Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Staatsoper: LE PAVILLON D’ARMIDE / LE SACRE /Neumeier-Ballettabend

Ausgeliefert - lyrisch und aggressiv

27.03.2019 | Allgemein, Ballett/Tanz

Bildergebnis für wien staatsballett l pavillon
Denys Cherevychko, Nina Polakova. Foto: Wiener Staatsballett/ Ashley Taylor

John Neumeier-Ballettabend in der Wiener Staatsoper, 26.3.2019:

AUSGELIEFERT – lyrisch und aggressiv

Es ist ein sehr anspruchsvoller, auch etwas heikler Ballettabend. Hamburgs langjähriger Ballettchef John Neumeier zählt zu den Choreographen mit stark forderndem Intellekt. Und dieses 2017 aus Hamburg vom Wiener Staatsballett übernommene Programm mit Neumeiers neuen, sehr persönlichen Interpretationen von zwei Werken aus der Ära von Sergei Diaghilews Ballets Russe fordert volle Präsenz auf der Bühne. Gegeben! Auch im Orchestergraben: Symphonisch sublim wurde unter Dirigent Michael Boder musiziert.

Beide Choreographien zeigen in Neumeiers in lyrisch überhöhender Deutung ausgelieferte Menschen. In „Le Pavillon d‘Armide“ (Musik von Nikolai Tscherepnin) erinnert er an das tragische Schicksal der Tanzlegende Vaslaw Nijinsky. Ausgeliefert seiner mentalen Erkrankung, eingeliefert in eine psychiatrische Anstalt. Der junge Jakob Feyferlik hat sich in diese komplexe Rolle total eingelebt. Ohne falsche Attitüde – einerseits menschlich kaputt, andererseits die Reminiszenzen, aufkommende, wieder verschwindende, an seine so außergewöhnlichen künstlerischen Erfolge. Rund um ihn, trauernd, schwirrend, früheren Glanz vermittelnd: Nina Poláková als seine Frau Romola, Roman Lazik (der Arzt), Maria Yakovleva, Denys Cherevycko, Davide Dato und sich überschneidende Vergangenheits-Illusionen. 

In „Le Sacre“, Neumeiers sich spannend entwickelnder Version von Igor Strawinskis 1913 von Nijinsky choreographierten Skandalballett „Frühlingsopfer“, wird eine völlig anonyme Menschenhorde vorgeführt. Entblößte Lebewesen ohne Würde, welche in all diesen wechselnden Formationen, Bewegungsabläufen, unterdrückten Emotionen gleichsam einem Ur-Faschismus ausgeliefert scheinen. In teils beklemmenden, teils auch skurrilen Episoden wippend, tastend, puppenhaft, sich zwängig in Gruppen formierend und sich skulptural verschlingend. Aggressiv wie verzagend einem unentrinnbaren Schicksal unterworfen –  dick unterstrichen auf leerer Bühne im langgezogen abschließenden Verzweiflungs-Solo, in welchem die sich totaler Anspannung hingebende Ketevan Papava entseelt zu Boden sinkt.

Meinhard Rüdenauer

 

 

Diese Seite drucken