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WIEN / Staatsoper: ROBERTO DEVEREUX

26.05.2012 | Oper

 Foto: Zeininger

WIEN / Staatsoper: 
ROBERTO DEVEREUX von Gaetano Donizetti
Wiederaufnahme 
29. Aufführung in dieser Inszenierung
26. Mai 2012 

Wien hat um Edita Gruberova nie so viel „Wirbel“ gemacht wie etwa Zürich oder München, die lange Zeit eigens für sie die Belcanto-Virtuosenopern, zumal jene von Donzietti, auf den Spielplan setzten. Dominque Meyer scheint ihr nun um einiges mehr Respekt entgegen zu bringen als sein flapsiger Vorgänger und nahm für die Gruberova – nachdem er sie vor eineinhalb Jahren auch nur mit einer konzertanten „Lucrezia Borgia“ abgespeist hatte – den alten „Roberto Devereux“ als eigens gekennzeichnete „Wiederaufnahme“ aufs Programm. Zwei der vier Hauptrollen waren neu besetzt, und man hätte sich etwas mehr Andrang erwartet – aber die Stehplätze auf Balkon und Galerie schienen eher locker besetzt.

Obwohl sie in „Roberto Devereux“ nicht – wie sonst oft bei Donizetti – im Titel steht, ist diese Oper, ist die Rolle der alternden Queen Elizabeth I. von England, die ihren Geliebten erst an die Rivalin, dann an den Tod verliert, derzeit sicher die ideale Partie für Edita Gruberova. Diese Frau wird von Leidenschaft und Eifersucht geschüttelt, von Wut und Hass getrieben, von Hilflosigkeit und Verzweiflung ausgelaugt – das muss man auch spielen, und sie tut es mit schier unglaublicher Intensität. Wenn sie anfangs noch um den Mann und gegen die Rivalin kämpft, tobt der Furor, aber wenn sie am Ende mit leeren Händen als Verliererin dasteht und sich gar die rote Perücke vom Kopf reißt und nur noch eine leere alte Frau mit kurzem weißen Haar ist… dann ist man als Zuseher atemlos. Dann wird die Gruberova zur Bette Davis der Opernbühne, und für diesen Parforceritt durch eine Rolle würde man ihr jederzeit den Opern-„Oscar“ zu Füßen legen. Sie hat auch, das muss man schon sagen, in dieser historisierenden Wiener Aufführung  weit spektakulärere Möglichkeiten als in Loys Münchner Inszenierung, die sie nüchtern als Karrierefrau von heute auf die Bühne schickt.

Was die Stimme betrifft, so ist sie natürlich nicht mehr dieselbe wie vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren – selbst die leidenschaftlichsten, „Brava“ brüllenden Fans (die gar nicht erwarten konnten, dass die Musik zum Ende kommt) werden das zugeben und am besten wissen. Denn die Gruberova singt heute, mit 65, gegen eine unbesiegbare Rivalin an: gegen die Gruberova. Und die war einfach zu ihrer Zeit die Beste in ihrem Fach. Aber auch sie konnte nicht unbeschädigt bleiben, manches von ihrer legendären Geschmeidigkeit und vom Stimmglanz ist weg, die eine oder andere Schrille hier, die kleine Brüchigkeit dort stellen sich ein. Die durchgehende, nie getrübte Belcanto-Schönheit ist mit den nun vorhandenen Mitteln nicht mehr zu erzielen. Die Technik funktioniert natürlich, aber man kann nicht mehr wie früher tausendprozentig sicher sein, dass alles klappt, so wie sie es will. Dennoch, vieles ist da, vor allem die Attacke in der Höhe, die dann in die logische Begeisterungsschreie des Publikums mündet (allerdings ließ dasselbe Publikum mehrfach Möglichkeiten des Applaudierens ein paar bange Sekunden hindurch ungenützt, bis der Dirigent weiterspielen ließ…).

