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WIEN / Staatsoper: OREST

31.03.2019 | KRITIKEN, Oper

 
Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
OREST
MUSIKTHEATER IN SECHS SZENEN
MUSIK UND TEXT: MANFRED TROJAHN
Premiere: 31. März 2019

Von seiner inhaltlichen Voraussetzung her könnte man den „Orest“ von Manfred Trojahn mit seinen 80 Minuten Spieldauer als zweiten Teil eines Abends geben, der mit der Strauss / Hofmannsthal „Elektra“ beginnt. Denn dort, wo diese endet, setzt Trojahn ein: Orest hat seine Mutter getötet, wird von seinem Gewissen gejagt – und hat in seiner Schwester Elektra einen bösen Geist im Nacken, der mehr und mehr Blut will.

Homer und Euripides haben die Fluch beladenen Atriden in die Welt geschickt, und sie sind in zahllosen Variationen in der Literatur, der Malerei und auch in der Musik erschienen.

Manfred Trojahn hat sich für seinen „Orest“ auch als Librettist betätigt, und das ist jene Ebene seines Werks, auf der er am wenigstens überzeugt. Dass er die Götter (Apollo und auch noch Dionysos) ins Geschehen einbringt, ist nicht unbedingt unsere Sicht der Dinge. Dass dann die Handlung von Orest und Elektra zu einem anderen Teil der Familie driftet, bringt Orest dazu, seine Tante Helena (bekannt als die „schöne Helena“) mit der Axt zu erschlagen. Das macht nicht wirklich Sinn – und steht auch absolut nirgends in der Mythologie.

Nun, das mit der anderen Hälfte der Familie stimmt natürlich. Wenn man in Erinnerung rufen darf: Die Brüder Agamemnon und Menelaos heirateten die Schwestern Klytämnestra und Helena. Letztere gilt durch ihre Bereitwilligkeit, unter Zurücklassung ihres Ehemanns dem Prinzen Paris nach Troja zu folgen, als Auslöserin des mörderischen Trojanischen Kriegs. (Dass Agamemnon für guten Wind zum Kriegszug gegen Troja seine Tochter Iphigenie opferte, nahm Klytämnestra als Vorwand, ihn mit Hilfe ihres Geliebten Äghist zu ermorden.) Elektras tobende Begierde nach Rache hat Strauss komponiert. Bei Trojahn sind nun die Seelenqualen des Orest vordringlich, weitere Handlungsschwerpunkte gelten seiner Auseinandersetzung mit Apollo, der ihm den Mord an der Mutter befohlen hat, und dem zweiten Mord (von Elektra aufgehetzt), dem an Helena.

Schließlich führt seine Weigerung, auch die unschuldsvolle Cousine Hermione umzubringen (was Elektra dringend fordert), zum finalen Widerstand gegen die Götter. Und da gibt es noch einiges Abstruse – warum sich Apollo in Dionysos verwandelt und Helena in den Olymp holt (dafür können die beiden in die Lüfte verschwinden, szenischer Effekt mit hängendem Gold-Gewand), bleibt ebenso unklar wie der Schluß, wo erstens auf Elektra total vergessen wird (!) und der Abmarsch von Orest und Hermione in ein Happyend (?) jeglicher Logik entbehrt. Moral von der Geschichte: Wir widersetzen uns den bösen Göttern? Warum auf diese ausweichen, wenn die Verantwortung doch bei den Menschen liegt? Trojahn hätte sich einen Librettisten leisten sollen, der das Geschehen genau durchdenkt.

Der Orchesterpart der „Orest“-Musik ist des Abends stärkstes Stück, wobei ein grauenvoller Schrei (Klytämnestra stirbt nicht leicht, das ist klar) am Beginn steht und dann der Name „Orest“ flüsternd und quälend von allen Seiten erklingt. Was der Komponist in der Folge zwischen flirrender Tonalität und extremen Geräuschen mischt, wie er Schlagzeug toben lässt, wie er Klangfarben zaubert, die Elektronik sprechen lässt, das erzeugt eine zwar fast durchwegs negative, aber immer beklemmend starke Stimmung. Fast eine Musik zum Süchtigwerden – wenn der Komponist nicht sein gerütteltes Maß dazu beitrüge, den Hörer auch unglücklich zu machen.

