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WIEN/ Staatsoper: PARSIFAL

18.04.2014 | KRITIKEN, Oper

WIENER STAATSOPER: 17.4.2014: „PARSIFAL“

Eine grandiose Kundry:

Eine grandiose Kundry: Waltraud Meier

Grandios: Waltraud Meier.  Seit 38 Jahren singt sie die Kundry. Es ist nicht die geringste stimmliche Abnützungserscheinung festzustellen. Ob es nur kurze Dialogfloskeln sind  („Hier, nimm du, Balsam““), bedeutungsschwere Entgegnungen („Sind die Tiere hier nicht heilig?“), spontane  Ausrufe („Grausen fasst mich“), Zynisches („Bist du keusch?“), längere Erzählungen („Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust...“) oder die rasenden Aufschreie („Ich sah ihn…und lachte!“ oder „Irre! Irre!“), die gleichsam in der Luft hängen bleiben, als hätte sie zauberisch verderbliche Wirkung – alles singt oder schreit sie klangvoll, sinnerfüllt, fesselnd. Dazu das adäquate Spiel, nur entfernt sich an die Mielitz’schen Regieanweisungen haltend, alles  wie aus dem Augenblick geboren, nie der Ästhetik entbehrend, sehr fraulich und optisch einnehmend, stets von enormer innerer Kraft zeugend, eine Getriebene und dennoch fest in sich Ruhende. Ich weiß keine bessere Kundry.

Ein stimmlich überragender Parsifal: Johan Botha. Tenorglanz mit metallischem Kern in allen Lagen, ohne Brüche, offenbar mühelos Leises ebenso wie heldentenorale Kraftausbrüche gestaltend. Seine jähe Erkenntnis „Amfortas! Die Wunde!“ klingt ebenso überzeugend wie lyrisch Empfundenes „Entblühtest du auch diesem Blumenhaine?“) und an seinem finalen Sieg über alle Anfechtungen („Enthüllet den Gral! Öffnet den Schrein!“) ist nicht zu zweifeln. Auch wenn solch ein tenorales Stimmwunderseine Kunst vor allem stehend oder sitzend zum Einsatz bringt, muss jede Kritik schweigen.

Ein erfreuliches Wiener Rollendebut: Peter Rose mit einem sonor, wortdeutlich und mit viel menschlichem Verständnis gesungenen Gurnemanz. Der vor allem als Ochs hier bekannte Engländer ist im seriösen Bassfach genauso zuhause. Jeglicher Verzicht auf forcierte Kraftentfaltung ermöglicht ihm dann echte Höhepunkte wie im 3. Akt „So ward es uns verhießen…die letzte Last entnimm nun seinem Haupt“, welch Letzteres er mit einem so langen Atem crescendiert, dass es die finale Ankunft in einem neuen Lebensabschnitt suggeriert. Großartig!

Dass man sowohl diesem würdigen Gralsritter wie auch dem König keine vernünftige Perücke gönnt, sondern die beiden Sänger mit senioral ausgedünnten Haaren auf die Bühne schickt, entspricht zwar heutiger Bühnenmode, aber dienlich ist es weder den Künstlern noch den Figuren, die sie zu gestalten haben.

Seine bisher beste Rolle an der Wiener Staatsoper hat Matthias Goerneim Amfortas gefunden. Da strömt sein voller, weicher Bariton durch all die Leidensphrasen, als wäre dies gar kein Problem. Wie ein König sieht er allerdings weder aus noch spielt er ihn so. Die gewohnte  lässige Haltung und der von der Regisseurin vorgesehene ziemlich unmotivierte Wechsel zwischen liegender Position und planlosem Umhergehen ist auch nicht hilfreich. Schade.

Vokal bewältigt Rollendebutant Boaz Daniel den Klingsor ohne weiteres, aber die helle Stimmfarbe passt nicht zum dunklen Charakter und ein Charakterbariton war er ja nie. Wer sich vor diesem gutmütig klingenden Klingsor fürchtet, muss wohl erst geboren werden. Dem unauffälligen Titurel von Andreas Hörl und der pastosen Stimme von oben (Monika Bohinec) standen mit  Stephanie Houtzeel, Hyuna Ko, Sebastian Kohlheppund Peter Jelosits gut anhörbare Knappen und mit Benedikt Kobel und Janusz Monarcha ebensolche Gralsritter gegenüber, aber nicht nur angenehm auffallende Blumenmädchen. Da gab’s zu Beginn der Parsifal-Umgarnung ein paar recht schräge Töne zu hören und insgesamt fehlte die Homogenität dieses Ensembles – allerdings kein Wunder bei ständigem Besetzungswchsel. Kaum eine Sängerin, die im Vorjahr sang, war auch heuer (Regine Hangler, Lydia Rathkolb, Stephanie Houtzeel, Hila Fahima, Caroline Wenborne, Ulrike Helzel) zu hören. Eine Einschulung junger KünstlerInnen ist prinzipiell zu begrüßen, aber – muss das unbedingt an der Wiener Staatsoper sein?

