
WIEN / Staatsoper.
SALOME von Richard Strauss
21. Aufführung in dieser Inszenierung
4.Mai 2026
Welch außerordentliche Prinzessin
Schon lange wurde in der Opernwelt kein Name so gehypt wie jener der derzeit dreißigjährigen Russin Lidia Fridman. Sie hat ihre Heimat nach der ersten Gesangsausbildung 19jährig verlassen und ging nach Italien, wo sie sich seit nunmehr sieben Jahren eine Karriere aufbaute, die jüngst geradezu explodierte. Dass Riccardo Muti sie zu seiner neuen Lieblingssängerin erhoben hat, schadet dabei sicherlich nicht… Interessant an Lidia Fridman ist, dass sie ohne irgendwelche „lyrische“ Umwege direkt ins hochdramatische Fach sprang – Donizetti-Königinnen, Nabucco-Abigail, Lady Macbeth, Norma, Wozzeck-Marie, Salome. (Mozart kann sie sie auch.) Opernfreunde, die ein bißchen im Internet stöbern, werden ihre Salome finden, die sie (in einer verrückten Inszenierung von Emma Dante) in Florenz sang, und ihren letzten Triumph: Die von Riccardo Muti dirigierte, von seiner Tochter Chiara respektabel inszenierte Aufführung des Mabeth im Teatro Regio di Torino, wo ihre Lady wirklich Gänsehaut erzeugt (und das im besten Sinn).
Foto: Lidia Fridman / Website
In Wien ist Lidia Fridman bereits als Norma zu hören gewesen, nun wartete man mit Spannung auf ihre Salome. Und tatsächlich – eine so außerordentliche Prinzessin hat man noch selten gehört. Die Stimme scheint sich immer wohler zu fühlen, je höher sie gefordert wird, wobei die kraftvollen Attacken mit technisch perfekten, getragenen Piani abwechseln. Sie erinnert an eine legendäre Salome, die man nur von der Schallplatte her im Ohr hat, nämlich an die stupende Leichtigkeit, mit der Ljuba Welisch einst diese Rolle sang. Wenn die Stimme von Lidia Fridman ein leises Defizit hat, dann in der Tiefe, aber das wird sie auch noch beheben. Was Stimmfülle, stählerne Kraft und Klarheit der Höhe betrifft, hat sie derzeit wohl wenig Konkurrenz. Interessant auch ihre akzentfreie Aussprache, obwohl die Salome außer der Wozzeck-Marie ihre bislang einzige deutschsprachige Rolle ist.
Zudem spielte sie – nach der Vorgabe der Inszenierung – die Prinzessin als elegante blonde Society-Lady, locker, lässig, souverän durch das Geschehen schlendernd und damit viele Klischees hinter sich lassend. Sie muss sich nicht als „junges Mädchen“ geben, denn es sind zwei Alter Ego-Salomes auf der Bühne, eine kindlich unschuldig (die sich schon von Herodes gierig anstarren lassen muss und in jener kurzen Szene, wo Jochanaan ihr sein Herz zuwendet, bei ihm ist) und eine im Teenager-Alter, die schon zeigt, wie verderbt man in dieser Gesellschaft wird, und die dann auch beim Tanz (bei dem es keine sieben Schleier mehr gibt) mitwirkt.
Womit man schon bei der „neuen“ (auch schon drei Jahre alten) Inszenierung der Ära Roscic ist, die jene heiß geliebte alte von Boleslaw Barlog ablöste, für die Ausstatter Jürgen Rose die unvergleichlich giftgrün-goldene, nach Verwesung dampfende Atmosphäre schuf, die Antike, und Vorderen Orient mit Jugendstil-Mustern verband. Wie viele von den 265 Vorstellungen dieser Produktion hat man wohl gesehen, von Silja bis Rysanek, von Jones bis Bumbry, von Behrens über Marton bis Malfitano, von Denoke und Merbeth bis Nylund! Die Aufführung von Cyril Teste ist auf die übliche Art „modern“ (den großen Eßtisch hatten wir auch bei Tcherniakov in Hamburg), aber sie funktioniert weitgehend, wenn sie auch ihre Defizite hat. So ist der „Tanz“ gewissermaßen gar nichts, Salome bewegt sich im Raum, wird mitgefilmt und auf die rückwärtige Videowand geworfen, aber nichts, was sie tut, wirkt im geringsten erotisierend… dafür hätte Herodes wohl nicht sein halbes Königreich versprochen.
Der immer kaum aufzulösende „Kopf des Jochanaan“ wird hier recht originell als Maske gebracht und von Salome dem attraktiven Henker aufgesetzt. Doch vergibt die Inszenierung eindeutig die Chance, „Man töte dieses Weib“ zu realisieren – wenn der Henker ohnedies schon da ist, könnte sie doch in seinen Armen den Liebestod sterben. Statt dessen bringt sie die Maske der Tischgesellschaft, die mit diesem Teil der Geschichte eigentlich nichts zu tun hat.
Mit Gerhard Siegel als Herode und Daniel Jenz als Narraboth, die schon bei der Premiere dabei waren, hatte der Abend – ergänzt von der Herodias der Monika Bohinec – zwei exzellente Besetzungen, zu der als zweiter Höhepunkt der Aufführung Tomasz Konieczny als Jochanaan kam. Am Abend davor hatte man ihn erst exzellent als Wagners Holländer erleben dürfen (danke für den Stream – warum wird eigentlich die kommende Neuinszenierung der „Perlenfischer“ nicht gestreamt???). Und doch hatte Konieczny noch die Kraft für einen starken Gruftie-Propheten, der mit wirrem Haar und fast als Totenkopf geschminkt aus seiner Höhle stieg, um sich von der coolen, schönen Prinzessin fast becircen zu lassen… Hin und her gerissen in seinen Gefühlen, wurde die Szene zwischen den beiden zu einem Psycho-Duell.
Dass in einer Inszenierung wie dieser das Juden-Gezanke um ihren Gott szenisch nicht wirklich überzeugend gelungen kann, versteht sich. Auf seltsame Weise gelungen war der Orchester-Teil des Abends, obwohl Sebastian Weigle ein solches Donnerwetter entfesselte, dass viele Feinheiten (man kennt die Strauss-Raffinesse im Einsatz von Soloinstrumenten) schlechtweg untergingen. Dafür raste die Aufführung mit selten so erzielter Spannung durch.
Es war der Abend der Lidia Fridman, der man prophezeien möchte, dass sie bald ein Weltstar sein und in einem halben Dutzend Jahren auch in der Wagner-Welt unterwegs sein wird.
Renate Wagner