Denn wie er die menschlichen Stimmen behandelt, zumal die weiblichen, wie er sie in unwirtliche Höhen jagt, ihnen stellenweise Kreischen auferlegt, keinerlei „Schönheit“ des Gesangs erlaubt, damit muss man sich als Opernbesucher abfinden. Aber mögen muss man es wirklich nicht. Man kann die Meinung vertreten, dass etwas mehr Singbarkeit die Wirkung des Werks noch um einiges verstärken würde…

Man hat den „Orest“ in Wien schon gesehen – im Oktober 2014 brachte die Neue Oper Wien das Werk im MuseumsQuartier heraus, in einer Inszenierung, die Orest im Sandler-Outfit auf einer Bank zeigte, ein Bahnhofswartesaal als Ambiente für seine Tragödie, in einer Welt mit Reisenden und Koffern. Da hat es Orest in der Staatsoper schon viel eleganter getroffen, wenn sich Regisseur Marco Arturo Marelli als sein eigener Ausstatter diesmal auch sehr zurückhält und wenn Orest und Elektra in den schäbigen Gewändern der Outcasts herumlaufen (Kostüme: Falk Bauer). Helena ganz in Gold, Hermione in mädchenhaftem Himmelblau, Menelaos in Uniform und Apollo/Dionysos in kitschigen Phantasiegewändern, das bietet – neben Nebel hier, choreographischen Tanzszenen da – schon einiges an Optik. Und lässt auch Archaik spüren.

Und eine große Besetzung ist natürlich auch kein leerer Wahn, wobei Thomas Johannes Mayer wenig mehr zu spielen bekommt, als sich in den Seelenqualen des Orest zu wälzen (wenn er nicht gerade Helena wirklich brutal mit einer Hacke erschlägt) – dafür darf er mit seinem kraftvollen Bariton doch so einigermaßen im Rahmen dessen bleiben, was man einer Stimme auch in der modernen Oper normalerweise zumutet.

Den Damen ist das nicht vergönnt, aber dafür hat man auch wahre Spezialistinnen geholt. Elektra ist die berühmte Elektra unserer Tage, Evelyn Herlitzius, und sie tobt ihren Haß auch mit Trojahns übersteigerter Stimmführung aus und ist als Darstellerin immer so faszinierend, dass man den Blick kaum von ihr wenden kann.

Etwa auf derselben Ebene gibt Laura Aikin, deren Eignung für die Moderne bekannt ist, die „vergoldete“, nicht mehr ganz junge, heimgekehrte „schöne Helena“ von einst, der es zuhause, zwischen den kalten Wänden der Burg, nicht so recht gefällt. Das drückt sie in allerhöchsten Tönen aus – und darf dann auch gegen Himmel fahren.

 

Den Höhepunkt im doppelten Wortsinn stellt die Rolle der lieben, zarten Hermione dar: Die muss so hoch hinauf, dass man einfach Audrey Luna über den Atlantik holen musste, die wir als Ariel im „Sturm“ von Adès kennen und von der es in New York heißt, sie habe (in „The Exterminating Angel“) die höchsten Töne gesungen, die je auf der Bühne der Met erklangen… Hoch genug muss sie auch in Wien hinauf. Und da die drei Damen außerordentliche Persönlichkeiten sind, geben sie dem Geschehen alle erdenkliche Farbe.

Dazu kommt noch Daniel Johansson als Apollo/Dionysos (die Götter werden vom Regisseur ein wenig verhöhnt) und Thomas Ebenstein (auf „alt“ geschminkt) als Feigling Menelaos – zwei Charaktertenöre, die auch so klangen und stimmlich und darstellerisch aufs Gas traten.

König des Abends war aber wohl Dirigent Michael Boder, denn man kann sich gut vorstellen, welche Arbeit es bedeutet, den so „alternativen“ Klangzauber von Manfred Trojahn so überzeugend zu entfesseln.

Es war ein großer Erfolg. Jetzt muss nur noch das Publikum hineingehen (das die Premiere nicht füllte, am Stehplatz herrschte spürbares Desinteresse). Vielleicht hilft die Versicherung: Es sind nur 80 Minuten!

Renate Wagner

 

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