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WIEN / Staatsoper: MADAMA BUTTERFLY

09.09.2016 | KRITIKEN, Oper

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Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
MADAMA BUTTERFLY von Giacomo Puccini
375.
Aufführung in dieser Inszenierung
8.September 2016

Vor der Vorstellung der „Butterfly“ trat Direktor Dominique Meyer vor den Vorhang und sprach über Johan Botha, der am Morgen dieses Tages gestorben war. Über diesen so besonderen, auf seine Art unvergleichlichen Heldentenor, der Wien so verbunden gewesen war. Seine schwere Krankheit hat er mit Entschlossenheit bekämpft. Als er Direktor Meyer im Juni besuchte, meinte er, sie endgültig besiegt zu haben. „Ich hätte nie gedacht, dass ich ihn nicht wieder sehen würde“, sagte der Direktor. „Er hat sich so gefreut, mit dem Calaf die neue Saison zu eröffnen.“
Dazu ist es nicht gekommen, auch nicht zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des Hauses, zum Tragen des Ehrenringes: „Wir werden ihn der Witwe und den Söhnen überreichen“, sagte Dominique Meyer. „Johan Botha wird immer ein  Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper sein.“
Er bat um eine Gedenkminute für den Künstler, das Publikum erhob sich: Mögen alle in diesem Augenblick an die unvergesslichen Eindrücke gedacht haben, die uns Johan Botha in den letzten zwei Jahrzehnten in diesem Haus geschenkt hat.

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Eine ausverkaufte Vorstellung der „Madama Butterfly“ (die nächstes Jahr stolze 60 [!!!] Jahre alt wird, die Gielen-Inszenierung, die einst am 19. September 1957 mit Sena Jurinac und Giuseppe Zampieri Premiere hatte…) zeigte wohl die Neugierde des Wiener Publikums auf Weltstar Kristine Opolais, die überall triumphiert, nur an der Staatsoper – bisher bloß zweimal als Mimi – kaum angestreift ist. Keine Frage, dass sie viele Erwartungen erfüllte, denn sie ist ein „Gesamtpaket“, wie es wenige Sängerinnen so perfekt zu bieten haben. Zuerst eine Schönheit, schlank, elegant, souverän. Ein klarer Sopran, technisch ausgezeichnet geführt, mit bestrickenden Piani und für das Publikum schmerzlosen Spitzentönen. Und vor allem eine Gestalterin, die alles aus einer Rolle herausholt – kurz, einem als Butterfly das Herz zerreißt.

Dabei setzt sie keine Minute auf die „Japanoiserie“, mit der so viele Kolleginnen nerven, weil sie meinen, es der Rolle schuldig zu sein. Bei der Cio-cio-san der Kristine Opolais gibt es kein Getrippel  und Getrappel, Gezirpe und Getue, das ist kein Japan-Girl aus der Operette, sondern im ersten Akt eine verwirrte, verliebte junge Frau, im zweiten Akt eine von allen Zweifeln gepeinigte Verlassene und im dritten… der Weltuntergang, wenn sie begreift, dass es keine Zukunft für sie gibt, das Opfer für den Sohn, das Sterben um der Ehre willen – das macht ihr nicht so schnell jemand nach, gerade weil sie nie pathetisch hochkocht (was ja in dieser Rolle so billig zu haben wäre). Die Echtheit kommt aus der Emotion, nicht aus der Theatergeste.

Dabei lief es am Ende bühnentechnisch nicht unproblematisch ab, als man ihr das Kind viel zu früh zum geplanten Harakiri schickte – der „piccolo iddio“ steht da und sieht ihr die längste Zeit bei den Vorbereitungen zu. Kristine Opolais, der vermutlich das Herz stehen blieb, gab vor, ihn nicht zu bemerken und schloß ihn dann erst zum vorgesehenen Moment in die Arme… ein Künstler muss sich zu helfen wissen.

Dass sie, wie es die Gielen-Inszenierung so elegant vorschreibt, gänzlich hinter dem Paravant sterben – der herabfallende Seidenschal zeugt davon –  und dann nur diskret ein wenig als Tote sichtbar werden soll, war Kristine Opolais allerdings zu wenig: Sie blieb bei ihrem Selbstmord sichtbar und ihr Sterben in Schmerzen war ein Schlusseffekt, der wieder einmal zeigte, dass die Butterfly wohl der nachhaltigste „Tear Jerker“ (= Tränendrüsen in Gang Setzer) der Opernbühne ist.

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Auch Piero Pretti, den man in Wien als sehr überzeugenden Herzog (und einigermaßen überzeugenden Alfred) sowie als Rodolfo gesehen hat, gab ein interessantes Rollendebut als Pinkerton. Weder der böse amerikanische Ausbeuter der exotischen Frau noch der hell verliebte junge Mann (den Roberto Alagna in der Met-Aufführung so hinreißend gespielt hat, mit echten Tränen der Rührung am Ende), sondern ein sehr glaubhaftes Mittelding. Ein erwachsener Mann, der sich in Asien eine kindliche Nebenfrau kauft und aushält, sie gerne hat, ihr selbstverständlich den Rücken kehrt und am Ende – das ehrt ihn – spürbar gebeutelt wird, wenn er merkt, dass er ein Leben zerstört hat. Pretti, angenehm höhensicher, musste gegen ein starkes Orchestern viel Kraft bieten, schmolz und schmalzte, wie es ein Puccini-Tenor tun sollte, allerdings in den entscheidenden Momenten, beim Duett mit Butterfly im ersten Akt und beim ariosen Abschied vom Blütenreich im dritten.

Ihr Staatsoperndebut gab das neue Ensemblemitglied Bongiwe Nakani als Suzuki. Eine schwarze Südafrikanerin, optisch klein und rundlich, die einen echten, schönen, warmen Mezzo hören ließ, der sich in der Tiefe wohler fühlte als in der Höhe.

Boaz Daniel legt sich für seinen Bariton spürbar einen Metallkern zu und gab einen Sharpless, der nicht cool-distanziert, sondern voll Mitgefühl war – sehr sympathisch.

Einige der Nebenrollendarsteller und der Chor werden vielleicht noch etwas besser und präziser, wenn sich die Aufführungsserie einspielt.

Philippe Auguin allerdings war mit den Wiener Philharmonikern (jetzt merkt man den Frauenanteil schon, man muss die Damen nicht mehr mit der Lupe suchen) voll bei der Sache, im Eifer des Gefechts auch manchmal eine Spur zu laut, aber das war glühender, glänzender Verismo mit starker Emotionalität und dem aufgefächerten Puccini’schen Farbenreichtum.

Alle bekamen ihren Anteil am – seltsamerweise nicht übertrieben langen – Schlussapplaus, vor allem natürlich die wunderschöne, herzergreifende Titelrollensängerin.

Renate Wagner

 

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