Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Staatsoper: LE PAVILLON D’ARMIDE / LE SACRE

19.02.2017 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

WSO-Strawinski-LeSacre-Ensemble- xx
Copyright: Wiener Staatsballett/ Ashley Taylor

WIEN / Staatsoper:
LE PAVILLON D’ARMIDE / LE SACRE
Choreographie: John Neumeier
Premiere: 19. Februar 2017,
besucht wurde die Generalprobe 

Man hat in Wien, anfangs und zuletzt auch an der Wiener Staatsoper, dazwischen im Theater an der Wien, manches von John Neumeier gesehen, und es war immer ein Gewinn. Das Spektrum seiner Themen ist breit – Oratorien, klassische Mythen, Shakespeare-Paraphrasen, Neugestaltung legendärer Choreographien. Besonders eindrucksvoll erschienen oft seine „Handlungsballette“, in denen (literarisch) berühmte Persönlichkeiten im Mittelpunkt standen, beispielsweise „Die Kameliendame“ oder „Tod in Venedig“.  

Auch in „Pavillon d’Armide“ geht es um eine Einzelperson im Mittelpunkt, diesmal allerdings eine historische: der Tänzer Vaslaw Nijinsky, für John Neumeier immer eine Gestalt, die ihn nie losgelassen hat, der „Superstar“ des Tanzes im 19. Jahrhundert (er hat ihm 2000 ein eigenes biographisches Ballett mit dem Titel „Nijinsky“ gewidmet).

In „Pavillon d’Armide“ paraphrasiert Neumeier ein klassisches Werk des Ballets Russes, dem dieser Abend huldigt. Es wurde 1909 in der Choreographie von Michail Fokin in Paris gezeigt, mit Anna Pawlowa und Vaslav Nijinsky in den Hauptrollen. Für Neumeier sind Teile dieses Balletts die Erinnerungs-, Traum- und Phantasie-Sequenzen, die Nijinsky in der Psychiatrie quälen, in die er 1919 eingewiesen wurde und die er bis zu seinem Tod 1950 in London nie mehr verließ.

Ein kleines Krankenzimmer zuerst, ein unruhiger Mann, eine schöne Frau, die am Arm des Arztes zu Besuch kommt, Pfleger. An der Wand hängt ein Bild mit einer klassisch „romantischen“ Szenerie aus Natur und Petersburger Architektur. (Es handelt sich, wie man aus dem Gespräch mit  Alexandre Riabko erfahren hat, um eine Originalzeichnung von Alexandre Benois.)

Wenn sich das kleine Krankenzimmer dann zur vollen Bühnenbreite erweitert, ist dieses Bild der Hintergrund des Geschehens, durch das der tragische Held irrt – als Zuseher, Mittänzer, in Verzweiflung. Man sieht nicht nur Tänzer, die im Hintergrund an der Stange üben, Menschen, die quasi über Boulevards flanieren, hier tanzt Nijinsky auch das Pas de Trois aus „Pavillon d’Armide“ mit zwei Partnerinnen und erscheint in einer seiner berühmtesten Rollen, als „Siamese“ (davon gibt es zahlreiche Fotografien)…

Mehr oder minder dieselben Tänzer, mit denen Neumeier schon 2015 für „Verklungene Feste“ und „Josephs Legende“ zusammen gearbeitet hat, sind im „Pavillon d’Armide“ eingesetzt, dieser 70minütigen, immer schönen, nur selten ein wenig lang werdenden Elegie zur Musik von Nikolai Tscherepnin, in deren Zentrum Mihail Sosnovschi als zerrissender, kämpfender, leidender Nijinsky steht, immer das Auge fesselnd, ein faszinierendes Zentrum der Geschichte. Er kann wirklich Leiden tanzen.

Pavillon_2140474_Dato x  Pavillon_2140293_Yakovleva x
Davide Dato / Maria Yakovleva

Von seinen beiden Alter Egos ist Davide Dato als rotgekleideter, exotischer „Siamese“ der Elegantere, Denys Cherevychko tanzt, in Weiß, mit Feder am Tschako, das Pas de trois mit Maria Yakovleva und Nina Tonoli. Nina Poláková, die im eleganten hellblauen Gewand als Romola Nijinsky zum Besuch bei dem Kranken kommt, darf dann im Ballett der Vergangenheit in die Rolle der Armide schlüpfen. Seltsam nur, dass der Arzt, den Roman Lazik tanzt, auch in der Kleidung Nijinsky so ähnlich sieht, dass man gelegentlich Gefahr läuft, sie zu verwechseln (ob das Absicht ist?).

Ganz am Ende, wenn Nijinsky quasi nackt vor dem Publikum steht, ertönen die ersten, weltbekannten Oboentöne von Igor Strawinskis „Le sacre du printemps“ und geben damit die Ahnung, wie es nach der Pause weitergehen wird…

Dass 1903. also vor 104 Jahren die Uraufführung von „Le sacre du printemps“, choreographiert von Nijinsky, ein Skandal war, ist tausendfach durchgekaut worden. Seitdem haben sich Generationen von Choreographen an diesem „Frühlingsopfer“ abgearbeitet, wobei man auch folkloristische Interpretationen gesehen hat, die das Werk durchaus brutal-realistisch genommen haben. Neumeiers Fassung ist weniger „alt“ als legendär: Sie entstand 1972 für das Frankfurter Ballett „und spiegelt – zwischen den Deutungen von Maurice Béjart (1959) und Pina Bausch (1975) stehend – auch den Geist dieser Dekaden“, wie das Hamburger Ballett (man hat „Le Scare“ dort 2013 gezeigt) in seinen Presseunterlagen bemerkt.

Der „nackte“ Mensch, als der Nijinsky am Ende von „Pavillon d’Armide“ dasteht, wiederholt sich in allen Tänzern von „Le Scare“ – nur müssen sie nicht splitterfasernackt sein, wie die Tänzerin Beatrice Cordua die zentrale weibliche Hauptrolle 1972 in Frankfurt getanzt hat, sie alle simulieren Nacktheit überzeugend mit fleischfarbenen kurzen Höschen, die Damen zusätzlich mit Büstenhaltern. Das reicht, man weiß, was gemeint ist.

Nichts Reales jedenfalls, auch wenn ein nackter Mann, der am Boden liegt, offenbar tot, der Ausgangspunkt der Geschichte ist. Es folgt eine Bewegungschoreographie, die „auf  den  ursprünglich  zugrundeliegenden  Ritus“  verzichtet (Zitat aus den Unterlagen):  „Metaphern ersetzen eine konkrete Handlung und schildern Szenarien von Unschuld über Befremden, Verdacht und Aggression bis hin zu endgültiger Zerstörung.“

Bis diese Zerstörung in einem finalen Furioso von Rebecca Horner (sie war auch Neumeiers Potiphars Weib in Wien) getanzt wird, zeigt die Compagnie eine Abfolge ebenso faszinierender wie teilweise verstörender Bilder, wo sich Menschenleiber zu seltsamen Maschinen oder feindlichen Tieren zu ballen scheinen, Arme und Beine in grotesken, bedrohlichen Bewegungen. Die Gewaltsamkeit, die Strawinskis Musik ausstrahlt (Dirigent des Abends: Michael Boder) gewinnt hier so nachdrücklich, so „modern“ Gestalt, dass man dies auch als Neuinterpretation von 2017 nehmen könnte, nicht als Form, die bereits vor 45 Jahren gefunden wurde…

Neumeier zwischen Menschen-Schicksal und Menschen-Metapher: Es ist immer spannend, ihm zuzusehen.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken