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WIEN / Staatsoper: L’ELISIR D’AMORE

19.02.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper
L’ELISIR D’AMORE von Gaetano Donizetti
189. Aufführung in dieser Inszenierung
18. Februar 2012  

Diesmal standen die Stehplatz-Heischenden, wie man mir berichtete, bis zum Sacher hin angestellt. Der Name Rolando Villazón leuchtet offenbar nach wie vor in goldenem Starglanz. Oder war es Neugierde, die das Publikum in diesen „Liebestrank“ trieb? Liebevolle Neugierde, um zu sehen, ob er wieder „ganz der Alte“ ist? Boshafte wienerische Neugierde, beim „Brez’nreißen“ dabei zu sein? Nun, sowohl die eine wie die andere Hoffnung wurde enttäuscht. Im Ganzen war es ein Abend, der eher traurig als froh stimmte.

Vorausgeschickt: Da hatte man doch neulich per Livestream die Gelegenheit zu sehen, was den Münchnern als „Liebestrank“-Inszenierung geboten wird. Man muss wirklich froh sein, bei uns noch die alte Jürgen Rose-Dekoration für das gemütliche Schenk-Getue zu haben. Es passt zum Werk – und nur in solchem Rahmen konnte sich Villazón darstellerisch dermaßen entfalten.

Wenn dieser Nemorino auf die Bühne kommt, mit Körbchen, Strohhut, Äpfeln (später wird er mit dreien davon virtuos jonglieren und dafür Extraapplaus ernten), ist er ganz der geliebte, bekannte Rolando Villazón: als Schauspieler hundertprozentig da, so sehr, dass man es wohl „hyperaktiv“ nennen kann, aber nicht dumm – was er macht, hat immer Sinn. Nur dass sein Nemorino eben von Anfang bis zum Ende der Clown an sich ist. Macht nichts, mit dieser Rolle ist vieles möglich: Man erinnere sich an Pavarottis hinreißende Tapsigkeit. Oder an die Verklemmtheits-Studie von Flórez. So, wie Villazón um seine Adina wirbt und leidet, wie er liebt und siegt, immer noch ein schräger Blick, immer noch eine Bewegung, muss man einfach lachen und lässt sich von ihm einfangen. Nein, als Bühnenpersönlichkeit wird er nie Probleme haben.

Die Stimme ist, sagen wir es gleich, natürlich nicht, was sie war. Noch schön, gut geführt, aber bestenfalls (bestenfalls!) vom Umfang zwei Drittel dessen, was sie früher war. Er hat einfach keine ausreichende Kraft mehr (manchmal blieb er bei normalem Orchester kaum hörbar, wie erst, wenn es wirklich aufspielte). Und wenn ihm die Nerven dazwischen kamen wie bei „Una furtiva lacrima“, dann wackelte er mehr als einmal, da schien nichts zu klappen, kein Ansatz, kein Übergang, da hatte man panische Angst, dass er an den Fröschen, die sich ihm in den Hals schlichen, ersticken würde. Abgesehen davon, dass es keine wirklich hohen Töne (und schon gar keine lustvollen tenoralen Draufgaben) gab. Nur einen Sänger, der danach fast wie ein Häufchen Elend dasaß und wie gottergeben (und möglicherweise überrascht) den heftigen Applaus über sich ergehen ließ. Er wusste es selbst besser. Nein, nach DaCapo (wie letztlich bei Flórez) verlangte das nicht.

Man liebt Rolando Villazón. Und natürlich kann er in der Verfassung, in der er sich befindet, weiter singen, wenn er unbedingt will. Es gibt Tenöre, die hatten nie mehr Stimme als er jetzt – aber die bleiben dann in der zweiten oder dritten Reihe. Sie müssen nicht gegen eine Legende ansingen, die Villazón heißt und die Erwartungen berechtigt auf die Spitze treibt. Das ist wie beim Tennis: Auch wer die Nummer 1 war, kann als Nummer 37 weiterspielen (die Zahl ist beliebig). Aber er wird sich und dem Publikum, das ihn liebt (und das etwas davon versteht) damit weh tun.

