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WIEN / Staatsoper: LE CORSAIRE

21.03.2016 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

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Fotos: Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

WIEN / Staatsoper:
LE CORSAIRE von Manuel Legris
Premiere: 20. März 2016

Jede Ballett-Compagnie braucht große Handlungsballette, schon weil sie leichter voll zu bekommen sind als die modernen Abende mit kleinen Stücken moderner Choreographen. Und es kann ja nicht immer „Schwanensee“ sein. Wie groß das Bedürfnis des Publikums nach einer schönen, bunten „Ballett-Show“ ist, das bewies der Jubel, der die Premiere von „Le Corsaire“ begleitete.

Nicht jeder „Chef“ hält so rein (man kennt genügend, die vor allem sich selbst bedienen) – all die Jahre, die er als Ballettdirektor des Wiener Staatsballetts tätig ist, hat sich Manuel Legris noch nie als Choreograph in den Vordergrund gedrängt. Aber nun hat er ein Werk gefunden, das ihn offenbar ausreichend gereizt hat, um eine abendfüllende Aufführung vorzustellen: „Le Corsaire“, nach Musik von (hauptsächlich) Adolphe Adam, 1856 in Paris uraufgeführt, berühmt geworden (natürlich!) durch eine Choreographie von Marius Petipa von 1863, und in Wien noch nie zur Gänze gespielt. Das holt man nun nach, mit ungefähr vier Besetzungen für alle großen Rollen, den Erfolg im Visier, der sich schon bei der Premiere einstellte und sich zweifellos Abend für Abend wiederholen wird.

Eine einfache Geschichte, reiner Orientalismus, rasante Seeräuber, große Liebe bei der Begegnung im Basar, ein Sklavenhändler, der Médora, die Geliebte des Korsaren Conrad, an den Fürsten Seyd Pascha verkauft, Conrad holt sie zurück, der Sklavenhändler seinerseits raubt sie wiederum mit List, sie landet im Harem, bis Conrad sie wieder befreit – das alles ist nur Vorwand für ein „buntes“ klassisches Ballett, das neben dem Liebespaar noch sechs große Rollen hat, jede Menge der obligat virtuosen, mit Schwierigkeiten gespickten Soloszenen, Pas de Deux (eines ist durch Nurejew / Fonteyn weltberühmt geworden, in voller Pracht auf YouTube anzusehen), sowohl temperamentvolle Ensembleszenen im Basar wie auch die klassischen à la Schwanensee-Passagen im Harem.

Alles drin – und Legris bietet alles. Er hat den Abend noch mit Stücken anderer Komponisten aufgestockt, hat ihn dramaturgisch bearbeitet. Da man logischerweise kein Kenner des Werks ist, nimmt man es, wie man es hier sieht, es entfaltet sich selbst ohne Programmheftlektüre übersichtlich…

Freilich, dass ein Abend wie dieser vor hundert Jahren wahrscheinlich genau so ausgesehen hat, das muss man hinnehmen, wir sind ja nicht bei Mats Ek, es ist schließlich eine bewusste Entscheidung, das Werk auf der Basis klassischen Tanzes neu zu beleben. Selbst die Ausstattung von Luisa Spinatelli wirkt ganz „altmodisch“, obwohl sie bei näherer Betrachtung an den Kulissen (nicht an den Kostümen) eigentlich gespart hat. Jeweils nur ein Hintergrundsvorhang, dieser allerdings im Sinn des gestrigen Orientalismus bemalt, sonst braucht man kaum ein paar Versatzstücke. Das größte ist wohl ein Piratenschiff für den Beginn und das Ende, wo man dann um die Helden bangen muss, wenn sie auf der Flucht in einen Sturm geraten – aber Überraschung, es muss nicht tragisch ausgehen, es gibt ein Happyend.

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Maria Yakovleva &  Robert Gabdullin / Alice Firenze & Davide Dato

Möglicherweise hat das Zufallsprinzip gewaltet, wer die Premiere tanzen durfte – für das Liebespaar waren es der so exotisch wirkende Robert Gabdullin (der nicht nach jedem Sprung perfekt wieder auf den Boden kam, aber sonst strahlend genug war für den Liebhaber) und Maria Yakovleva als die vielfach hin- und hergeraubte Braut mit ihrem unwiderstehlichen Charme und der gewissen Natürlichkeit, die sie in ihrer Schlaksigkeit ausstrahlt.

Dagegen ist Liudmila Konovalova (hier als Gulnare, auch sie wird später die Hauptrolle der Médora tanzen) bis in die Fingerspitzen eine faszinierende Kunstfigur, aber auch das passt für eine Ballerina. In der dritten Frauenrolle wirbelte Alice Firenze eine Piratenbraut, die sich später für eine Intrige hergibt.

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Kirill Kourlaev /  Liudmila Konovalova

Kirill Kourlaev, diesmal als Sklavenhändler Lanquedem, eroberte das Publikum wie er es mit seiner kraftvollen, aggressiven Attitüde immer tut, sich voll ins Geschehen schleudernd. Hingegen ist Mihail Sosnovschi (der in anderen Vorstellungen zur interessanteren Rolle des Lanquedem aufsteigen wird) ein sehr nobler, elegant anzusehender Herr des Harems. Und Davide Dato als behänder Birbanto, scheinbarer Freund des Helden, muss seinen Verrat dann mit Tod in einer Kampfszene bezahlen.

Im dritten Akt entfaltet sich jenseits von realer Handlung Tanz zum Selbstzweck, für das Damencorps und drei „Odalisken“, die an diesem Abend mit Natascha Mair, Nina Tonoli und Prisca Zeisel besetzt waren, solistisch forsch drauf los, nicht immer ganz exakt, wenn sie als Trio agieren sollten.

Dirigent Valery Ovsianikov ließ die Musik so wirkungsvoll donnern, wie es die temperamentvolle Handlung verlangt, und der Beifall war, wie erwähnt, dementsprechend stürmisch.

Renate Wagner

 

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