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WIEN / Staatsoper: MADAMA BUTTERFLY

17.10.2019 | KRITIKEN, Oper


Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
MADAMA BUTTERFLY von Giacomo Puccini
390.
Aufführung in dieser Inszenierung  
16.
Oktober 2019  

Vor der zweiten und letzten Vorstellung dieser kurzen „Madama Butterfly“-Serie der Staatsoper trat Andreas Lang vor den Vorhang und entschuldigte Titelrollenträgerin Kristīne Opolais, die von einer herannahenden Verkühlung beeinträchtigt sei. Das hat offenbar gänzlich den Druck von ihr genommen und den Weg zu einer hervorragenden Butterfly geebnet, wenn man auch eingesteht, dass die Stimme bereits Verschleißerscheinungen aufweist, manchmal in der Mittellage bröckelt, nicht jede Höhe gleich rein erwischt (und das im Alter von knapp 40 Jahren – aber das Puccini-Fach, das sie neben der Rusalka so gut wie ausschließlich singt, ist ja nun auch ein Hammer für die Stimme). Dennoch „hat“ sie die zahllosen enormen Ausbrüche, die ihr die Rolle abverlangt, mit mitreißender Kraft, und vieles gelingt auch schön.
Vor allem aber ist die Butterfly „ihre“ Rolle, die sie mit sagenhaftem Aplomb verkörpert, die großen, demonstrativen Gesten des japanischen Theaters nicht scheuend, sondern wohl auch bewusst zitierend. Das ist keine zerbrechliche 15jährige, sondern eine starke Frau, die sich diese Liebe zu Pinkerton als Schicksal erwählt hat und mit Entschlossenheit darum kämpft. Auch ihr Tod ist keine Resignation, sondern die Entscheidung, ihrem Sohn ein Schicksal in Amerika zu schenken und nicht als emotionale Altlast zurück zu bleiben – das ist so kraftvoll, so großartig, so überzeugend, dass das Publikum in Begeisterung ausbrach. Zu Recht.

Ivan Magrì erstaunte den Zuhörer zu Beginn, und das nicht positiv, als er stimmlich mit dem kraftvollen Goro des Herwig Pecoraro kaum mithalten konnte, und Kraft war den ganzen Abend lang nicht seine Stärke. Auch wenn der Pinkerton, der wirklich eine benachteiligte Rolle ist, im dritten Akt endlich zu seiner Arie kommt, prunkte Magri nicht. Aber was er spielte, war bemerkenswert: Während sich manche Sänger bemühen (Alagna ist das schön gelungen), aus diesem Amerikaner keinen Widerling, sondern zumindest einen ungestümen, fast naiven jungen Mann zu machen, der sich in dieses japanische Mädchen echt verliebt hat, spielt der Sizilianer Magri wirklich den überheblichen Schnösel, der sich da eine Frau, nein, eine Puppe gekauft hat, die ganzen Rituale um die scheinbare Hochzeit mit kaum verhohlenem Lachen und Kopfschütteln mitmacht und wahrlich ein zynischer „Täter“ ist, dem man dann auch im dritten Akt die scheinbare Reue nicht glaubt. Mit Percoraro als dem Kuppler, der hier regelrecht als Frauenhändler auftritt, bekommt die uralte Gielen-Inszenierung (sie stammt aus dem Jahre 1957 und steuert ihre 400. Vorstellung an, die ihr die nächste Direktion hoffentlich noch gönnen wird) regelrechte soziale Schärfe und macht den Missbrauch völlig klar.

Hier kommt dann auch Paolo Rumetz sehr stark ins Spiel. Der Sharpless gilt als undankbare Rolle und ist es auch, wenn der Nebenrollen-Bariton (der zugegeben nicht viel zu singen und keine Arie hat, weshalb kein Star sich dafür hergibt und immer nur die braven Ensemblemitglieder hier eingeserzt werden) einfach nur gelangweilt herumsteht. Aber dieser amerikanische Konsul hat in allen drei Akten eine genaue dramaturgische Funktion, und Rumetz spielt alles. Unter der Fassade des sehr eleganten Herren kann er im 1. Akt den Abscheu über Pinktertons Leichtfertigkeit kaum verbergen und geht mit aller Höflichkeit mit Cio-cio-san um. Im 2. Akt muss er ihr klar machen, dass der Geliebte nicht wiederkommt, und man spürt, wie sehr ihn ihr Schicksal schmerzt, wie sehr er sich auch dafür schämt, was hier geschehen ist – gerade, weil er nichts daran ändern kann. Und im 3. Akt muss wieder er dastehen und die Unheilsmeldung bringen, weil Pinkterton sich vor jeder Auseinandersetzung mit der Frau, die er benützt und weggeworfen hat, drückt… Man muss Rumetz nur zusehen, wie ihn dieses Butterfly-Schicksal, zu dem er mehr als nur Beobachter, nämlich ein Mitfühlender ist, unter die Haut geht. So elegant er auch Haltung bewahren muss.

Im Grunde hat „Madama Butterfly“ außer der Titelheldin überhaupt keine dankbare Rolle, denn auch die Dienerin Suzuki ist keine solche. Zwei Akte lang darf sie ihren Mezzo überhaupt nur zwecks zusätzlicher Klangschönheit unter den Sopran der Butterfly legen. Zu Beginn des dritten Akts rückt sie ganz kurz mit ihrem Leid am Schicksal der Herrin in den Vordergrund, aber eine wahre Aufgabe ist das nicht. Monika Bohinec mag sich trösten, dass die Staatsoper auch andere, bessere Rollen für sie hat.

Lassen wir die Nebenrollen beiseite und wenden wir uns Jonathan Darlington zu, der im vollsten Wortsinn „hörbar“ ein großer Gewinn des Abends war. Da kam vieles zusammen – die Genauigkeit, mit der er Puccinis sprudelnde, in den einzelnen Instrumenten immer wieder brillant blitzende Orchestersprache realisieren ließ; die Elastizität der Sängerbegleitung; das starke Gefühl für die „seelischen“ Stimmungswerte der Musik; und wenn er auch nie den so oft gehörten Puccini-Brei erzeugt, so wogt er doch geradezu schwungvoll in den dramatischen Orchesterfluten, die dann im Gegensatz zur ziselierten Feinarbeit stehen. Da war Jubel angebracht, der Dirigent bekam ihn, die Hauptdarstellerin auch, und alle anderen mit dazu.

Renate Wagner

 

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