Im übrigen hatte die Staatsoper auch sonst keinen glücklichen Abend, der von Dirigent Guillermo Garcia Calvo wenig Impetus erhielt, aber einige Probleme – Sramek wäre bei seiner Auftrittsarie beinahe aus dem Ensemble herausgesegelt. Aber die Mittelmäßigkeit herrschte allerorten.

Es war, nach der Susanne, erst meine zweite Begegnung mit Sylvia Schwartz, und sie überzeugte mich wieder nicht. Eine harte, uninteressante Stimme, eine wenig ansprechende Persönlichkeit. Nein, Adina rettete den Abend nicht, auch wenn Nemorino sie (darstellerisch) so bestrickend umschwärmte.

Als Hausdebut lernte man den Sizilianer Nicola Alaimo als Belcore kennen. Wenn er nicht als Pointe ausgestopft war, ist er ein gewaltiges Mannsbild. Umso weniger dran ist an seinem Bariton ohne Eigenschaften und ohne nennenswertes Volumen, aber mit einigen technischen Problemen.

Aber auch die stets verlässlichen hauseigenen Mitglieder ließen an diesem Abend weitgehend aus: Alfred Sramek war lange nicht so lustig und präzise wie sonst und Ileana Tonca hat mit der Rolle der Giannetta ohnedies nichts anderes zu vermelden, als dass noch eine hübsche Frau auf der Bühne steht. Ihr Ariettchen gelang auch nicht eben zum Aufhorchen.

Das Publikum hatte entweder Probleme mit den Ohren und der Urteilskraft, oder es wollte mit Gewalt freundlich sein: Jubel für alle, und fast eine Villazón-Posse vor dem Vorhang – in Siegerpose mit weit ausgebreiteten Armen, sich ans Herz pochend und dieses Herz dem Publikum quasi vielfach entgegenwerfend. Vermutlich war er gerührt darüber, was die Wiener für ihre Lieblinge tun. Aber sie jubelten nicht ihm zu, sondern der Legende (die man bei Arcadia um 9,99 Euro als DVD kaufen kann, Netrebko/Villazon 2005… erst sieben Jahre her und so lange vorbei).  Was seine Leistung an diesem Abend betrifft – er muss es selbst besser wissen, als dem Applaus zu glauben.

Renate Wagner

P.S.  Glücklicherweise muss ich – dem Merker sei aus ganzem Herzen Dank – selten auf Stehplatz gehen. Aber es gibt eben nur zwei Merker-Karten pro Vorstellung, also ist es hie und da unvermeidlich. So kam ich wieder einmal auf den Balkon (wo ich meine ganze Jugend verbracht habe: nicht so weit weg wie die Galerie, denn Sehen ist für mich so wichtig wie Hören, und nicht so klaustrophobisch wie das Stehparterre, ich bin gerne da). Und wieder ärgere ich mich, wie schon seit Jahrzehnten, dass man am Balkon logistisch nicht gescheiter vorgehen kann. Da wird man durch den vorderen Eingang hereingelassen: Der Erste, der kommt, stellt sich dick und fett auf den ersten Platz (klar), die Nächsten müssen sich puffend und drängelnd am ihm (und an dem jeweils Nächsten) vorbeidrängen, um die Reihe zu füllen. Manche flutschen in die zweite Reihe, lassen sich auf ihren Allerwertesten nieder, schlüpfen durch die Stange und drängeln sich auch in die erste Reihe. Das kann ich noch – aber in zehn Jahren wahrscheinlich nicht mehr.

Das Chaos ist jedes Mal perfekt. Warum bitte kann man nicht bei der seitlichen Tür hineingehen? Dann füllen sich die Reihen von der andern Seite mühelos, und alle kommen gewissermaßen auch der Reihe nach zu ihren Plätzen, ohne sich gegenseitig halb tot zu stoßen. Bitte, liebe Staatsoper, wer immer da zuständig ist – könnte man Dinge, die evident im Argen liegen, nicht einmal verbessern?

 

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