
WIEN / Staatsoper:
LES PÊCHEURS DE PERLES von Georges Bizet
Eine Koproduktion mit dem Teatr Wielki – Opera Narodowa. Warschau
Premiere: 14. Mai 2026
Wirtschaftspolitische Überlegungen?
Aufgepasst: Wir befinden uns in „einer Gegenwart, die von der Logik der Mode geprägt ist“. Die globale Produktionskette führt von Gewinnung des Rohstoffs, Verarbeitung und Veredelung in der Dritten Welt bis in unsere Luxustempel. Arbeit und Wertschöpfung sollen allerdings unsichtbar gemacht werden. So ungefähr liest man es auf der Website der Wiener Staatsoper.
Dergleichen kann man gut und gern als wirtschaftspolitische Überlegungen bezeichnen. Will ich solche anstellen, greife ich allerdings zum Wirtschafsteil einer (guten) Zeitung oder einem Fachmagazin. In die Oper gehe ich dafür nicht. Dennoch bietet die Wiener Staatsoper (angeblich) genau solche, wie üblich geschwurbelte Worthülsen an, wenn sie nun „Les Pecheurs de perles“ in ihrer nicht enden wollenden Reihe „Mißglückte Inszenierungen“ ins Programm nimmt.
Diese selten gespielte, wenngleich musikalisch so schöne Oper von Georges Bizet scheitert heute daran, dass wir nicht – wie das Publikum der Uraufführung 1863 – vom Exotismus fasziniert sind, sondern im Zusammenhang mit der Kolonial-Debatte diesen sogar als peinlich und untergriffig empfinden. Die Naivität von einst, wo es nur um Schönheit, fremde Welten und romantische Gefühle von Liebe von Freundschaft gehen durfte, ist uns längst abhanden gekommen.
Also denkt sich ein Regisseur wie Ersan Mondtag, der auch gleich noch die gesamte Ausstattung mitliefert, einen modernen Über-Text (Subtext ist es ja nicht, der läge diskret darunter) aus, der politisch, anklagend, kritisch und weiß der Teufel was noch ist. Tatsächlich liefert er aber nichts anderes als im ersten Akt, der nach wie vor in Ceylon spielt, einen wahren Fetzen-Karneval, wo nicht mehr nach Perlen gefischt, sondern Stoff gefärbt wird. Dass zwei Männer sich hier ihrer unzerstörbaren Freundschaft versichern, auch wenn sie einmal in dieselbe Frau verliebt waren, geht ja noch. Was eine Tempelpriesterin des Brahma hier zu schaffen hat? Auch wenn der „Tempel“ offenbar einer riesigen nackten Schneiderpuppe gehört, die dann angekleidet wird…
Der Clou, der die ersten Buh-Rufe hervorrief, war der Wechsel des Schauplatzes, den man dem Publikum nach der Pause bescherte: Da ist man nämlich in einer „Shopping Mall“ (mit dem sinnigen Namen „Carmen“ und der Stimme des Staatsoperndirektors, der verkündet, den Anweisungen des Personals sei Folge zu leisten), die von zwei riesigen Rolltreppen beherrscht wird und im übrigens kahl und schäbig wirkt. Keine Frage, dass nichts, absolut nichts, was hier vom Text her gesungen wird, stimmt, ebenso wenig die Handlung hier auch nur den geringsten Sinn macht. (Wenn am Ende das Dorf brennen soll, damit das Liebespaar entkommen kann, wird ein riesiger Bildschirm herab gelassen, um das Feuer zu zeigen…)
Logisch, dass all die aufgeworfenen Fragen über Produktion hier, Mode da in keiner Weise behandelt werden, und die einzige Überlegung wirtschaftspolitischer Art, die man hier anstellen kann, bezieht sich auf die Berechtigung, für dergleichen Steuergeld zu verschwenden.
Nun haben die „Perlenfischer“ schwelgerisch herrliche Melodien, eines der schönsten Tenor / Bariton-Duette, die es gibt (das weit öfter zu hören ist als die ganze Oper), und die (in der Tessitura enorm hohe, technisch teuflisch schwere) Arie des Nadir („Je crois entendre encore“) ist ein von Tenören gern dargebotenes Glanzstück, ganz zu schweigen von prachtvollen Chorpassagen. Kann man sich nicht damit zufrieden geben? Nicht unbedingt, weil dann stelle ich meine eigenen wirtschaftspolitischen Überlegungen an und schiebe die DVD mit der Met-Aufführung und der unvergleichlichen Diana Damrau ein…
Ausnahmsweise war der Tenor nicht der Held des Abends. Juan Diego Florez, dessen Ambitionen der Erweiterung seines Repertoires man absolut bewundern muss, hat mit dem Nadir wieder eine Rolle übernommen, die ihm nicht völlig liegt. Überforderung und Anstrengung lagen immer wieder in der Luft, und die Arie wurde zu keinem Glanzstück, so dass der Beifall danach gerade einmal tröpfelte. Auch fehlte die Eleganz für die französische Melodik und die Dolcezza (hier muss man eher „Douceur“ sagen) der Liebhaber-Stimme. Dafür sah er, erst im weißen, dann im schwarzen Anzug ganz fabelhaft aus.
Die Staatsoper hat Kristina Mkhitaryan zuletzt in großen Rollen (Violetta, Manon) eingesetzt, wohl um den Boden für ihre Leila zu bereiten, aber über Spitzentöne hinaus war da nicht viel Erfreuliches zu vernehmen. Es fehlte das Fließen der Gesangslinie, das Schwelgerische der Melodie. Die Verwandlung von der Orient-Puppe am Anfang zur Lady in Black am Ende hat sich der Regisseur / Kostümbildner wohl auch nicht logisch überlegt. Oder hat sich die Dame in der ganzen Katastrophe des Geschehens für ihre Hinrichtung in einer Boutique des Kaufhauses bedient?
So war es für Ludovic Tézier, auch wenn er etwas raustimmig daher kam, ein Leichtes, sich zum (vom Publikum auch als solchen akklamierten) Helden des Abends aufzuschwingen, mit Stimmkraft, Ausdruck, Persönlichkeit.
Ivo Stanchev machte in seinen wenigen Szenen gute Figur (samt gutem Bass), und der Chor zeigte, was er können musste, und das war akustisch viel. Was er an Aktion zu bringen hatte, war immer wieder rätselhaft. Musikalisch zusammengehalten wurde der Abend mit Verve von Daniele Rustioni
Vorauseilender Lobes-Journalismus hat Ersan Mondtag schon bestätigt, diese Inszenierung sei „der letzte Schritt in die Champions League“. Nun, bekanntlich stimmt ja nicht alles, was in der Zeitung steht. Mondtag ist einer jener Regisseure, denen eben irgendetwas durch die Rübe rauscht, und der Direktor der Wiener Staatsoper (und andere Kollegen) nehmen die Verantwortung auf sich, das ihrem Publikum vorzusetzen bzw. zuzumuten.
Nun kann es ja sein, dass jemand die „Perlenfischer“ für ein unerträgliches Stück Exotik-Kitsch hält, gut, dann muss man sie ja nicht spielen. Alles ist besser, als sie einem Ersan Mondtag anzuvertrauen. Dieser Meinung war auch jener Teil des Publikums, der dem vergnügt grinsenden Regisseur seine wütenden Buh-Rufe entgegen schleuderte.
Renate Wagner

