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WIEN / Staatsoper: SALOME

04.10.2019 | KRITIKEN, Oper


Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
SALOME von Richard Strauss
241.
Aufführung in dieser Inszenierung
4.
Oktober 2019

Die Salome von Richard Strauss ist eine der gesanglich und darstellerisch anspruchsvollsten Partien der Opernliteratur. Jede neue Besetzung wird also den Opernfreund mühelos zu einem Besuch des Werks überreden. Diesmal ist Ausrine Stundyte aus Litauen zu Gast, die schon mit ziemlicher Reputation aus Berlin und München, Paris und Zürich, Amsterdam und Florenz hierher kommt. Im Theater an der Wien wird sie 2020 die Renata im „Feurigen Engel“ verkörpern.

Als Salome ist sie erst einmal eine Augenweide. Wenn von „Body-Shaming“ die Rede ist, muss es auch „Body-Praising“ geben, wenn eine Sängerin so schlank und zierlich ist, eine echte dunkelhaarige Prinzessin aus dem Morgenland, die von Anfang an weiß, dass sie ihre Rolle als überdrehte Borderline-Persönlichkeit anlegt: Das ist durchaus glaubwürdig, wenn man sich die Irrationalität ihres Handelns wirklich vor Augen führt. Allein das Spiel ihrer Hände und Arme, das sie konsequent und extrem durchführt, setzt immer wieder besondere Akzente. Abgesehen davon, dass sie etwa Jochanaan (als er noch lebt) körperlich so erregt nahe kommt, wie man es selten sieht – und dass sie eine Tänzerin von besonderen Talenten und besonderer Berechnung ist: Eigentlich interessiert sie nur, ob Jochanaan in seinem Loch möglicherweise etwas von ihrer Verlockung mitbekommt, während sie gleichzeitig immer wieder dafür sorgt, die Schleier Herodes zuzuwerfen (worauf Herodias sie ihm wegschnappt…). Beim Schlußmonolog, wo der Wahnsinn flackert, leidet sie wie alle Salome-Darstellerinnen in Wien daran, dass die Szene einfach nicht ausreichend beleuchtet, sprich: in Düsterkeit getaucht ist.

Stimmlich fühlt sich Ausrine Stundyte vor allem in der hohen Mittellage und in der reichlich beanspruchten Höhe wohl, während Mittellage und Tiefe manchmal sogar bis zu Parlando-Sprechgesang hinunter gefahren werden und auch Gefahr laufen, in den Orchesterfluten zu versinken. Von diesen gab es an diesem Abend reichlich.

Zwei hauseigene Rollendebutanten gab es in dieser „Salome“-Serie: Linda Watson als mächtige, prächtige, zynische Herodias beweist, dass die ehemaligen Hochdramatischen die besten Sängerinnen dieser Rolle sind. Jörg Schneider ist ein geradezu freundlich wirkender Herodes, zwischen starken Frauen zerrieben, fast kindlich verliebt in die Stieftochter, immer wieder ängstlich, nervös. Dazu lässt er seinen schönen Tenor erschallen.

Alan Held gibt (hörbar) alle Kraft, um dem Jochanaan stimmliche Macht und Würde zu verleihen, wenn die Stimme auch schon vor dem Rollenende angestrengt klingt…

Zwei Darsteller der Nebenrollen seien heraus gehoben: Lukhanyo Moyake, der voll ausnützte, dass Narraboth gleich zu Beginn stark präsent ist, wobei er seinen Tenor regelrecht leuchten lässt. Und Thomas Ebenstein, als Erster Jude für den ursprünglich angesetzten Michael Laurenz eingesprungen, der manchem Kollegen vormachte, wie deutlich man bei Strauss artikulieren kann, ja eigentlich muss, um seiner Figur Deutlichkeit und Kontur zu verschaffen. (Drollig übrigens, wie die Juden „erschüttert“ bei Salomes Tanz die Gesichter bedecken, aber immer wieder durch die Finger lugen, um da zuzuschauen…)

Dennis Russell Davies am Dirigentenpult ließ die Wiener Philharmoniker klingen wie ein um ein paar Dezibel zu laut aufgedrehtes Radio. Nun ist die „Salome“ verdammt dramatisch, und wer ihre Aufschwünge hoch peitscht, macht nichts falsch. Aber permanente Lautstärke lässt viel von der berühmten Raffinesse der Partitur unter den Tisch fallen. Aber, wie schon oft festgestellt, „laut“ wirkt, und das ausverkaufte Haus spendete seinerseits lauten, wenn auch nicht allzu langen Beifall.

Renate Wagner

 

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