Hätte er sich so schön bewegt, wie er sang – er wäre am Ende absoluter Abendsieger geblieben: der Staatsopernchor unter Meisterinstruktor Thomas Langs großartiger Leitung. Dass die diversen Gruppen, ob auf oder hinter der Bühne, von oben oder von vorne, die Damen, die Herren oder die zartstimmigen Kindlein, optisch nichts zur Rollen- bzw. Szenengestaltung beitragen können, ist nicht ihre Schuld. Doch verdient es die Inszenierung nicht, dass man sich noch mit ihr auseinander setzt. Sie tut sozusagen lustlos ihren Dienst.

Kaum zu glauben, dass auch der Dirigent des Abends, nicht irgendeiner, sondern der Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper, diesen Eindruck erweckte. Franz Welser-Möst stand nach längerer krankheitsbedingter Pause erstmals wieder am Pult. Glasklar das Spiel des philharmonischen Staatsopernorchesters. So transparent, dass man immer wieder an den schönen Einzelheiten der Komposition hängen blieb. Dies ist wörtlich gemeint. Schon im Vorspiel gab es Lücken, schien der Fluss des musikalischen Geschehens still zu stehen. Statt eines aussagekräftigen Neuanfangs etwa nach Generalpausen ging es nur irgendwie – wenn auch immer schön – weiter.  So kann der „Parsifal“ endlos werden. Insbesondere der 1. Akt. Versteht sich, dass der Maestro sich um jeden Einsatz auf der Bühne und im Graben kümmerte, verlässlich die Klangmassen zusammenhielt, richtige Tempi anschlug (die nur manchmal langsamer schienen, als sie waren, weil die Innenspannung fehlte) und sich um übergreifende Klangbögen bemühte. Man wartete jedoch vergebens, dass endlich einmal etwas „passiert“, dass die Musik „aufgeht“, einen ergreift, aufrüttelt, mitreißt, erschüttert. Nichts dergleichen.  Die Seele der Wagnerschen Partitur blieb verschlüsselt.  Dass der 2. Akt mit seinem ereignisreicheren Bühnengeschehen sich quasi von selber „interpretiert“,  mag man als Glück für die Interpreten ansehen. Nicht von allein gestaltet sich der 3. Aufzug, obwohl gerade der wunderbare Übergang der menschlichen Seelenlandschaft parallel  zur äußeren, sich vom kahlen Winter zum grünenden Frühling wandelnden „entsündigten“ Natur, die sich schließlich im Karfreitagszauber offenbart, den eigentlichen ethischen Höhepunkt des Musikdramas darstellt. Doch auch dieser wurde verschenkt. Es wurde halt einfach weiterdirigiert und weitergespielt, ohne dass man von so viel „Naturschönheit“ überwältigt wurde. Der Durchbruch zur inneren Einkehr fand nicht statt. Unser Prachtorchester, von seinem Leiter zu wenig motiviert bzw. animiert,  hat einen langen Repertoireabend respektabel absolviert.

Als – regiegemäß – das Licht auf der Bühne und im Graben mit den letzten Takten erlosch und der Dirigent extra lang die erwünschte feierliche Stille  anzeigte, wurden die Zuschauer unruhig und einige wenige begannen schüchtern zu klatschen, hörten aber wieder auf. Erst als dann die Lichter im Saal aufgedreht wurden, begann das normale Applauszeremoniell mit vielen Bravi für die Sänger und widerspruchslosem Applaus für den Dirigenten.

Ich war ein wirklicher Fan von Franz Welser-Möst in seinen jungen Jahren, als er noch Blaskapellen in Oberösterreich dirigierte, im Brucknerhaus tolle Konzerte machte, in Zürich quer durchs Repertoire großartige Opernaufführungen zuwege brachte, und habe gejubelt, als er zum GMD der Staatsoper nominiert wurde. Das Jubeln fällt mir immer schwerer. Und eigentlich wissen wir Stammbesucher alle nicht, was eigentlich mit ihm oder in ihm passiert ist, dass er zwar nach wie vor sein „Handwerk“ souverän beherrscht, uns aber nur noch selten wirklich beglückt.

Sieglinde Pfabigan

 

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