der Niederösterreicher an der Weltspitze.
Sein Siegfried ist kein dumber Dodel, auch kein künftiger Faschist (beides hat man schon gesehen), sondern ein vor Kraft sprühender, übermütiger junger Mann, der seine besinnlichen Momente hat, wenn er nach seinen Eltern forscht. Im Umgang mit Mime erweist Schagers Siegfried jene Lockerheit und Humor, die das doch sehr kritische Verhältnis der beiden seiner hässlichen Schärfe beraubt.
Stimmlich bot Schager einfach alles, von einem Schmiedelied, das konkurrenzlos war, bis zu den Waldvogelszenen, die er allerdings nicht putzig, sondern locker machte, bis zu jener Szene, die meines Erachtens die tragischste des „Rings“ ist, in der Siegfried mit Nothung Wotans Speer zerschlägt, der Generationenwechsel auf die denkbar tragischste Art vollzogen und Wotan ins Out geschickt wird. Es ist eine Begegnung, die wie ganz freundschaftliches Geplänkel beginnt, schnell eskaliert und so schlecht ausgeht – da waren Schager und Volle als Schauspieler gefragt. Und dann darf der bisherige Naturbursche angesichts der Frau das Fürchten lernen und plötzlich erwachsen werden… (Wobei das in dieser Inszenierung mit ihren vielen Dummheiten gar nicht so leicht ist, weil Brünnhilde nämlich wie eine ägyptische Mumie verpackt ist, und als Siegfried die Frau erkennt, noch gar nicht als solche sichtbar ist).
Wie sich Schager und Camilla Nylund gewissermaßen auf einander, auf ihr gemeinsames Schicksal zusingen, darstellerisch voll unendlich vieler, zarter, menschlicher Details, um dann in der Ekstase zu landen – das ist Wälsungenblut zwei (und die beiden umarmen sich auch, fallen zu Boden und gehen zu Sache, wie es die Musik vorschreibt. In der „Walküre“ waren Siegmund und Sieglinde stehen geblieben wie Ölgötzen, bis der Vorhang zuging – vielleicht war der amerikanische Tenor nicht gewillt, eine Partnerin anzugreifen, aus Angst, dann der sexuellen Belästigung geklagt zu werden? So könnte der Zeitgeist auch Wagner erreichen… In vieler anderer Hinsicht hat er ihn schon.)
Aber wenn ein solcher Siegfried auch das herrliche Zentrum des Abends ist, er macht ihn nicht allein. Wieder kam man aus der Bewunderung für Michael Volle nicht heraus, die Kraft, Fülle und Modulationsfähigkeit der Stimme, die Souveränität des Wanderers, der Mime ironisch in die Tasche steckt, schließlich die Resignation, nachdem er – nehmen wir es genau! – Erda vorgeworfen hat, ihm km „Rheingold“ seinen Elan vitale gestohlen zu haben. (Wird wohl so sein, Wagner wird es gewusst haben.) Schließlich der finale Versuch, Siegfried zu bändigen, und sein Scheitern (eine Erfahrung, die natürlich viele Väter und Großväter machen). Großartig.
Die Siegfried-Brünnhilde ist zwar die kürzeste, aber beileibe nicht die leichteste der drei Rollen, man kann sich nicht hinter permanenten Fortissimi verstecken, wobei der Dirigent Camilla Nylund in ihren Mezzavoce-Passagen geradezu auf Händen trug. Ihre Chemie mit Schager war, wie schon erwähnt, bemerkenswert, der Schlußjubel für die beiden erreichte sicherlich das, was man unter den Rekordhöhen der Staatsoper einordnen kann.
Gerhard Siegel war mit seiner scharf akzentuierten Stimme ideal für den Mime, den er in boshafter Schusselig herumwirbeln ließ. Bruder Alberich, wieder der herrliche Georg Nigl, hatte dieselbe Scharfe, noch mit abgrundtiefer Bösartigkeit getränkt, die auch die Kurzauftritte, die er im „Siegfried“ hat, punzierten.
Wiebke Lehmkuhl war als weißgesichtige Grufie-Erda eindrucksvoller als im „Rheingold“. Damals hätte man allerdings schon bemerken sollen, dass Matheus França kein nachhaltiger Baß ist (und ihn für den Fafner mit seinem Rheingold-Bruder austauschen). Unzureichend auch Florina Ilie, weil der Waldvogel eine kristallklare Stimme braucht und keine belegte, bei der man den in diesem Fall so essentiell wichtigen Text nicht versteht.
Man möchte ja über die Inszenierung schweigen – aber wie geht das im letzten Bild? Na gut, die Pferde sind vielleicht weggetrabt. Aber hatte Brünnhilde Zei, sich in ihrem – ohnedies nie ernst zu nehmenden – Feuer- und Eis-„Gefängnis“ umzuziehen? Jedenfalls tauschte sie die Walküren-Uniform in ein sehr elegantes silbernes Abendkleid. Reden wir nicht weiter. Wenn wir om Zukunft irgendwann etwas geboten bekommen, das möglicherweise aussieht wie Castorfs Verrücktheit anno dazumal in Bayreuth – wir werden uns zurücksehnen.
Am Pult wieder Pablo Heras-Casado. Kritikaster werden dieses und jenes „nicht lupenrein“ gefunden haben (und vielleicht auch Schager als „Schreihals“ abwerten wollen) – davon darf man sich nicht beirren lassen. Ein großer Abend, auch vom Dirigentenpult, und jedenfalls auf der Bühne.
Es ist seltsam. Da hat man den „Ring“ im Laufe seines Opernlebens, das stark von Wagner geprägt war, schätzungsweise vierzigmal (oder mehr) gesehen. Ehrlich: Gelegentlich ist man auch müde und ein bißchen gelangweilt in den Seilen gehangen. Und dann kommt eine Schar großer Interpreten und zündet im Publikum jenes Begeisterungs-Feuer an, das noch um eine Spur heller und wilder lodert als bei anderen Komponisten. Da findet man sich selbst, die schandbarerweise meist nicht einmal klatscht, plötzlich unter jenen, die aus voller Brust „Bravo“ rufen… Na ja, Richard, der Einzige.
Renate Wagner

