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WIEN / Staatsoper: SALOME

20.01.2016 | KRITIKEN, Oper

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Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
SALOME von Richard Strauss
223.
Aufführung in dieser Inszenierung
19.
Jänner 2016

Eine nordische Blondine, die aussieht wie die strahlende Wikinger-Königin eines Hollywood-Films und nicht wie ein dunkel-rassiges Prinzesschen aus dem Nahen Osten; eine Darstellerin, die keine Minute auf kindlich oder auch nur jugendlich und trotzköpfig macht – das ist eine Salome der anderen Art. Camilla Nylund spielt nicht ein neugieriges, verwöhntes Mädchen, sondern eine junge Frau, die von Jochanaan erotisiert wird – auch wenn da kein schöner junger Mann vor ihr steht: Sie will ihn, will ihn umso mehr, je stärker er ihr widersteht, und wenn er sie verflucht, hat sie einen halben Orgasmus vor Lust und vor Wut. Der Tanz ist für sie die Möglichkeit, sich zu rächen – was sie Herodes da bietet (wobei Camilla Nylund zu den wenigen Sängerinnen zählt, die beim Tanz nie Gefahr laufen, sich lächerlich zu machen), wird nicht von Erotik getragen, sondern von Machtwillen. Wenn sie den Kopf des Jochanaan fordert, bricht ihr die Stimme mehrfach in den Sprechgesang – sie kann es nicht mehr erwarten, bis dieser Herodes, der so verzweifelt um sie herumzappelt, endlich nachgibt.

Salome hat sich, nicht nur mit dem nun schwarzen Gewand, zu einem Geschöpf der Dunkelheit verwandelt – und als sie den begehrten Kopf bekommt, da, ja da bricht der Wahnsinn aus. Selten hat man die ja an sich so perverse Zwiesprache einer lebendigen Frau mit dem abgeschlagenen Kopf des Objekts ihrer Begierde dermaßen als „Wahnsinnsszene“ (ohne Koloraturen) begriffen. Darum wehrt sie sich am Ende auch nicht gegen die Schergen – sie hat sich, von der Realität völlig abgehoben, bereits in den eigenen Tod gesungen…

Camilla Nylund tut es mit silberschlanker Strauss-Stimme, die nicht durch Power, sondern eher durch die Delikatesse besticht, mit der sie makellose hohe Töne setzt: Übrigens wäre auch eine Walküre gelegentlich in dem exzessiven Orchesterfest des Dirigenten ertrunken. Letztlich bewährt sich eine Salome auch daran, dass sie diese Mörderpartie bis zum letzten Ton durchhält – auch wenn man keine ausgewiesene „Hochdramatische“ ist.

Rundum war es ein Abend der starken Stimmen, voran Iain Paterson: Seit langem hat kein Jochanaan seinen göttlichen Zorn so eindruck- und machtvoll gedonnert, mit harter, fast rauer Stimme, die ganz plötzlich weich, fast belcantesk wurde, wenn er von Jesus sprach (sang).

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Gerhard A. Siegel ist ein interessanter Sänger, der sich offenbar seine „Heldenwünsche“ (Lohengrin, Tristan) an kleinen deutschen Häusern erfüllt, an der Met aber dann der Mime ist – und mit schneidender Mime-Stimme gab er auch den komplett hysterischen Herodes, der mit der Hilflosigkeit eines Schwächlings eindrucksvoll herumtobte.

An seiner Seite Carole Wilson als Herodias, keine ausgefeilte Charakterstudie, sondern einfach eine starke Frau, mit der nicht gut Kirschen essen ist und die ihre Zankapfel-Funktion gnadenlos erfüllte.

Ausgezeichnet diesmal (weil nicht vom Ehrgeiz zu weit getrieben) war Norbert Ernst als Narraboth, auch hier ist ein starker, scharfer Tenor ganz richtig, das braucht keinen Liebhaber-Schmelz. An dem Pagen an seiner Seite, Ulrike Helzel, fielen vor allem die meist schreckengeweiteten Augen auf.

Interessanterweise besetzt die Staatsoper gerade „Salome“ immer besonders gut, man denke nur an die beiden wirklich starken Männer, die die Soldaten zu Beginn stellten: Wolfgang Bankl und Il Hong. Immer köstlich das Judengezanke (Thomas Ebenstein, Peter Jelosits, Carlos Osuna, Benedikt Kobel, Dan Paul Dumitrescu), wobei man nur hoffen kann, dass „Salome“ nicht unter den Bannfluch der politisch Korrekten fällt, denn man könnte eine solche Darstellung von Juden ja gut und gern für diskriminierend und antisemitisch erklären… Bekümmert trollten sich zwei Nazarener (Alexandru Moisiuc, Mihail Dogotari), nachdem sie zuerst bewundernd von Jochanaan geschwärmt hatten. Hiro Ijichi als Cappadocier und Daniel Lökös als Sklave (kein Honiglecken bei dieser Herrschaft) waren auch dabei.

Dass, wie man hörte, die alte, aber durch die Ausstattung von Jürgen Rose nach wie vor wunderschön anzusehende, durchaus klug gestaltete Inszenierung von Boleslaw Barlog neu ausgeleuchtet worden sein soll, konnte man nicht feststellen – manchmal war’s doch fast zu dunkel. Aber dafür leuchtete das Orchester durch die Finsternis: Der Finne Mikko Franck, ein kleiner Mann, der schon mitten in der großen Karriere ist, hat alle „farblichen“ Qualitäten der Partitur mit Lust ausgeschöpft und die Philharmoniker immer wieder zum Fortissimo-Trip hochgejubelt. Es war ein Klangfest – und das ist diese Strauss-Oper ja nun einmal.

Dass übrigens viele Sitzplätze leer blieben, mag daran gelegen haben, dass die Staatsoper das ungeschriebene Gesetz, dass „Salome“ um 20 Uhr beginnt, durchbrochen hat: Der Vorhang hob sich um halb 8, und man kann sich vorstellen, wie viele Leute mit gültigen Karten vor verschlossenen Türen standen, keine Chance, bei einem pausenlosen Werk eingelassen zu werden. Schade, wenn man es nur vom Bildschirm im Foyer miterleben konnte.

Renate Wagner

 

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