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WIEN / Staatsoper: MANON

02.06.2019 | KRITIKEN, Oper


Fotos: Wiener Staatsoper, Pöhn

WIEN / Staatsoper:
MANON von Jules Massenet
1.Juni 2019  
46.Aufführung in dieser Inszenierung

Kürzlich hat uns Juan Diego Flórez zu seinem 20jährigen Staatsopern-Jubiläum hören lassen, wie makellos gut er immer noch Rossini singen kann. Aber ein Fachwechsel ist unvermeidlich, und Florez hat ihn schon vollzogen – mit etwas Verdi, mit dramatischerem Donizetti, demnächst singt er in Zürich seinen ersten Rodolfo (und damit ist dann Puccini langsam an der Reihe). Länger schon ist er im französischen Fach unterwegs – wir haben ihn an der Staatsoper als Gounods „Romeo“ gehört, er sang Massenets „Werther“ (die Züricher Aufführung gibt es als DVD), war in Monte Carlo Offenbachs „Hoffmann“ (man konnte die Aufführung eine zeitlang auf YouTube sehen) – und nachdem er in einem Konzert in Paris (wie jetzt in Wien mit Frédéric Chaslin am Pult und Nino Machaidze als Partnerin) des Des Grieux probiert hat, kam Wien nun zum Recht der ersten Nacht: Der Des Grieux von Florez erstmals szenisch auf der Bühne.

„Manon“ von Massenet, an der Staatsoper in einer recht wackligen, unsteten Inszenierung zu sehen, die einst der Netrebko auf den Leib geschneidert war, ist gut zu dem Tenor: Er hat zwei weltberühmte Arien („En fermant les yeux“, „Ah! fuyez, douce image“), die immer auch als Solonummern bei Konzerten gesungen werden, dazu wunderschöne Duette, dramatische Ausbrüche – kurz, das ist nicht so einfach.

Da kommt man mit einem schlanken, beweglichen Rossini-Tenor nicht weiter, da muss man schon voll das Gaspedal durchdrücken, um die ganze Kraft zu mobilisieren, da muss man die Technik extrem fordern, um Piani, Legato und Fortissimo-Dramatik zu verbinden, und richtig schön schmelzen (schmalzen) sollte man auch, was Florez vergleichsweise am wenigsten gelingt – aber je breiter die Stimme werden wird, umso fester sitzt er später auch hier im Sattel. Und im übrigen kann er ja nicht scheitern, denn er besitzt, was einen Tenor ausmacht – die todsichere Höhe. Egal, wie wunderbar einer singt, wenn er die hohen Töne nicht hat, wird er kein Spitzentenor sein. Und Florez ist hier felsenfest unschlagbar, und alles zusammen gibt es ein weitgehend überzeugendes Ergebnis.

Freilich, so richtig spielen kann man die Rolle nicht – das ist Kindertheater, Liebe auf den ersten Blick am Bahnhof, keine zehn Minuten später, nach ein bisschen Geschmachte, rennen sie in ein gemeinsames Leben. Idylle – und schon Katastrophe. Dann sieht er im Priestergewand so gut aus, dass man versteht, dass die Nonnen bei seinem Anblick zappeln – und wie lange dauert es, bis Manon ihn zurückholt? Wieder die geschätzten zehn Minuten. Die Szene im Spielclub ist überhaupt dramaturgisch verhatscht, nur das Ende, der unvermeidliche Tod, natürlich wunderschön – ihr Verhauchen und seine Verzweiflung… ja. Da kann man sich die Seele aus dem Leib spielen. Florez versucht es zumindest. Wie gesagt, es war der erste Des Grieux auf der Bühne. Nina Stemme hat im Interview gesagt, dass man bei einer neuen Rolle mindestens ein Dutzend Vorstellungen braucht, um sich halbwegs wohl darin zu fühlen… und das gilt vermutlich auch für alle ihrer Kollegen.

An seiner Seite Nino Machaidze als Manon. Man erinnert sich gut, als sie 2008 bei den Salzburger Festspielen in „Roméo et Juliette“ an der Seite von Rolando Villazón für die Netrebko eingesprungen ist und jeder in ihr schon die neue Anna und den künftigen Star sah. Das ist es komischerweise überhaupt nicht geworden. An der Wiener Staatsoper  hat sie überhaupt nur vor fünf Jahren dreimal die Anina gesungen, öfter bekam man sie nicht zu Gesicht. Nun tritt sie, ungeachtet der vielen Damen, die seither die Manon gesungen haben, wieder in die Fußstapfen der in dieser Rolle unvergessenen und unvergesslichen Netrebko (ein ungerechter Vergleich, denn diese wäre heute auch nicht mehr so ganz das schlanke und schlankstimmige Traumgeschöpf von 2007, damals bei der Premiere, wo sich die Herren nicht sattsehen konnten, als sie in schwarzer Unterwäsche herumstakste…). Nino Machaidze besitzt für die Manon eine sehr reife Stimme (könnte etwas von ihrer Üppigkeit an Florez abgeben), kann sie aber technisch bändigen, hat meist tadellose Höhen und auch eine bemerkenswerte Piano-Kultur. Allerdings sang sie die Arie an das Tischlein dermaßen affektiert in fadendünnem Pianissimo, dass Wirkung und Applaus auch dürftig blieben. Darstellerisch von Anfang an nicht Unschuld vom Lande, sondern aufdringlich kokett und schon halb kriminell auf der Suche nach Geld und schönem Leben, kann sie trotzdem immer wieder die Liebe zu Des Grieux glaubhaft machen, was noch schlimmer macht, wie sie ihn in den Abgrund reißt. Die sterbende Reue allerdings – das war schon sehr überzeugend.

Adrian Eröd, trittsicher mit einem schönen Bariton, der sich in höheren Lagen besser zu fühlen scheint als in tieferen, spielt den unsympathischen Lescaut stark, lässt nur im allerletzten Bild etwas wie Einsicht und Reue zu erkennen. Clemens Unterreiner schwadroniert den rücksichtslos reichen Brétigny, und Michael Laurenz gelingt als dem unsicheren Guillot de Morfontaine fast eine Charakterstudie. Ähnlich überzeugende Figur macht Dan Paul Dumitrescu als Vater Graf Des Grieux. Drei Nüttchen von voller Überzeugungskraft (was auch ihre Attraktivität einschließt): Ileana Tonca, Svetlina Stoyanova, Zoryana Kushpler.

Nicht so ganz glücklich wurde man diesmal mit Frédéric Chaslin am Pult, der Abend polterte von Anfang an ziemlich grobschlächtig los, und dabei blieb es auch. Ein bisschen mehr schwelgerisches Sentiment hätte Massenet gut getan – aber vielleicht erachtet gerade ein französischer Dirigent das als Klischee und will es folglich nicht bedienen. Mit solchen Feinheiten hielt sich das Publikum nicht auf: Es war wegen Florez gekommen und feierte ihn, vergaß aber gerechterweise auch nicht auf seine Kollegen.

Renate Wagner

 

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