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WIEN/ Staatsoper: MANON. Wiener Staatsballett – in Balance zwischen Psychodrama und Kostümschinken

09.01.2013 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

WIENER STAATSOPER 8.1.: „MANON“ –Staatsballett.  In Balance zwischen Psychodrama und Kostümschinken

Zwei Jahrzehnte hält sich nun bereits diese getanzte Version von Abbé Prévosts „Geschichte des Chevaliers Des Grieux und der Manon Lescaut“ im Repertoire des Wiener Staatsballetts. Choreograph Kenneth MacMillan, damals Direktor des Londoner Royal Ballet, hat dieses den Opernfreunden durch Werke von Giacomo Puccini und Jules Massenet bekannte Sujet aufgegriffen und 1974 mit seinem Ensemble als Handlungsballett erarbeitet. Als ein Mischung aus Kostümschinken und höchst diffizilem Psychodrama. Getanzt wird zu Exzerpten aus den verschiedensten Werken von Massenet, und MacMillans „Manon“ findet sich nach wie vor des öfteren auf dem Spielplan arrivierter Ballettkompanien.

Es ist ein anspruchsvolles Stück, das auch jetzt bei der Wiederaufnahme nach ein paar Jahren sein Publikum anzusprechen vermag. Anspruchsvoll vor allem für die Tänzer. Die Wiederaufnahme mag als gute Einspielvorstellung für die neue Aufführungsserie anzusehen sein. Dirigent Ermanno Florio musste auch – wohl nicht wirklich verdiente – Buhs ertragen (an Ballettabenden sonst zum Glück: nie zu hören!). Aber die musikalische Wiedergabe hat vorläufig noch etwas zu plump, polternd, zu unsensibel gewirkt. Und das Corps de ballet konzentrierte sich in erster Linie auf die technische Ausführung. Gewisse choreographisch schwächere Momente finden sich aber doch in den Ensembleszenen mit deren Kostümfest–Schick (Peter Farmer entwarf die durchaus atmosphärische Ausstattung) – in der Herberge, im Stundenhotel der Madame oder beim Elendsgestalten-Reigen der deportierten Frauen im Hafen von Neu-Orléans.

Kenneth MacMillans große Stärken waren jedoch in allen seinen Kreationen (auch in der Staatsoper zu sehen: „Mayerling“, „Das Lied von der Erde“) die Auslotung zwischenmenschlicher Beziehungen. Grandiose Szenen sind ihm in „Manon“ in Kampf um sexuelle Dominanz und in der Feinzeichnung psychischer Faktoren geglückt. Die Solisten vermochten diesen übersteigerten MacMillan´schen Spannungsfeldern immer wieder nahe kommen. In der Rolle des Des Grieux hat Friedemann Vogel als Gast vom Stuttgarter Ballett mit Eleganz, Leichtigkeit, Sprungkraft, jugendlicher Ausstrahlung ein ausgefeiltes artistisches Bewegungsspiel zelebriert. Maria Yakovleva tritt in der Titelrolle als zartes, zerbrechliches Mädchen auf, welches den Reichtum-Verlockungen hilflos ausgesetzt ist und deren junges Leben auf leidvollste Art endet. Kirill Kourlaev demonstriert als Lescaut tänzerische Bravour und einen zwiespältigen Charakter. Tadellos im Aufgebot: Kamil Pavelka als der herrschsüchtig-statuarisch gezeichnete reiche Monsieur G. M., Dagmar Kronberger (Madame), Ketevan Papava (Lescauts Geliebte), Gabor Oberegger (Aufseher), Davide Dato (Bettlerkönig). Im Balanceakt zwischen Psychodrama und Kostümschinken prägt sich so manch seelische Extremsituation mit aller Eindringlichkeit ein.

Meinhard Rüdenauer

 

 

 

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