Aber die Gruberova ist ja nicht dumm, sie macht sich mit Sicherheit nichts vor, also setzt sie ihre Stimme anders ein als früher, spürbar nicht mehr, um auch eine „Stupenda“ zu sein und das Publikum angesichts ihrer Virtuosität staunen zu machen, was da alles möglich ist. Diese artifiziellen Kunststücke waren eine Welt für sich – jetzt nimmt sie die Stimme bewusst vor allem zur Charakteristik der Figur, und da darf dann das eine oder andere bewusst schrill, rau, nicht mehr schön klingen, wenn sie dafür Elisabettas Seele aufreißt. So wurde das, was man an diesem halben Premierenabend sah, zu einem Höhepunkt der besonderen Art – die Gruberova ging nicht nur in die Ohren, dorthin, wo die Wonne wohnt, sie ging unter die Haut, wo es weh tun kann und es sich unauslöschbar ins Gedächtnis brennt. Freilich, in diesem Virtuosenfach (und das bleibt es) jetzt noch Pläne über Jahre hinaus zu machen, erscheint nicht sinnvoll. Können und Willen vermögen viel, aber die Natur ist  nicht zu besiegen, das Altern von Menschen und Stimmen ist unvermeidlich.

Diese „Roberto Devereux“-Oper wurde seit ihrer Premiere am 7. Dezember 2000 bis 2006 offenbar 28mal gespielt, mit Ausnahme von ein paar Auftritten von Silvana Dussmann lag die Titelrolle fest in der Hand der Gruberova, als ihre Rivalin war meist die Armenierin Enkelejda Shkosa eingesetzt, die ganz aus unserem Gesichtsfeld gerückt ist. Für die Wiederaufnahme bekam Nadia Krasteva nun noch eine neue große Rolle, bevor sie nach zehn braven Jahren als Ensemblemitglied der Staatsoper einigermaßen den Rücken kehrt und auszieht, Weltkarriere zu machen. Sie ist im idealen Alter und in idealer stimmlicher Verfassung dafür und sang die Sara, Gattin des Herzogs von Nottingham und Angebetete von Devereux, mit Impetus, wozu sie erst im dritten Akt so richtig Gelegenheit hatte, im ersten Akt ist sie vor allem von lyrischer Bravheit.

Seit Jahren schon findet sich José Bros gewissermaßen im Gepäck der Gruberova, denn ihre Diven führen stets einen Tenor von seiner Stimmart mit sich, der nie im Vordergrund steht, selbst wenn er – wie in diesem Fall – der Titelheld ist. Das Timbre von Bros ist und bleibt Geschmackssache, aber er entledigt sich seiner Schicksale am Rande immer mit Haltung.

Eine positive Überraschung des Abends kam von Eijiro Kai, der üblicherweise in kleinen bis sehr kleinen Rollen zu hören ist (und bisher unterschiedlich zu gefallen wusste): Hier offenbarte er als Herzog von Nottingham einen kraftvollen Kavaliersbariton mit schöner, dunkler Timbrierung und tadelloser Kantilene und ist damit schlagartig von der dritten in die zweite Reihe vorgetreten. Eine wohl genützte Chance für ein Ensemblemitglied.

Peter Jelosits, der neue Kammersänger des Hauses, entledigt sich ebenso seiner Ensemblepflicht wie Marcus Pelz, und Evelino Pidò dirigierte zwar nicht so, dass man begeistert aufgehorcht und hingehört hätte, aber mit unzweifelhaften Kapellmeisterqualitäten.

Bleibt die ziemlich öde Inszenierung, die uns aus der Ära Holender (wo die Rumänen am Haus so prässent waren wie es heute die Franzosen sind) geblieben ist. Silviu Purcarete inszenierte in der Ausstattung von Helmut Stürmer. Dieser hat teilweise ziemlich genau historisierende Kostüme geschaffen, während die Handlung vor einer eher öden Wand stattfindet, die erst den Eindruck von Theaterlogen erweckt. Dann öffnen sich diese zu leeren Gängen, wo Elizabeth-Doubles herumwandern (es gibt bis zu zehn davon – allein, was die Kostüme gekostet haben, möchte man in Zeiten des Sparens gar nicht wissen!). Für die Handlung bleibt unten wenig Platz, und das ist dann wenig mehr als Herumgestehe in einem schmalen Bühnenraum (wo der Chor, gesanglich vorzüglich, durch Zylinder und Schirme als Albernheit auffällt). Am Ende gibt es den einzigen szenischen Effekt, wenn zur finalen Arie der Königin sich die ganze Logenwand senkt und in der Tiefe verschwindet (ja, wir verstehen es, ihre Welt geht zugrunde) – und sich der Popanz der Königin riesig im Hintergrund zeigt… Na ja. Es gibt Schlimmeres. Es gibt Besseres.

Das Publikum wusste, dass das ein großer Gruberova-Abend war und deckte sie mit seiner – leicht hysterisch wirkenden, aber zweifellos berechtigten – Begeisterung ein.

Renate Wagner

 

 

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